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Nicht lesen und schreiben zu können, ist oft mit emotionalen Blockaden verbunden

Im Labyrinth der Buchstaben

Hameln. Der Bleistift fährt langsam übers Blatt. „Abendessen“ schreibt Edith Engel (Namen von der Redaktion geändert). Sie ist hoch konzentriert. Die Schreibübung will heute nicht recht gelingen – weil sich Besuch von der Zeitung angemeldet hat. Edith ist aufgeregt. Dass sie mit 59 Jahren in einem Schreib- und Lesekurs sitzt, ist keine Sache, mit der sie locker umgehen kann. Edith war Analphabetin, seit vier Jahren lernt sie in der Volkshochschule bei Inge Sporleder das, was Kinder in der Grundschule lernen. Erreicht hat sie ungefähr das Niveau der 3. Klasse. An manchen Tagen geht es besser als an anderen – je nach Verfassung. Das Selbstwertgefühl ihrer Schüler habe in der Regel über Jahrzehnte gelitten, sagt Sporleder. Lernen ist deshalb oft mit dem Lösen emotionaler Blockaden verbunden.

veröffentlicht am 04.10.2013 um 21:54 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 14:25 Uhr

Dorothee Balzereit

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Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite
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Die meisten ihrer Schüler haben sich bis zu ihrem Kurs irgendwie durchs Leben gemogelt und für das Verdecken ihrer Schwäche eine andere Stärke entwickelt: fantasievolles Verstecken. Doch das Versteckspiel zerrt auf Dauer an den eh belasteten Nerven. Da sind oftmals das nachwirkende Elternhaus, die ehemaligen Lehrer, persönliche Schwächen oder Krankheiten. In der Biografie eines jeden Analphabeten gibt es einen Punkt, an dem er aufgehört habe zu lernen, weil es nicht mehr ging.

Inge kennt Ediths ganze Geschichte, die auf einem Bauernhof in Ostwestfalen beginnt. „Wie mussten alle malochen, von morgens bis abends“, sagt die älteste von acht Töchtern. Morgens schläft sie regelmäßig in der Schule ein, den Lehrern ist es egal. Die erste Klasse macht sie dreimal. Eine Lehrerin habe sie zur Sonderschule schicken wollen, doch das habe die Mutter nicht erlaubt – sie hätte zu lange dableiben müssen. Edith wäre gern hingegangen.

Wer glaubt, Analphabetismus in der Schule sei ein Problem, dass es nur früher gab, irrt. Zwar habe die Grundschule in den letzten 10 bis 15 Jahren große Fortschritte gemacht, doch „auch heute ist das Problem für die Lehrer schwer zu handlen“, sagt Peter Hubertus, Gründungsmitglied und Geschäftsführer vom Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung. Grund sind oft zu wenig Zeit für den Einzelnen und Lehrerwechsel. „Bei unserem Alfa-Telefon rufen immer wieder Lehrer an, wenn sie keinen Rat mehr wissen.“

Auch Edith lernt in den folgenden Jahren nicht lesen und schreiben. Neben der Hofarbeit fängt sie an, Zeitungen auszutragen und zu putzen. Da ist sie gerade mal 11 Jahre alt – der Mutter ist das egal. Sie ist froh, wenn sie keine Schläge bekommt – und genug zu essen. Als das Jugendamt vom Stiefvater auf die Missstände aufmerksam gemacht wird, bekommt sie einen Vormund. Aber auch daran hat Edith keine guten Erinnerungen: „Der war immer sehr anzüglich.“

Mit 18 Jahren lernt sie ihren Mann kennen, sie nimmt ihren ganzen Mut zusammen und erzählt, dass sie weder lesen noch schreiben kann. „Ich habe mich geschämt“, sagt Edith. Dem Mann ist es nicht wichtig, er hilft ihr, die Klippen des Alltags zu umschiffen, wenn Edith mit ihren eigenen Tricks nicht weiterkommt: Beim Arzt oder wenn sie Formulare für die Arbeit oder ein Amt ausfüllen muss. Den Kindern hilft der Vater bei den Hausaufgaben. Beide hatten keine Schwierigkeiten in der Schule – und wissen bis heute nichts von den Problemen ihrer Mutter.

Wie Edith arbeitet auch Volker Kern mit Tricks. „Ich habe gerade meine Lesebrille nicht dabei“, gehörte früher zu seinen Standardausreden. Für den Führerschein hat es irgendwie gereicht. Volker ist funktionaler Analphabet, hat also die Fähigkeit, einzelne Wörter oder auch Sätze lesen zu können, den Sinn des Gelesenen aber nicht mehr zu verstehen, sobald sich mehrere Sätze zu einem Text aneinanderreihen. „Funktionale Analphabeten“, definiert eine Studie der Universität Hamburg, „sind nicht in der Lage, am gesellschaftlichen Leben in angemessener Form teilzuhaben.“

Auch er hatte es nicht leicht. Seine Mutter war früh Witwe, musste vier Kinder großziehen, eines davon behindert. Die kleine Rente der Mutter reichte kaum zum Leben. Als Volker 15 ist, geht er arbeiten, um die Familie zu unterstützten. „Eine Bewerbung war nicht nötig“, er habe im selben Unternehmen angefangen, in dem schon Vater und Opa gearbeitet haben. Und Computer gab es auch noch nicht.

