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Friedrich Lubach ist der wohl älteste noch lebende Mitbegründer des THW Niedersachsen / Geschichte der „blauen Engel“

„Ich bin auch auf Bundesebene ein seltener Vogel“

Hameln. Es sind entbehrungsreiche Zeiten, aber Not macht bekanntlich erfinderisch. Hameln im Jahre 1952: Ein ehemaliger Schafstall an der Ohsener Straße muss als Quartier für den am 16. Mai gegründeten Ortsverband Hameln des Technischen Hilfswerks (THW) herhalten. Einen Fuhrpark gibt es nicht. Die Erstausstattung der Katastrophenschutz-Einheit des Bundesinnenministeriums beschränkt sich in den Anfangstagen auf ein Dienstfahrrad, ein paar Schubkarren, Spitzhacken, Seile und Äxte. Es sind gerade mal fünf Männer, die sich zusammengetan haben, um in Hameln-Pyrmont den „Bevölkerungsschutz“ sicherzustellen.

veröffentlicht am 07.07.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 06:41 Uhr

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Autor:

Ulrich Behmann
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Aller Anfang ist schwer: „Die Jungs hatten quasi nichts außer einem Anzug aus Drillich, ein Paar Stiefel und ein bisschen Werkzeug“, erinnert sich Friedrich Lubach, ein THW-Helfer der allerersten Stunde. Der 92-Jährige glaubt, der letzte noch lebende Mitbegründer des Technischen Hilfswerks Niedersachsen zu sein. „Wahrscheinlich bin ich auch auf Bundesebene ein seltener Vogel“, sagt der Senior, lächelt verschmitzt und zwinkert mit seinen wachen hellblauen Augen. Lubach war Anfang der 1950er Jahre ein gefragter Mann. Denn schon 1937 hatte er sich als Freiwilliger im Katastrophenschutz bei der Technischen Nothilfe engagiert. 1951 habe er sich beim THW beworben, erzählt der Ingenieur. Mit 32 fing er als technischer Sachbearbeiter an, 1967 stieg er zum Landesausbildungsleiter auf. „Ich war in Niedersachsen für 80 Ortsverbände zuständig, habe Tausenden von THW-Helfern die Abschlussprüfung abgenommen.“

60 Jahre ist Lubach Mitglied der Einheit, von 1952 bis 1982 war er hauptamtlich bei der Bundesanstalt in Hannover beschäftigt, nach seiner Pensionierung machte Lubach in Hameln ehrenamtlich weiter. Zehn Jahre hatte er das Amt des Kreisbeauftragten inne. „Ich war der Verbindungsmann zwischen dem THW und der Landkreis-Behörde“, erklärt der Senior. Heute wird er um 11 Uhr als Ehrengast der 60-Jahr-Feier in der Unterkunft am Schwarzen Weg in Klein Berkel erwartet.

Friedrich Lubach (zwei Kinder, drei Enkel) lebt in Bad Pyrmont. In einem Aktenordner verbirgt sich ein wahrer Foto-Schatz. Es sind Schwarz-Weiß-Bilder, entstanden in der Anfangszeit des THW. Sie zeigen Hamelner in khakifarbenen Uniformen im Übungseinsatz an der Weser oder bei der Waldbrandbekämpfung in der Lüneburger Heide. „Hier“, sagt Lubach, „schauen Sie mal. So sahen später die ersten Amphibienfahrzeuge aus. Wir haben sie von der US-Armee bekommen.“

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  • Friedrich Lubach (43), 1963
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  • Friedrich Lubach (92) heute
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Noch im Jahr seiner Gründung erhält das THW Hameln sein erstes Fahrzeug. Es ist ein kleiner Lastwagen der Marke Borgward. Rudolf Heppe aus Dehmkerbrock, der 18 Jahre THW-Chef in Hameln war, ist heute Beauftragter der THW-historischen Sammlung in Niedersachsen. Der 64-Jährige hat so ziemlich alles zum Thema THW archiviert. Heppe ist im Besitz eines Fotos von 1952. 15 junge Männer sind darauf zu sehen. Nicht alle tragen eine Uniform. Vielleicht gab es nicht genug Anzüge. Womöglich war es auch nur heiß an diesem Tag, denn einige Helfer haben einen freien Oberkörper. Auf dem Klüt, erzählt Heppe, hätte die Mannschaft Äste von Bäumen geschnitten und damit ihren Borgward beladen. „Das war Material zum Faschinenbau. Das bedeutet: Größere Zweige wurden damals zu Barrieren für den Hochwasserschutz verbaut“, erklärt Heppe.

Ein Jahr nach Gründung der Hamelner Katastrophenschutz-Einheit nehmen deren Mitglieder am ersten Auslandseinsatz in der Geschichte des Technischen Hilfswerks teil: Hochwasser nach Dammbruch – Holland ist in Not.

60 Jahre sind seitdem vergangen. Inzwischen ist aus einem der ältesten Ortsverbände einer der modernsten geworden, tragen die Helfer den Beinamen „die blauen Engel“. Es sind vor allen die verheerenden Folgen von Naturgewalten, die das THW im In- und Ausland fordern. Flut- und Sturm, Erdbeben, Feuer- und Schneekatastrophen, aber auch komplizierte Bergungen nach Eisenbahn- und Grubenunglücken (wie in Eschede und Lengede) und Lkw-Unfällen gehören zum Alltag der Zivilschützer. Bei Auslandseinsätzen in Äthiopien, Armenien, Russland, Polen oder in Zaire haben sie unzähligen Menschen geholfen.

Tobias Tasler ist seit 2008 Chef der schlagkräftigen Einheit, zu der auch eine Jugendgruppe gehört. „Wir helfen gern, sind rund um die Uhr in Bereitschaft, leben den Dienst am Nächsten“, sagt der Ortsbeauftragte.

Heute ab 14 Uhr haben alle Bürger die Gelegenheit, das THW Hameln kennenzulernen. „Am Tag der offenen Tür gibt es viel zu sehen“, sagt THW-Chef Tasler. „Unsere Bergungsgruppe wird ihr Können unter Beweis stellen und spannende Übungen absolvieren.“

Das erste Fahrzeug: 1952 erhält das Technische Hilfswerk Hameln einen Borgward. Auf dem Klüt werden Äste verladen. Daraus sollen Hochwasser-Barrieren entstehen.



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