weather-image
13°
Wie Lieder und Filme auf dem Index landen – ein Mitarbeiter der Bundesprüfstelle erzählt

Ist das Kunst oder Gefahr?

Immer wieder ist zu lesen, die Kinder von heute würden schneller erwachsen werden und hätten vor lauter halb nackten Frauen auf Werbeplakaten, Alkopops und Gewaltfilmen keine unbeschwerte Jugend mehr. Damit der Nachwuchs zumindest nicht einfach an Ruckelfilmchen und Ballerspiele rankommt, prüft die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) diverse Medienträger und entscheidet, was auf den Index kommt. Bushidos Lied „Stress ohne Grund“ steht drauf, weil darin zu Gewalt aufgefordert wird, „Gina Wild – das Beste“ ist wegen pornografischer Inhalte ebenfalls ab 18. Und Kultschocker „SAW“ hat längst einen Platz auf der Liste, ebenso „Freitag, der 13.“ – beide sind zu brutal für Kinderaugen. Auch das millionenfach verkaufte Konsolenspiel „Medal of Honor“ ist mittlerweile von der BPjM als jugendgefährdend eingestuft worden.

veröffentlicht am 24.01.2014 um 19:41 Uhr
aktualisiert am 28.10.2016 um 23:41 Uhr

270_008_6877855_hin101_Dana_2501.jpg

Autor:

von Julia Rau
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Der ehemalige Lehrer Christoph Huppert ist Mitglied in einem Zwölfer-Gremium der Bundesprüfstelle. „Ich war mal Landesvorsitzender des freien deutschen Autorenverbandes. Als solcher hat man Sitz und Stimme in einem Prüfgremium.“ Er nahm das Ehrenamt gern an. Huppert ist Experte für den Bereich Literatur, entscheidet aber wie seine Kollegen über alle Trägerformen mit. „Man muss dann für einen Tag nach Bonn reisen, ich mache das etwa alle zwei Monate. Liedtexte bekommt man vorher zugeschickt“, erklärt Huppert. Nachdem Medienvertreter oder die Künstler mit ihren Anwälten Stellung genommen haben, diskutiert das Gremium nicht-öffentlich darüber. Schnell bilden sich dann zwei Fronten. Huppert vertrete dabei meist einen eher liberalen Standpunkt. „Mich interessiert immer besonders die Frage: Könnte man behaupten, dass das Kunst ist? Ich würde dann eher erlauben als verbieten bei Sachen, wo Ironie oder Satire mitschwingen könnte“, so Huppert. Um dies erkennen zu können, analysiere er besonders die Sprache und formale Gestaltung.

Wo sich bei Gewaltdarstellungen und Erotik noch streiten lässt, geht der Beisitzer bei Rechtsextremismus keine Kompromisse ein. „Da werden manchmal Botschaften fein verschlüsselt unters Volk gebracht“, sagt er. „Eindeutige und klare Gesinnungsliteratur wie früher gibt es fast nicht mehr.“ Manche jungen Kollegen im Gremium hätten da so ihre Schwierigkeiten, die feinen Nuancen herauszufiltern. „In einem Lied war die Rede vom ,guten Nachbarn Heinrich‘, und einige Gremiumsmitglieder haben nicht gemerkt, dass es um Himmler ging“, erzählt Huppert, „und das ist gerade das Gefährliche an rechten Texten. Vor drei Jahren waren die noch offen und simpel. Heute sind das durchgestylte, feine, künstlerische Produkte, aber die Aussagen sind dieselben geblieben.“ Etwa 80 Prozent der eingehenden Medienträger haben einen rechten Inhalt. In den letzten Jahren sei aber auch die Zahl gewaltverherrlichender Computerspiele „explosionsartig“ angestiegen. Zudem werde es immer schwerer, eine Gefährdung nachzuweisen. Denn natürlich sind einfache Namen oder Metaphern nicht verboten. Selbst die Schulhof-CD, die die NPD 2012 in Hannover verteilte, wurde mit nur knapp indiziert. Für einige Künstler bedeute laut Huppert die Indizierung aber eine vielversprechende Werbung. Der Listenplatz wird dann in bestimmten Szenen zum Qualitätssiegel.