Medialer Fortschritt

Hindernis für Analphabeten

Der mediale Fortschritt hat sowohl Edith als auch Volker immer wieder Probleme bereitet. Bestellungen in der Firma per Computer aufgeben, Listen ausfüllen, sich im PC für den Urlaub eintragen – all das gab es früher nicht, sagen sie. Und daran, dass er einmal arbeitslos werden könnte, habe er früher nie gedacht. Wenn er nun einen Job in Aussicht hat, kommt oft die Frage nach Computerkenntnissen. An dieser Stelle endet nicht selten seine Hoffnung auf eine Anstellung. Wenn er die Zeit noch einmal zurückdrehen könnte, würde er mehr lernen, sagt Volker. Nicht arbeiten zu können, kratzt am meisten an seinem Selbstbewusstsein.

Bei Inge Sporleder kommt Volker zur Ruhe. Die Stunden machen ihm Spaß. Inge, Edith und Volker sind ein eingespieltes Team, es ist spürbar, dass die drei mehr verbindet als das reine Lernen. Sie wissen viel voneinander, haben auch privaten Kontakt. Es geht um soziale Teilhabe.

Eigentlich hätte sie noch Platz in ihrem Kurs für weitere Schüler, doch die Scham, manchmal auch die Finanzierung, scheinen für viele eine unüberwindliche Hürde zu bilden. Dabei ist die Zahl derer, denen das Angebot der Volkshochschule helfen würde, erheblich: 3500 Menschen sind es in der Umgebung laut einer Karte des Alphabetisierungsverbandes, der die Zahlen erhoben hat. „Die Dunkelziffer ist weitaus höher“, sagt Inge Sporleder.

Allein in Niedersachsen seien etwa 750 000 betroffen – das ergeben Schätzungen des Wissenschaftsministeriums. 7,5 Millionen Menschen sind es insgesamt in Deutschland laut einer im Jahr 2011 veröffentlichten Studie der Universität Hamburg, die als Analphabeten gelten, allerdings können davon nur die wenigsten – nämlich 300 000 – überhaupt nicht lesen oder schreiben. Dass die Zahl der Betroffenen viel höher ist als früher, als man auf „nur“ vier Millionen kam, liege an der differenzierten Erhebung, die auch Migranten mit einbeziehe, erklärt Peter Hubertus.

Zahlen, die nahelegen, dass mehr für Analphabeten getan werden müsste. Denn denen fehlt – neben dem Mut – oft das Geld für einen Kurs an der Volkshochschule. In Niedersachsen decken die Volkshochschulen rund 90 Prozent der der Lese- und Schreibkurse für Anfänger ab. Andere Möglichkeiten gibt es kaum, denn der Umgang mit Analphabetismus ist Ländersache und wird nicht vom Bund unterstützt.

Was bisher fehlte, sei eine nationale Strategie, meint Hubertus. Um das zu ändern, hat der Bund eine „Vereinbarung über eine gemeinsame nationale Strategie für Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener in Deutschland“ entwickelt. Mit einem Zehn-Jahres-Plan will man nun nachhaltigere Ergebnisse erzielen.

Die Geschichten von Volker und Edith sind typisch, sagt Inge Sporleder. Aber längst nicht jeder mit einer solchen Geschichte schaffe es, den Unterricht durchzuhalten, denn das Lernen ist ein zäher, schwieriger Prozess, fortwährendes Üben ist notwendig. Dass Edith und Volker so gerne kommen und so motiviert mitarbeiten, sei nicht selbstverständlich. Um die Schüler bei der Stange zu halten, versucht die Gymnasiallehrerin, den Unterricht individuell zu gestalten. Dazu gehöre auch, auf deren Probleme einzugehen. „Ich bin keine Lehrerin mit Distanz“, sagt sie über sich selbst. Darüber sind Volker und Edith ziemlich froh, denn mindestens so wichtig wie die Buchstaben ist das Gefühl von Aufgehobensein und Verständnis, wenn sie zu Inge Sporleder kommen.

Informationen im Internet: www.alphabetisierung.de; Lernportal des Bildungsministeriums und der Volkshochschulen: www.ich-will-lernen.de.

Kontakt: Im Intern unter www.alfa-telefon.de und unter der Gratistelefonnummer 0800/ 53334455 bietet der Bundesverband für Alphabetisierung und Grundbildung eine anonyme Beratung und informiert über Kursangebote.

Analphabetismus ist ein Tabu-Thema, das längst nicht der Vergangenheit angehört. Allein in Niedersachsen sind nach Schätzungen des Wissenschaftsministeriums etwa 750 000 Menschen betroffen. Doch nur etwa 20 000 Analphabeten besuchen bundesweit Lese- und Schreibkurse. Denn oft fehlt der Mut, sich der Schwäche zu stellen. Zwei Betroffene erzählen ihre Geschichte.



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