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Wenn Museen und Galerien einfach keinen Platz für die Vielzahl an Sammlerobjekten finden

Ist das Kunst oder kann das weg?

WESERBERGLAND. Was passiert mit Kunstwerken, die keiner mehr kaufen will, mit Künstlern, die einst begehrt waren und nun vergessen sind? Wohin mit all den Bildern, die sich in den Nachlässen von Künstlern und Kunstsammlern finden? Claudia Thön vom „Kunstkreis“ in Hameln kennt einige Nachkommen von Künstlern, die nicht wissen, wohin mit ihrem Nachlass.

veröffentlicht am 02.06.2016 um 10:42 Uhr
aktualisiert am 12.01.2017 um 22:06 Uhr

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Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite
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Was passiert mit Kunstwerken, die keiner mehr kaufen will, mit Künstlern, die einst begehrt waren und nun vergessen sind? Wohin mit all den Bildern, die sich in den Nachlässen von Künstlern und Kunstsammlern finden? Claudia Thön vom „Kunstkreis“ in Hameln kennt einige Nachkommen von Künstlern, die nicht wissen, wohin mit ihrem Nachlass.

Da ist eine alte Künstlerin, eine Malerin. Lange Jahre konnte sie ihre Bilder teuer verkaufen. Sie hatte einen Namen, es gab viele Ausstellungen. Kunstliebhaber waren stolz darauf, ein Werk von ihr zu erstehen. Doch irgendwann war diese besonders erfolgreiche Zeit vorbei. Um weiter verkaufen zu können, hätte sie die Preise ganz erheblich senken müssen. „Das aber kam gar nicht in Frage“, sagt Claudia Thöm vom „Kunstkreis“ in Hameln, die diese Geschichte erzählt.

„Damit hätte sie alle früheren Käufer vor den Kopf gestoßen.“ So also sammelten sich viele, viele Bilder an, gute Bilder. Was soll, was wird mit ihnen geschehen? Mit diesen Bildern und unzähligen anderen von einst gefragten Künstlern, die nun in Kellern oder auf Dachböden lagern.

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  • Blick in ein Künstleratelier: Ob sich die Gemälde eines Künstlers irgendwann in Galerien anschauen lassen, ist fraglich. Foto: Pixabay

„Das ist ein echtes, fast tragisches Problem“, meint Claudia Thöm. Sie kenne so einige Nachkommen von Künstlern, die nicht wissen, wohin mit dem Nachlass. Das betreffe oft auch die Erben von Kunstsammlern. „Ich weiß doch selbst, dass meine Kinder nicht sonderlich an den Bildern interessiert sind, die mein Mann und ich im Laufe der Jahre erworben haben. Die wollen ihre eigene Kunst entdecken. Sollen sie die Bilder aus ihrem Elternhaus verramschen? Verschenken? In irgendeine Ecke stellen?“

Manche große Sammler übergäben ihren durchaus bemerkenswerten Schatz ihrer Heimatstadt und wünschen, dass dafür ein Ausstellungsraum geschaffen wird. „Da entsteht dann eine Schwemme von kleinen Museen, die eigentlich niemand will.“

Der Kampf gegen das Vergessen, darüber weiß auch Stefan Meyer Bescheid. Er ist Leiter des Museums Eulenburg in Rinteln. In seinem Magazin lagern jede Menge Bilder, bei denen es eher unwahrscheinlich ist, dass sie jemals wieder an die Öffentlichkeit kommen. „Ja, wenn wir einen Kröner bekämen, einen Osterwald oder etwas von einem anderen der berühmt gewordenen Rintelner Maler, da wären wir glücklich“, sagt er. „Künstler, die sich einen richtigen Namen gemacht haben, die gehen immer.“ Aber da wären zum Beispiel die 200 Zeichnungen einer zu ihrer Zeit auch anerkannten Künstlerin aus Rinteln. Die bleiben wohl für immer im Archiv.

„Manches ist für ein Heimatmuseum wie das unsere aus lokalhistorischen Gründen von Interesse“, so Meyer. „Ansichten von unserem Marktplatz oder den Stadtgassen, das nehmen wir dann an.“ Alles in allem sei es auch eine Platzfrage. „Bei manchen Riesen-Gemälden, ehrlich gesagt, da habe ich nicht so viel Mitleid. Es gibt Künstler, die produzieren einfach zu viel, die machen sich selbst Konkurrenz.“

In Künstler-Nachlässen fänden sich eben häufig nicht die wirklich guten Sachen, sie seien sehr durchmischt. Da könne er nur sagen: „Die Künstler selbst müssten aussortieren, was die Zeit überstehen soll und was nicht.“ Dem würde Claudia Thöm sofort zustimmen. Und nicht nur sie, die Galeristin, oder Stefan Meyer, der Museumsmann. Auch ein Künstler wie der Rintelner Egg Witt ist bereit zu vernichten, was nicht wirklich perfekt geworden ist. „Jeder Künstler hat gute und weniger gute Tage“, sagt er. Egg Witts Skulpturen schmücken vielerorts den öffentlichen Raum im Schaumburger Land, seine Bilder und Figuren werden in renommierten Galerien verkauft, etwa in Stuttgart oder Zürich. „Ja, eigentlich will ich nicht drüber nachdenken, was nach meinem Tod aus den unverkauften Sachen wird. Aber natürlich drängt sich der Gedanke daran manchmal auf.“

Und dann? Eines ist auch für Egg Witt klar: Als Künstler die Preise zu senken, das kann keine faire Lösung sein. „Das geht einfach nicht“, sagt er. „Wer sich mit seinen Werken über die Jahre einen Preis erarbeitet hat, der kann damit nicht einfach irgendwann runtergehen. Damit beleidigt er alle Leute, die einen anderen Preis zahlten.“

Außerdem: „Es sagt sich so leicht, die Zeit eines Künstlers sei vorbei. Ich aber meine: Ein gutes Bild bleibt immer ein gutes Bild. Wir sprechen ja über echte Künstler.“ Immer wieder träten Künstler vorübergehend in den Hintergrund, um dann doch wieder aufzublühen.

