weather-image
24°

Darko Savic hat in Hameln Wurzeln geschlagen – aber er fühlt sich hier längst nicht zu Hause

„Im Herzen ist meine Heimat noch Bosnien“

Als der Krieg ausbricht, ist Darko Savic zwölf Jahre alt. 1980 kam er in Hameln zur Welt, wo seine Eltern seit den 1970er Jahren leben. Doch weil sie in Schicht arbeiten, verbringt Darko Savic seine Kindheit im damaligen Jugoslawien. Er wächst bei seiner Großmutter in Banja Luka auf, der überwiegend von Serben bewohnten und zweitgrößten Stadt von Bosnien-Herzegowina. 1990, zwei Jahre vor dem Ausbruch des Bosnienkrieges, holen ihn seine Eltern zurück nach Deutschland. Sie befürchten, dass sich der Krieg zwischen und in den früheren jugoslawischen Teilrepubliken ausweiten könnte. Und tatsächlich liefern sich die Volksgruppen in Bosnien von 1992 bis 1995 die schwersten Auseinandersetzungen in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Besonders die Serben wollen das Auseinanderfallen des jugoslawischen Staatsgebildes verhindern. Schließlich wohnen nur 60 Prozent der Serben Jugoslawiens in Serbien; jeder siebte Serbe hat seine Heimat in Bosnien-Herzegowina, so dass diese christliche Gruppe dort knapp ein Drittel der Bevölkerung stellt. 50 Prozent sind bosnische Muslime, 15 Prozent bosnische Kroaten. Bei den Volksabstimmungen über die Loslösung aus dem jugoslawischen Bundesstaat hat die serbische Minderheit keine Chance – die Auseinandersetzung eskaliert. Tausende Menschen sterben im Bosnienkrieg, es gibt serbische Massaker an Zivilisten, die Hauptstadt Sarajevo wird belagert. Und es beginnt ein Flüchtlingsdrama mit fast drei Millionen Vertriebenen, von denen bis heute erst gut die Hälfte zurückgekehrt sind. 320 000 Bosnier beantragen Asyl in Deutschland. Die Europäische Union ist in den

veröffentlicht am 02.06.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 22:21 Uhr

Darko Savic lebt mit seiner Frau Elena und Sohn Miljan in Hameln

Autor:

Robert Michallaund Marc Fisser
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

90er Jahren zwar um das Löschen des Flächenbrandes auf dem westlichen Balkan bemüht, aber erst die militärische Hilfe von USA und Nato bringen die Wende. Besonders aufgrund dieser Erfahrungen hat die EU 2007 eine schnelle Eingreiftruppe mit bis zu 60 000 Soldaten aufgestellt, die bei Krisen eingreifen sollen. Vorrangig setzt die EU aber auf diplomatische, wirtschaftliche, juristische und polizeiliche Hilfestellungen.

Angst vor einem Anstieg der Preise

Darko Savic hat in Deutschland eine Familie gegründet. Vor 15 Jahren baute er sein Haus in Hameln, vor gut einem Jahr heiratete er seine Frau Elena, vor neun Monaten kam sein Sohn Miljan zur Welt. Und in knapp zwei Wochen will er Elena kirchlich heiraten. Doch so richtig zu Hause fühlt sich Darko Savic in Deutschland, inmitten der EU, noch immer nicht. „Im Herzen ist meine Heimat noch Bosnien“, sagt er fast akzentfrei. Zweimal im Jahr fährt er nach Banja Luka im Norden des Landes. Fast seine gesamte Familie lebt im ehemaligen Jugoslawien.

