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Folgen für den Kreishaushalt: Zwei Drittel des Etats sind Ausgaben für Jugend und Soziales

Jedes sechste Kind von Armut betroffen

Hameln-Pyrmont (joa). Im Landkreis Hameln-Pyrmont ist statistisch jedes sechste Kind von Armut betroffen. Gleichzeitig steigt die Zahl der Alleinerziehenden und die von Kindern, deren Eltern sich haben scheiden lassen. Die Folge ist auf der Kostenseite im Haushalt für 2012 des Landkreises in immer erschreckenderen Zahlen abzulesen: Die Ausgaben für Jugend und Soziales machen zwei Drittel in den Kreisaufwendungen von insgesamt gut 200 Millionen Euro aus. Allein bei den Hilfen zur Erziehung, die das Jugendamt des Kreises laut Gesetz leisten muss, werden sich die Aufwendungen in diesem Jahr um 1,6 Mio. Euro erhöhen. Und das, weil die Kosten in allen Sparten der Hilfeleistungen durch das Jugendamt kontinuierlich klettern. Laut Jugendamtsleiterin Martina Kurth-Harms ein Trend, der sich „keineswegs nur auf den Landkreis Hameln-Pyrmont bezieht, sondern bundesweit zu beobachten ist“. Ein Spiegelbild der Entwicklung der Gesellschaft eben. Und ein teures für den Landkreis; was Hameln-Pyrmonts Kämmerer Carsten Vetter jetzt bei der Vorstellung des Haushaltes beim Sozialbereich zu der Bemerkung veranlasste: „Hier spielt eigentlich die Musik eines Landkreises.“

veröffentlicht am 30.01.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 14:41 Uhr

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Rechtsgrundlage für das Kinder- und Jugendhilferecht, dessen sämtliche Leistungen übrigens von den Betroffenen beim Jugendamt einklagbar sind, ist ab 1991 das Sozialgesetzbuch Achtes Buch – Kinder- und Jugendhilfe. Danach ist das Jugendamt nicht mehr allein überwachende Behörde, die interveniert, wenn Kinderrechte in Gefahr sind. Das Achte Buch Sozialgesetzbuch ist vielmehr ein Instrument zur Vorbeugung, zur Hilfestellung und zum Schutz von Kindern und Jugendlichen. Dem Gesetz liegt ein neues Verständnis von Kinder- und Jugendhilfe zugrunde; im Vordergrund stehen „die Förderung der Entwicklung junger Menschen und die Integration in die Gesellschaft durch allgemeine Förderungsangebote und Leistungen in unterschiedlichen Lebenssituationen“.

Und diese Förderung verursacht immense Kosten. Kosten, für die der Landkreis keinerlei Zuschüsse von Bund oder Land bekommt: Jugendhilfe ist eine originäre Aufgabe der Landkreise. Will heißen, um im Bilde von Kämmerer Vetter zu bleiben: Der Bund hat 1991 zwar die Musik bestellt; zahlen darf aber der Landkreis. Und das jährlich immer mehr.

Starten wir in diesem Katalog der Haupthilfearten mit dem Krisenmanagement des Jugendamtes, der sogenannten kurzfristigen Inobhutnahme von Kindern in Akut- und Gefahrenfällen in Pflegefamilien oder Heimen. Hat deren Zahl niedersachsenweit zugenommen, so ist hier erfreulicherweise in Hameln-Pyrmont eine leichte Abnahme zu verzeichnen. Waren es 2008 noch 84 Fälle, pendelte sich dann aber auf 60 Inobhutnahmen ein. Und dennoch: Laut Jugendamtsleiterin ist die Inobhutnahme oft nicht nur eine einmalige Episode. Bei zwei Dritteln können sich kostenträchtige Maßnahmen anschließen.

Solch eine Maßnahme könnte bestenfalls die Unterbringung in eine Tagesgruppe sein, von denen für den Landkreis derzeit fünf zur Verfügung stehen. Hier werden auffällige Kinder im Schulalter vom fünften bis zum 14. Lebensjahr verpflegt, bekommen Hausaufgabenhilfe und Sozialtraining. Plätze können von den Erziehungsberechtigten beantragt werden, und kosten, sofern die Maßnahme nach Prüfung durch das Jugendamt berechtigt ist, pro Kind 800 bis 2000 Euro pro Monat. Statistisch haben sich hier die Fallzahlen von 48 im August bis zum Oktober vorigen Jahres auf 66 erhöht. Generell wird diese Maßnahme immer häufiger in Anspruch genommen: Gab der Kreis 2009 nur runde 893 000 Euro hierfür aus, sollen es 2012 voraussichtlich 1,35 Mio Euro sein.

„Familienhilfe“ ist neben dieser Art der Erziehungshilfe ein weiteres niederschwelliges Angebot des Jugendamtes, mit dem, so Martina Kurth-Harms, oftmals schon präventiv kostenträchtigere Maßnahmen für Kinder und Jugendliche rechtzeitig abgewendet werden können. Hier erhalten Familien mit Problemkindern stundenweise sozialpädagogische Betreuung, bei denen erzieherische Fragen ebenso geklärt werden können wie Probleme bei den Finanzen oder der Haushaltsführung. Hier arbeitet der Landkreis mit 14 externen Anbietern dieser Hilfe zusammen, zahlt 46 Euro pro Service-Stunde. Und die Jugendamtsleiterin betont, dass es hierbei eben nicht so schnell und kostengünstig wie bei der RTL-Super Nanny geht. Eine Behauptung, die sich in Kosten niederschlägt: 1,6 Mio Euro wird die Familienhilfe den Kreis in diesem Jahr kosten.

So richtig teuer wird es für den Landkreis dann aber bei der Unterbringung der Kinder und Jugendlichen in Pflegefamilien oder ins Heim: Hier ist die Fallzahl mit durchschnittlich 175 in Vollzeitpflege und um die 155 in Heimen untergebrachten Kindern und Jugendlichen zwar relativ konstant geblieben – die Kosten haben sich dennoch beachtlich entwickelt: So kostet derzeit ein Platz für ein Kind in Dauerpflege monatlich im Schnitt 793 Euro, für einen Heimplatz muss der Kreis je nach Aufwand für die dort untergebrachten Kinder und Jugendlichen zwischen 4000 und 7000 Euro im Monat berappen. Noch teurer wird es bei den 13 sogenannten Mutter-Kind-Plätzen, in denen minderjährige Mütter mit ihren Babys betreut werden: Hier können pro Fall die Kosten für den Kreis bis auf 8000 Euro im Monat klettern.

Und trotz der relativ konstanten Zahlen in beiden Unterbringungsarten sind dennoch die Aufwendungen gestiegen: Beliefen sie sich in der Vollzeitpflege 2009 noch auf rund 1,9 Mio Euro, so liegt der Haushaltsansatz für 2012 schon bei 2,1 Mio Euro. Noch höher die Summen für die Heimunterbringungen. Waren es 2009 noch runde 8,2 Mio Euro, so werden für dieses Jahr 10,2 Mio Euro Euro erwartet.

Kinderarmut ist nicht nur ein trauriges Spiegelbild unserer Gesellschaft – die Folge ist auf der Kostenseite im Haushalt für 2012 des Landkreises in immer erschreckenderen Zahlen abzulesen. So klettern die Kosten in allen Sparten der Hilfeleistungen durch das Jugendamt kontinuierlich.

Foto: dpa



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