weather-image
27°
Integrationsbüro des Landkreises bringt Magazin heraus / Frauen berichten von ihrem Weg

Im Koffer voll Hoffnung stecken Schicksale

Hameln-Pyrmont (tk). U-Bahn-Schläger, Ehrenmorde, Frauenhandel, Zwangsheirat – immer wieder sind negative Schlagzeilen zu lesen. Die große Masse der gut integrierten ausländischen Mitbürger ist bis auf einige Ausnahmen unsichtbar. Doch es gibt sie. Viele sind längst angekommen. Aber gerade für Frauen mit Migrationshintergrund ist der Start oft schwierig.

veröffentlicht am 21.11.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 09:21 Uhr

Landrat Rüdiger Butte, der Integrationsbeauftragte Dr. Dr. Feyzullah Gökdemir (hinten) und die Integrationsberaterin Hyun-Hi Obe
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Als Kind kommt Solmaz Yalcin Anfang der 70er Jahre mit ihren Eltern und Geschwistern aus Ost-Anatolien nach Hameln. Weil Vater und Mutter kein Wort Deutsch sprechen, muss das junge Mädchen schon früh Verantwortung übernehmen; obwohl sie selbst nur über minimale Deutschkenntnisse verfügt. Mit elf Jahren besucht sie das erste Mal eine Schule. Sie hat sich vorgenommen, unbedingt Krankenschwester zu werden. Auf ihrem Weg kämpft sie gegen Vorurteile und Rollenbilder. Heute arbeitet die 44-Jährige als Krankenschwester in der ambulanten Pflege und spricht akzentfreies Deutsch, das nicht einen Augenblick daran denken lässt, dass Solmaz Yalcin eine Frau mit Migrationshintergrund ist.

Sie ist eine der Frauen, die in dem neuen Magazin „Ein Koffer voll Hoffnung“, das das Integrationsbüro des Landkreises beim Paritätischen erarbeitet hat, ihr Schicksal schildert. Die Broschüre stellt zwölf Frauen aus dem Ausland vor, die es geschafft haben, sich sowohl in ihrer Rolle als Mutter, im Ehrenamt oder als emanzipierte berufstätige Frau in Deutschland zu integrieren. „Die Porträts sind exemplarisch für die Schwierigkeiten, die Ängste und die Chancen, mit denen ausländische Frauen in Deutschland konfrontiert werden“, sagt der Integrationsbeauftragte des Landkreises, Dr. Feyzullah Gökdemir. Das Ziel der Veröffentlichung sei es, anderen Frauen Mut zu machen und Perspektiven zu zeigen, den eigenen Weg zu verfolgen.

Landrat Rüdiger Butte lobt das Projekt: „Es belegt, dass es sehr viele gute Beispiele gelungener Integration im Landkreis gibt. Ich habe großen Respekt vor den Frauen, die ihre persönliche Geschichte erzählen und anderen Frauen damit Mut für eine berufliche Karriere hier in Deutschland machen.“ Es sei seine Überzeugung, so Butte, „dass wir die Menschen, die aus dem Ausland zu uns kommen, brauchen, um als Gesellschaft überleben zu können“. Um eine erfolgreiche Integration zu realisieren, gehe es aber nicht ohne entsprechende Sprache und ohne entsprechende Bildung. Von dem Originalton gelebter Erfahrungen erhofft sich der Landrat eine nachhaltige Wirkung. Das Projekt soll im nächsten Jahr weiter ausgebaut werden.