Ob imagefördernd oder nicht: Auch immer mehr Spiele ereilt die Indizierung. „Medal of Honor“ wurde erst kürzlich im Gremium geprüft. „Bei der Prüfstelle ist eigens jemand angestellt, der den ganzen Tag Computerspiele zockt. Er muss sie durchspielen, das ist ähnlich wie bei den Filmen, die muss man auch bis zum Ende schauen. Im Anschluss zeigt er uns einen Ausschnitt und weist uns auf kritische Stellen hin.“ „Medal of Honor“ hat Huppert sich vorspielen lassen. „Selbst spielen wäre mir zu langweilig. Rennen und Menschen erschießen. Das finde ich nicht sehr unterhaltsam.“ Jetzt ist das Spiel auf Liste A. Das heißt, es darf Jugendlichen nicht oder nur mit Einschränkung zugänglich gemacht werden. In Geschäften dürfen indizierte Medienträger nicht offen ausliegen und sie dürfen nicht beworben werden. Der Eintrag in die Liste A verbannt das Produkt somit sprichwörtlich unter den Ladentisch. In Liste B landen Trägermedien, für die nach Einschätzung der BPjM die weitgehenden Verbreitungsverbote des Strafgesetzbuches gelten. Derzeit stehen 2344 Filme, 649 Computerspiele, 461 Printmedien und 1413 Tonträger auf den Listen. Das Wort „Zensur“ hört der ehrenamtliche Beisitzer aber nicht gern. „Manche denken, wir wären eine Art Sittenwächter, aber tatsächlich geht es schlichtweg um Jugendschutz.“

270_008_6873120_hin102_2301.jpg

Da dieser sich im Laufe der Zeit aber auch entschärft hat, besteht die Möglichkeit einer Listenstreichung nach Ablauf einer Frist. Dann wird erneut geprüft und über eine Verlängerung oder Freigabe entschieden. „Ein Produzent hatte die Idee, alte Softpornos aus den 70ern neu zu vermarkten. Also haben wir uns die angesehen, viel gelacht und beschlossen, dass die eindeutig nicht mehr auf den Index gehören“, erzählt Huppert. Das sei einer der wenigen lustigen Termine gewesen. Nachmittage mit Folterfilmen und Gewaltpornos gehen an dem erfahrenen Gremiumsmitglied nicht spurlos vorbei. „Wenn ich wieder zu Hause bin, brauche ich einen Tag, um runterzukommen.“ Über eventuelle Langzeitfolgen habe er sich bisher wenig Gedanken gemacht. „Vielleicht wird mein Blick auf die Gesellschaft etwas pessimistischer“, sagt er. Vor allem die Beiläufigkeit des Tötens – Rekord sind 838 Tote in Herr der Ringe 3 – und die Vermittlung von Sexualität machen ihm Sorgen. Schwindende Geschichtskenntnisse sind seiner Meinung nach ein Risikofaktor, der Jugendliche für rechte Inhalte empfänglich mache. Zudem sei die Bewertung von Informationen ein Problem. „Jugendliche sind mit einer Kommunikationsflut konfrontiert und können oft nicht einschätzen, ob sie eine verlässliche Information lesen oder sich ideologische Ansichten dahinter verbergen“, sagt er und spricht sich für mehr Medienkritik im Schulunterricht aus.

Doch selbst wenn aufmerksame Erwachsene mehr Anträge veranlassen, dauert es Jahre, bis ein Indizierungsverfahren beendet ist. „Der bürokratische Apparat hinkt dem Internet hinterher“, so Huppert. Bis zur Entscheidung sind oft die neu indizierten CDs oder Filme schon längst nicht mehr auf dem Markt.

Ein Graus für Eltern: Der Spross kommt von der Schule und klemmt sich statt hinter die Bücher lieber vor den Bildschirm, verteilt Kopfschüsse per Mausklick und schaut sich anschließend Pornos im Internet an. Jugendschutz ade. Mithilfe einer Prüfstelle will der Staat dafür sorgen, dass der Nachwuchs etwas behüteter lebt und nicht an alle Medien herankommt. Christoph Huppert aus Bad Münder arbeitet für die Behörde.

Ein Lied von Bushido ist auf dem Index genauso wie Filme der Horror-Reihe „SAW“, das Kriegsspiel „Medal of Honor“ und Pornos mit Gina Wild.pr



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Mehr Artikel zum Thema
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Kommentare