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Tollwut „fast ausnahmslos tödlich“ / Seuche mit großangelegter Impfaktion bekämpft

Ist sie wirklich besiegt?

Hameln. Es gab eine Zeit, da waren in Deutschland viele Füchse mit Tollwut infiziert. Angst hatte aber kaum jemand. Kinder spielten im Wald oder wanderten mit ihren Eltern, Paare machten auf verträumten Lichtungen ein romantisches Picknick. Rot-weiße Warnschilder mit der Aufschrift „Wildtollwut! – Gefährdeter Bezirk“ wurden zwar zur Kenntnis genommen, verbreiteten jedoch keinen Schrecken. Man vertraute wohl der Medizin, wusste: Nach einem Biss kann man sich ein „Gegenmittel“ spritzen lassen. Die Spritze war damals noch schmerzhaft, dafür aber wirksam – und lebensrettend. Infizierte Menschen, die sich keine Tollwutprophylaxe geben ließen, waren allerdings dem Tod geweiht. So ist das noch heute. Allerdings sind Prophylaxe und Impfung inzwischen recht gut verträglich. „Zwischen dem Auftreten erster Krankheitszeichen und dem Tod liegen bei unbehandelten Patienten maximal sieben Tage“, sagt der Leiter des Gesundheitsamts Hameln, Dr. Klaus Weber. „Da eine Tollwuterkrankung immer zum Tod führt, müssen präventive Maßnahmen bei potenziell exponierten Personen besonders wirksam sein und ohne Zeitverzug durchgeführt werden.“ Die Gefahr wird häufig unterschätzt, gerade im Ausland: „Tollwut ist eine schwere Virusinfektion, die fast ausnahmslos tödlich endet“, informiert das Tropeninstitut. Die Krankheit wird durch den Speichel infizierter Tiere (zum Beispiel Füchse, Fledermäuse, Hunde, Katzen) übertragen und führt zu Krampfanfällen, aggressivem Verhalten, Koma und Tod durch Atemlähmung. Die Erkrankung beginnt oft erst Monate, manchmal sogar erst Monate nach dem Viruskontakt. Nach Angaben des Tropeninstituts beträgt die Inkubationszeit in den meisten Fällen 20 bis 70 Tage. „Tollwut kann aber auch schon nach vier Tagen oder erst nach einem Jahr ausbrechen.“

veröffentlicht am 16.05.2015 um 12:00 Uhr
aktualisiert am 12.01.2017 um 22:09 Uhr

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Ulrich Behmann

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Ulrich Behmann Chefreporter zur Autorenseite
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Nach Angaben des Niedersächsischen Landesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (LAVES) wurde in Niedersachsen letztmalig 1995 Tollwut bei Wild- und Haustieren diagnostiziert. Seit 2008 gilt ganz Deutschland offiziell als frei von terrestrischer Tollwut. „Dazu haben nicht nur regelmäßige Impfungen von Hunden und Katzen beigetragen, mit der Einführung der oralen Immunisierung der Füchse durch Impfköder in den 1980er Jahren begann auch ein kontinuierlicher Rückgang der Tollwuterkrankungen im Wildtierbereich“, so LAVES. In anderen Ländern, insbesondere in Indien, fordert die Tollwut immer noch viele Opfer. Weltweit sterben nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation jährlich zirka 50 000 Menschen daran.

Obwohl Deutschland als tollwutfrei gilt, gibt es auch hierzulande infizierte Tiere. „Es ist bekannt, dass Fledermäuse Tollwut übertragen können“, sagt Amtstierarzt Dr. Peter Bolten, Leiter des Amtes für Veterinärmedizin und Lebensmittelüberwachung beim Landkreis Hameln-Pyrmont. Zwar werde die Krankheit bei Fledermäusen durch andere Genotypen des Tollwutvirus hervorgerufen, sie sei deshalb aber nicht weniger gefährlich. Der Kreisveterinär warnt eindringlich davor, Fledermäuse ohne Handschuhe anzufassen. „Sie haben sehr feine Zähne. Man merkt unter Umständen gar nicht, dass man gebissen wird.“ Erst vor ein, zwei Jahren sei im Nachbar-Landkreis Schaumburg eine tote Fledermaus gefunden worden, die nachweislich an Tollwut erkrankt war.