Auch weil es in seiner Art einzigartig ist. „Es gibt zwar ähnliche Broschüren in anderen Städten“, sagt Gökdemir. „Mit dem Fokus auf Frauen sei es aber einmalig. Über Migrantinnen und ihren Alltag werde wenig berichtet oder geforscht. Statistiken unterschieden vielfach nur zwischen Deutschen und Ausländern ohne Differenzierung nach Geschlechtern. Das Magazin – das Resultat einer Zusammenarbeit zwischen der Aktion Mensch, den Paritäten und dem Landkreis – wird und unter dem Projektnamen „Dornröschen“ geführt und übernimmt damit eine Vorreiterrolle. Solmaz Yalcin hat lange überlegt, ob sie mitmachen soll. Für viele der Frauen war die Frage nach der Konsequenz für die Familien wichtig – einige sind deshalb auch abgesprungen. „Ich habe erst gezweifelt, ob ich die Richtige für das Projekt bin. Denn es gibt doch so viele Frauen, die Ärztin oder Anwältin sind und vielleicht besser passen würden“, sagt Yalcin. Dann sei ihr aber schnell klar geworden, dass es auch genug Hauptschüler gibt, die Vorbilder brauchen; und zwar solche, die für sie erreichbar seinen. Deshalb stimmte sie zu, ihre Erfahrungen zu schildern. Für Landrat Butte ist das ein Glücksfall: „Unterschiedliche Bildungs- und Berufsgruppen brauchen auch verschiedene Vorbilder, die für sie realistisch sind. Entscheidend ist aber zu vermitteln, dass jeder in Deutschland eine Chance hat.“ Gerade für Frauen sei es ungleich schwerer diese umzusetzen. „Wenn die Frauen nicht aus den Familien rauskommen, haben sie nur wenig Chancen, an der Öffentlichkeit und damit an der deutschen Sprache teilzunehmen“, meint Butte.

Dr. Feyzullah Gökdemir macht noch auf zwei weitere grundlegende Probleme aufmerksam, die ihm in der Praxis immer wieder begegnen. „Frauen mit Migrationshintergrund sind sich ihrer eigenen Ressourcen oft nicht bewusst. Ihre Bi-Lingualität, ihre Bi-Kulturalität empfinden sie oft nicht als Stärke, sondern als Makel.“ Zudem würden zu wenige Migranten sich mit dem deutschen Bildungssystem auskennen. „Unser System schafft viele Chancen. Weil die Eltern das Bildungssystem aber nicht kennen, laufen wir immer wieder vor die Wand“, sagt der Integrationsbeauftragte. Deshalb sei die Öffentlichkeitsarbeit auch so wichtig. Das Magazin „Dornröschen – ein Koffer voll Hoffnung“ sei ein erster Schritt. Frauen jeden Alters aus Tadschikistan, Russland, Südkorea, Rumänien, der Türkei und dem Libanon kommen darin zu Wort.

Die Idee zu dem Magazin stammt von der Integrationsberaterin beim Paritätischen Hameln, Hyun-Hi Oberbeck, die vor einem Jahr eine interkulturelle Frauengruppe gegründete. Der Titel „Dornröschen“ sei kein Zufall, sagt sie. „In dem berühmten Märchen der Gebrüder Grimm wird am Ende eine schlafende Prinzessin wachgeküsst und nimmt ihr Leben selbst in die Hand. So, hoffen wir, wird auch die Wirkung bei den Leserinnen sein.“ Solmaz Yalcin muss nicht mehr wachgeküsst werden. Sie steht mitten im Leben und ist angekommen. Sie kennt etliche Türkinnen in Hameln, die perfekt Deutsch sprechen und berufstätig sind. „Das Sprachproblem war vorwiegend ein Problem der ersten Generation.“ Die zweite und dritte Generation habe dieses nicht mehr. Ihre eigenen Kinder seien hier mit der Landessprache aufgewachsen. „Trotzdem haben sie Probleme. Jede Generation hat ihre eigenen Integrationsschwierigkeiten“, sagt sie. Eine Herausforderung für die Politik.

Die kostenlose Broschüre ist ab heute beim Integrationsbüro des Landskreises erhältlich und wird auch öffentlich ausgelegt. Es gibt auch eine Internet-Version unter hameln.paritaetischer.de.

Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Mehr Artikel zum Thema
Weiterführende Artikel
    Anzeige

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Kommentare