Darko Savic betrachtet die EU mit Skepsis. Nach einem Beitritt in die Union und der Einführung des Euro müssten die Menschen steigende Preise hinnehmen, befürchtet er. Als Beispiel nennt er Kroatien, das seit 2004 EU-Beitrittskandidat ist. „Ich habe gesehen, dass das Leben dort teurer geworden ist.“ Tatsächlich führt das Heranleiten der maroden exkommunistischen oder landwirtschaftlich geprägten Wirtschaften an das Niveau des EU-Binnenmarktes zu ökonomischen und sozialen Problemen, wie sie etwa auch aus den fünf neuen deutschen Bundesländern bekannt sind. Beispiele wie Portugal, Griechenland, Irland oder Slowenien zeigen andererseits, wie die Zusammenarbeit auf europäischer Ebene die Wirtschaft und die Einkommen befördert. Savic erkennt an, dass die EU Ländern hilft, ihre Infrastruktur zu verbessern, „zum Beispiel in Slowenien, dort wurden Autobahnen gebaut“. Aktuell liege die Arbeitslosenquote in Bosnien aber bei fast 50 Prozent. „Wenn die EU Arbeit schaffen würde und die Preise nicht so anstiegen, wäre ich einer ihrer Befürworter“, meint der Hamelner Serbe. Immerhin hat die EU für den westlichen Balkan einen „Stabilisierungs- und Assoziierungsprozess“ eingeleitet. Er beinhaltet für nahezu alle Exporte den freien Zugang zum EU-Binnenmarkt und finanzielle Unterstützung der Reformbemühungen. Bosnien-Herzegowina etwa erhält im Zeitraum 2007 bis 2011 hierfür 440 Millionen Euro.

Die Toten des Bosnienkrieges sind unvergessen: Muslimische Bosnierinnen nahmen am 1. Juni in Memici, 75 Kilometer nördlich von Sarajevo, an der Beisetzung der sterblichen Überreste von 43 Menschen teil, die 1992 zu Beginn des Kriegs getötet wurden. Die Opfer waren exhumiert worden, um sie anhand des Erbgutes zweifelsfrei zu identifizieren. Foto: ap

Die Eltern sind nach Bosnien zurückgekehrt

Verlangt wird im Gegenzug die Wahrung der demokratischen Grundsätze. Darauf achtet besonders das Europäische Parlament, das bei EU-Erweiterungen inzwischen eine Schlüsselfunktion hat. Nur wenn die absolute Mehrheit der Abgeordneten zustimmt, ist der Beitritt weiterer Staaten möglich. Bosnien-Herzegowina ist seit dem Ende des Bürgerkrieges in zwei fast selbstständige Hälften geteilt. Die Muslime wollen, unterstützt von der EU und den USA, den bosnischen Zentralstaat stärken, um das Land funktionsfähig zu machen. Die Serben beharren auf ihrer weitgehenden Eigenständigkeit und erkennen Sarajevo nicht als Hauptstadt des gemeinsamen Staates an.

Die Eltern von Darko Savic sind mittlerweile nach Bosnien zurückgekehrt. „Sie haben dort ein Häuschen und arbeiten in der Landwirtschaft. Die Preise sind weitaus günstiger“, erzählt Darko Savic. Sein Vater könne sich nicht mehr vorstellen, wieder in Deutschland zu leben. Früher war auch für Darko Savic der Wunsch groß, nach Bosnien zu gehen. Doch hat er in Deutschland Wurzeln geschlagen. „Für die Zukunft ist Deutschland vielleicht meine Heimat“, stellt der Familienvater fest. „Doch was weiß ich, was in 30 Jahren mal ist.“

Vielleicht ist das zerfallene Jugoslawien dann über die EU wieder zusammengewachsen. Denn selbst viele Serben streben jetzt in die große Gemeinschaft mit ihren für Menschen, Waren, Dienstleistungen und Kapital offenen Grenzen. Fast jeder kann dort leben, arbeiten oder wirtschaften, wo er will. Vor kurzem war Savic mit seiner Frau im Urlaub in Bosnien. „Und meiner Frau hat es gefallen, so viel kann ich sagen.“

Lesen Sie morgen: Von Polen zum Pilzepflücken nach Höfingen – die neuen Freiheiten auf dem Arbeitsmarkt der Europäischen Union.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Weiterführende Artikel
    Anzeige

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt
    X
    Herzlichen Glückwunsch, Ihr Adblocker funktioniert!

    Wir verstehen, dass Sie nicht hier sind, um Werbung zu sehen.
    Aber Werbe- und Aboeinnahmen sind wichtig für unsere journalistische Arbeit.


    Unterstützen Sie unseren Qualitäts-Journalismus, indem Sie Ihren Adblocker deaktivieren
    oder sich mit einem gültigem Digital-Abo anmelden.

    Sie haben ein Digital-Abo? Hier anmelden!

    Noch kein Digital-Abo?