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"Im Herzen ist meine Heimat noch Bosnien"

Vor den Augen der europäischen Völker versank das zerfallende Jugoslawien in
den 1990er Jahren im Bürgerkrieg. Viele Menschen starben, viele flohen – auch ins Weserbergland. Der in Hameln geborene bosnische Serbe Darko Savic erzählt von seiner Einstellung zur EU.

veröffentlicht am 02.06.2009 um 17:44 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 22:21 Uhr

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Als der Krieg ausbricht, ist Darko Savic zwölf Jahre alt. 1980 kam er in Hameln zur Welt, wo seine Eltern seit den 1970er Jahren leben. Doch weil sie in Schicht arbeiten, verbringt Darko Savic seine Kindheit im damaligen Jugoslawien. Er wächst bei seiner Großmutter in Banja Luka auf, der überwiegend von Serben bewohnten und zweitgrößten Stadt von Bosnien-Herzegowina. 1990, zwei Jahre vor dem Ausbruch des Bosnienkrieges, holen ihn seine Eltern zurück nach Deutschland. Sie befürchten, dass sich der Krieg zwischen und in den früheren jugoslawischen Teilrepubliken ausweiten könnte. Und tatsächlich liefern sich die Volksgruppen in Bosnien von 1992 bis 1995 die schwersten Auseinandersetzungen in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Besonders die Serben wollen das Auseinanderfallen des jugoslawischen Staatsgebildes verhindern. Tausende Menschen sterben im Bosnienkrieg, es gibt serbische Massaker an Zivilisten, die Hauptstadt Sarajevo wird belagert. Die Europäische Union ist in den 90er Jahren zwar um das Löschen des Flächenbrandes auf dem westlichen Balkan bemüht, aber erst die militärische Hilfe von USA und Nato bringen die Wende. Besonders aufgrund dieser Erfahrungen hat die EU 2007 eine schnelle Eingreiftruppe mit bis zu 60 000 Soldaten aufgestellt, die bei Krisen eingreifen sollen. Vorrangig setzt die EU aber auf diplomatische, wirtschaftliche, juristische und polizeiliche Hilfestellungen.

Darko Savic hat in Deutschland eine Familie gegründet. Vor 15 Jahren baute er sein Haus in Hameln, vor gut einem Jahr heiratete er seine Frau Elena, vor neun Monaten kam sein Sohn Miljan zur Welt. Und in knapp zwei Wochen will er Elena kirchlich heiraten. Doch so richtig zu Hause fühlt sich Darko Savic in Deutschland, inmitten der EU, noch immer nicht. „Im Herzen ist meine Heimat noch Bosnien“, sagt er fast akzentfrei. Darko Savic betrachtet die EU mit Skepsis. Nach einem Beitritt in die Union und der Einführung des Euro müssten die Menschen steigende Preise hinnehmen, befürchtet er. Als Beispiel nennt er Kroatien, das seit 2004 EU-Beitrittskandidat ist. „Ich habe gesehen, dass das Leben dort teurer geworden ist.“ Tatsächlich führt das Heranleiten der maroden exkommunistischen oder landwirtschaftlich geprägten Wirtschaften an das Niveau des EU-Binnenmarktes zu ökonomischen und sozialen Problemen, wie sie etwa auch aus den fünf neuen deutschen Bundesländern bekannt sind. Beispiele wie Portugal, Griechenland, Irland oder Slowenien zeigen andererseits, wie die Zusammenarbeit auf europäischer Ebene die Wirtschaft und die Einkommen befördert. Savic erkennt an, dass die EU Ländern hilft, ihre Infrastruktur zu verbessern, „zum Beispiel in Slowenien, dort wurden Autobahnen gebaut“. Aktuell liege die Arbeitslosenquote in Bosnien aber bei fast 50 Prozent. „Wenn die EU Arbeit schaffen würde und die Preise nicht so anstiegen, wäre ich einer ihrer Befürworter“, meint der Hamelner Serbe. Immerhin hat die EU für den westlichen Balkan einen „Stabilisierungs- und Assoziierungsprozess“ eingeleitet. Er beinhaltet für nahezu alle Exporte den freien Zugang zum EU-Binnenmarkt und finanzielle Unterstützung der Reformbemühungen. Bosnien-Herzegowina etwa erhält im Zeitraum 2007 bis 2011 hierfür 440 Millionen Euro. Verlangt wird im Gegenzug die Wahrung der demokratischen Grundsätze. Darauf achtet besonders das Europäische Parlament, das bei EU-Erweiterungen inzwischen eine Schlüsselfunktion hat. Bosnien-Herzegowina ist seit dem Ende des Bürgerkrieges in zwei fast selbstständige Hälften geteilt. Die Muslime wollen, unterstützt von der EU und den USA, den bosnischen Zentralstaat stärken, um das Land funktionsfähig zu machen. Die Serben beharren auf ihrer weitgehenden Eigenständigkeit und erkennen Sarajevo nicht als Hauptstadt des gemeinsamen Staates an.

Die Eltern von Darko Savic sind mittlerweile nach Bosnien zurückgekehrt.  Früher war auch für Darko Savic der Wunsch groß, nach Bosnien zu gehen. Doch hat er in Deutschland Wurzeln geschlagen. „Für die Zukunft ist Deutschland vielleicht meine Heimat“, stellt der Familienvater fest. „Doch was weiß ich, was in 30 Jahren mal ist.“
Vielleicht ist das zerfallene Jugoslawien dann über die EU wieder zusammengewachsen. Denn selbst viele Serben streben jetzt in die große Gemeinschaft mit ihren für Menschen, Waren, Dienstleistungen und Kapital offenen Grenzen. Fast jeder kann dort leben, arbeiten oder wirtschaften, wo er will. Vor kurzem war Savic mit seiner Frau im Urlaub in Bosnien. „Und meiner Frau hat es gefallen, so viel kann ich sagen.“



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