Witts Idee wäre, regionale Schauräume einzurichten, ruhig ganz nüchtern und mit Rollschienen ausgestattet. „Den Bürgern sollte die Möglichkeit erhalten bleiben, den Kulturreichtum ihrer Region wahrnehmen zu können.“ Dann erzählt er von einem Museumsprojekt in Bielefeld, das für regional entstandene Kunstwerke gedacht ist. Dabei soll es auch um die Werke eines verstorbenen und fast vergessenen Freundes von ihm gehen, von dem viele Bürger ein Bild besitzen. „Da fragt man dann über die Zeitung danach, macht Aufrufe, und es besteht die Chance, etwas Vergessenes, das aber seinen wahren Wert nicht verloren hat, wieder aufleben zu lassen.“

Was aber ist der „wahre Wert“. Was ist „gute Kunst“? Claudia Thöm, die mit daran beteiligt ist, bundesweit Künstler für Ausstellungen im „Kunstkreis“ zu entdecken, kann da keine endgültige Antwort geben. „Wir arbeiten viel mit Berliner Galeristen zusammen“, sagt sie. Renommierte Künstler kämen ohne Galerien, die sie „hochpuschen“, gar nicht aus. „Gute Galeristen haben ein Händchen dafür, aus welchen Künstlern was wird“, sagt sie. „Und sie machen Werbung.“

Wie wichtig es sei zu werben, ein Umfeld für Künstler und Ausstellungen zu schaffen, das sei gar nicht zu unterschätzen. Es habe schon großartige Ausstellungen im Sprengel-Museum gegeben, die mangels Werbung kaum Beachtung fanden, während andererseits geschickte Galeristen auch mit kleinen Tricks ihre Künstler begehrenswert machen, etwa damit, dass schon vor der Vernissage Bilder verkauft wurden, damit man ihnen den „Roten Punkt“ geben kann. „Das macht Eindruck auf einer Eröffnung.“ Ob dieser „Eindruck“ dann die Jahre überdauere, wer könne das sagen? Im Bestand des „Kunstkreises“ befänden sich eine ganze Reihe hervorragender Grafiken, die zum Verkauf stehen. „Die Zeit der Grafik ist aber vorbei“, so Claudia Thöm. „Sie können noch so gut sein, es kauft sie keiner.“

Die meisten Stücke lassen sich nicht mehr zu Geld machen

Wenn Galeristen sich auf die Suche nach Erfolg versprechendem Nachwuchs machen, sehen sie sich in den Kunsthochschulen um. „Es ist furchtbar, wenn dann ein junger Künstler gepuscht wird, sich große Hoffnungen macht, und dann läuft es nicht so glatt, wie gewünscht, und man lässt ihn nach wenigen Jahren einfach fallen.“ Wieder Kunstwerke, die sich ansammeln und für die sich kein Platz an einer Wand finden lässt.

„Allein in Berlin sind 4000 Künstler gelistet“, sagt sie. „Da ist es doch klar, dass nicht alle auf Dauer erfolgreich sein können.“ So sei das auch mit Künstlern, die im „Kunstkreis“ ausgestellt wurden. „Alle Künstler hier waren toll, locker, gut organisiert und wussten, was sie wollten. Also keine bloßen ,Künstlertypen‘“, meint Claudia Thöm. Trotzdem höre man von einigen gar nichts mehr.

Ihr Rat für „Normalbürger“, die Bilder kaufen wollen: nur das zu kaufen, was einem selbst richtig gut gefällt. Man könne darauf hoffen, dass Bilder sich eventuell als Geldanlage erweisen. „Aber besteht der eigentliche Wert eines Kunstwerkes nicht darin, dass es dem Käufer immer weiter Freude bereitet?“

Sie wisse, dass sich die meisten ihrer Sammlerobjekte nicht mehr zu Geld machen ließen. Das sei ihr tatsächlich egal. „Ich blicke jeden Tag auf meine Bilder und Skulpturen. Viele begleiten mich schon mein halbes Leben lang. Was später aus ihnen wird, das muss ich anderen überlassen.“

Sie selbst, Egg Witt und Stefan Meyer sind sich sicher, dass der Kunstmarkt in den nächsten Jahren mehr denn je überschwemmt wird von den Gemälden der Generation, die jetzt vererbt. Man brauche sich nur im Internetauktionshaus Ebay umzuschauen, um außergewöhnliche Schnäppchen zu entdecken.

„In meinen Augen sind es Barbaren, die gute Kunst auf diese Weise auf den Kopf hauen“, meint Egg Witt. „Wenn ich eine Gemäldesammlung meines Vaters besäße, ich würde sie bewahren, unbedingt.“ Andererseits gibt er dann aber doch zu bedenken: „Na gut, wenn etwas auf dem Flohmarkt landet, dann besteht die Chance, dass ein anderer es für sich entdeckt. Vielleicht ist das doch schöner, als würde ein Kunstwerk für immer in der Versenkung verschwinden.“



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