Seit den 1950er Jahren habe sich die Wildtollwut stark in Deutschland ausgebreitet, sagt Dr. Bolten. Bis zur sogenannten Tollwutfreiheit sei es ein langer Weg gewesen. In den 1960/70er Jahren seien Füchse intensiv bejagt worden. Fuchsbauten wurden sogar begast. Danach gab es Massen-Impfaktionen – auch im Landkreis Hameln-Pyrmont. Zwischen 1987 und 1992 seien in heimischen Wäldern pro Jahr 11 000 Impfköder ausgelegt worden. Im Durchschnitt seien 90 Prozent der Köder von Füchsen und möglicherweise auch von anderen Wildtieren angenommen worden. Die großangelegte Aktion zeigte Erfolg. Das parallel dazu durchgeführte Tollwut-Monitoring (anfangs wurden jährlich 60 erschossene Füchse untersucht) zeigte Wirkung. Die Bundesrepublik gilt derzeit als tollwutfrei. Inzwischen werden nur noch auffällig gewordene Tiere auf Tollwut untersucht.

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Dr. Bolten hat 1985 sein Studium beendet und ist seit 1992 als Kreisveterinär in Hameln tätig. „In dieser Zeit hatte ich mit keinem bestätigten Tollwutfall zu tun.“ Dass die Tollwut eines Tages zurückkehrt nach Deutschland, hält Dr. Bolten für möglich. Grenzkontrollen sind weggefallen. Wer aus dem Ausland einen infizierten Hund mitbringt, hat die Tollwut zurückgebracht. Im Jahr 2004 ist so etwas bereits passiert. Bei einem Hundewelpen trat nach Angaben des Landesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit Tollwut auf. Es habe sich um ein illegal aus Marokko importiertes Tier gehandelt. Dieses sei bereits infiziert gewesen, als es nach Niedersachsen gebracht wurde.

Hauptinfektionsweg für den Menschen sind Fuchs und Hund. Deshalb rät der Kreisveterinär jedem Hundehalter: „Lassen Sie Ihr Tier gegen Tollwut impfen!“ Und der Leitende Medizinaldirektor Dr. Weber vom Gesundheitsamt ergänzt: „Reisende, die ein Risikogebiet aufsuchen wollen, sollten sich unbedingt zuvor impfen lassen.“

In den 1980er Jahren stellte die Tollwut auch in heimischen Wäldern eine erhebliche Gefahr dar. Ottmar Heise, Leiter des Hamelner Stadtforstamts, erinnert sich an einen Fall im Klüt. Ein Arbeiter war gerade damit beschäftigt, Schichtholz auf einen Anhänger zu laden. Plötzlich sprang ein Fuchs aus dem Stapel und biss ihn ins Bein. Der Mann hat das Tier damals totgeschlagen und im Krankenhaus eine Prophylaxe bekommen. „Die Laboruntersuchung hat später gezeigt: Der Fuchs hatte Tollwut“, sagt der Förster.

Die niedergelassene Tierärztin Dr. Stefanie Klingeberg erinnert sich an einen weiteren Tollwutfall, der Ende der 1980er Jahre im Landkreis Hameln-Pyrmont aufgetreten ist. „Ein Tierarzt ist seinerzeit von einem Mann gerufen worden, weil sich dessen Katze höchst sonderbar verhielt. Speichel lief aus ihrem Maul. Sie hat sofort versucht, zu beißen und zu kratzen.“ Als das Tier verendet war, sei es untersucht worden. Diagnose: Tollwut. Seitdem lässt sich die Veterinärin regelmäßig impfen.

Auch der Hamelner Forstamtsleiter Ottmar Heise weiß, dass die Massenimpfaktion seinerzeit den Seuchenzug gestoppt hat und Deutschland seit 2008 offiziell als tollwutfrei gilt. Dennoch sagt er: „Ich hüte mich davor, zu sagen: Tollwut gibt’s nicht mehr.“

Tierärztin Dr. Stefanie Klingeberg ist derselben Auffassung wie Heise: „Ich würde meine Hand nicht dafür ins Feuer legen.“

Seit 2008 gilt ganz Deutschland offiziell als frei von terrestrischer Tollwut. Doch Fledermäuse stellen nach wie vor eine Gefahr dar.

Wal/pr



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