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Gesunde Geschwisterkinder fühlen sich manchmal vernachlässigt

„Ich wünschte, ich wäre auch behindert“

Hameln-Pyrmont. Lars hält sich an die Tischregeln, sein Bruder Helge* aber darf beispielsweise aufstehen, während die anderen noch sitzen bleiben müssen. Dass man um sechs Uhr morgens keinen Krach macht, damit die anderen Familienmitglieder nicht geweckt werden, ist für Lars eine Selbstverständlichkeit. Wenn aber Helge lärmt, wird ein Auge zugedrückt. Und auf Autofahrten, wenn zig Mal hintereinander das Bibi-Blocksberg-Kinderlied abgespielt wird: Auch das macht Lars geduldig mit. Um den großen Bruder, der den Song liebt, bei Laune zu halten. Wer Geschwister hat, der kennt das: Oft zieht der Jüngere den Kürzeren, und wenn er nicht die zweite Geige spielen will, muss er sich gegen die älteren Geschwister durchboxen. Bei den Brüdern Helge und Lars ist das etwas anders.

veröffentlicht am 07.04.2014 um 16:26 Uhr
aktualisiert am 28.10.2016 um 19:41 Uhr

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Autor:

Alda Maria Grüter
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Lars ist 10 und gesund, Helge ist 13 Jahre alt und hat die Diagnose frühkindlicher Autismus, eine Entwicklungsstörung, die außerdem mit einer geistigen Behinderung einhergeht. „Das gesunde Kind hat es nicht immer leicht“, sagt die Mutter der beiden. Ein behindertes Kind fordere nicht nur die volle Aufmerksamkeit der Eltern, es präge die Lebenssituation der ganzen Familie, weiß die vierfache Mutter aus Erfahrung. Ihre beiden älteren Töchter sind längst ausgezogen, nur Helge und Lars leben zu Hause. „Lars nimmt seinen Bruder, wie er ist, die beiden verstehen sich im Grunde prima“, beschreibt sie das Verhältnis ihrer Söhne zueinander. Manchmal aber, da kracht es eben doch. Das sei eine Reaktion, mit der Erziehende umzugehen lernen müssen. Eltern geben sich alle Mühe, ihren Kindern gerecht zu werden. Sie haben meist ein gutes Gespür, reagieren und handeln meist richtig in kritischen Situationen. Doch das ist nicht immer so. Vor allem wird eine Frage viel zu selten gestellt, sind sich Experten einig: Wie geht es dem nichtbehinderten Kind, das um des lieben Friedens willen hintansteht, Ärger runterschluckt, oft verzichtet und vielleicht mehr als andere Gleichaltrige Verantwortung übernimmt. Steffi Maltzahn, die im Elternrat der Heinrich-Kielhorn-Schule aktiv ist, kennt die Gedanken und Sorgen vieler Eltern und sie weiß, dass der Bedarf an fachlicher Information und Beratung groß ist. Doch entsprechende Angebote seien rar in der Gegend – sowohl für Eltern als auch für Kinder mit behinderten Geschwistern. Deswegen habe der Elternrat der Förderschule einen Informationsabend mit einer Expertin organisiert: Marlies Winkelheide aus Bremen gab betroffenen Eltern einen nützlichen Leitfaden in die Hand. Mit Beispielen und konkreten Aussagen der Eltern macht die Diplom-Sozialwissenschaftlerin regelmäßig auf die Lebenssituation aufmerksam, schult Eltern im Hören und Verstehen von Botschaften. Betroffene Eltern kommen an solchen Informationsabenden zu Wort. So zitiert eine Mutter die Aussage ihres Kindes: „Ich wünschte, ich wäre auch behindert.“ Zunächst sei sie schockiert gewesen, bis sie verstanden habe, was eigentlich damit gemeint war: Das gesunde Kind wünscht sich, auch in so einem tollen Kindergarten untergebracht zu sein wie sein behindertes Geschwisterkind. Seit 30 Jahren bietet Marlies Winkelheide bundesweit Fachseminare für Eltern und Kinder an, ist außerdem in der Beratungsstelle Geschwisterkinder der Lebenshilfe Bremen tätig. Winkelheides Position: Um sich den Fragestellungen der Geschwisterkinder anzunähern, bedürfe es unterschiedlicher Zugänge. Dabei berge jede einzelne Fragestellung in sich Aussagekraft, die als ein Beitrag zu einem Gesamtbild zu sehen sei und entsprechend eingeschätzt werden müsse. Die konkreten Informationen der Fachfrau sind für die betroffenen Mütter und Väter eine nützliche Orientierungshilfe. Man muss sich als Eltern fragen, ob manchmal nicht zu viel und zu selbstverständlich etwas vom gesunden Kind erwartet wird. Eltern müssen lernen, dessen Leistungen besser zu erkennen und zu schätzen, das Kind besser zu unterstützen, es öfter zu loben, seinen Bedürfnissen gerecht zu werden. Man muss sich bewusst machen, was die gesunden Geschwisterkinder alles leisten. Es sind weniger sie selber, vielmehr sind es ihre Leistungen, die im Schatten stehen. Gesunde Geschwisterkinder erleben vielfach, dass ihre Eltern dem behinderten Bruder oder Schwester erheblich mehr Zeit und Aufmerksamkeit zuwenden als ihnen selbst. Wichtig ist dann, sich bewusst Zeit zu nehmen für die gesunden Geschwister, damit diese sich nicht vernachlässigt fühlen und ihre Entwicklung positiv verläuft.

Es muss nicht ein ganzer Tag im Zoo sein, manchmal bewirkt eine Stunde intensiver Zuwendung viel mehr. Man sollte auch regelmäßig Aktivitäten eigens für das gesunde Kind durchführen. Und bei Problemen genau hinschauen: Es gibt zum Beispiel gesunde Kinder, die aus Solidarität zum behinderten Geschwisterkind schlechte Schulleistungen erbringen. Speziell für die gesunden Geschwisterkinder bietet Marlies Winkelheide Kurse an, in denen sie (auch mit betroffenen Gleichaltrigen) über das reden können, was sie belastet, in denen sie Kraft und Selbstvertrauen tanken können. Um ein Kinder-Seminar zu besuchen, müsse man allerdings den weiten Weg nach Bremen in Kauf nehmen, bedauert Steffi Maltzahn. „Wir wollen versuchen, ein entsprechendes Angebot in die Region zu holen.“

*Namen geändert Infos: geschwisterkinder.de

Exklusive Zeit mit den Eltern ist für viele Kinder das Tollste überhaupt. Doch gerade Geschwister von Kindern mit Behinderung kommen manchmal zu kurz. Eine Expertin gibt Tipps, worauf die Eltern achten sollten, damit der Nachwuchs nicht zu kurz kommt.

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