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Verteidiger fordern Freispruch

„Horror-Haus“: Angelika W. „vom Opfer zum Täter mutiert“

HÖXTER/PADERBORN. Die Anträge könnten nicht gegensätzlicher sein: Im Prozess gegen das „Folterpaar von Höxter“ hat die Verteidigung von Angelika W. am Dienstag vor dem Paderborner Landgericht in allen Anklagepunkten Freispruch für die 49-Jährige gefordert. Es geht um zwei „Morde durch Unterlassen“ in dem „Horror-Haus“.

veröffentlicht am 11.09.2018 um 19:47 Uhr

Die Verteidiger von Angelika W. (M.), Alexander Strato und Peter Wüller (re.), haben in allen Anklagepunkten Freispruch für die 49-Jährige gefordert. Die Beschuldigte ist ausdrücklich damit einverstanden, dass die Medien ihr Bild veröffentlichen. Fot

Autor:

Ulrich Pfaff
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Die Staatsanwaltschaft will bekanntlich lebenslange Haft für die beiden Angeklagten.

Es gebe keine Zweifel, „in Bosseborn ist es über Jahre hinweg zu üblen, perversen, unbeschreiblichen Taten gekommen“, räumt Verteidiger Peter Wüller ein. Frauen seien „systematisch entmenschlicht“ worden. Dabei sei aber nicht Angelika W. die alleinige Täterin und treibende Kraft gewesen, so wie es im jüngsten Prozessverlauf hätte erscheinen können: Angelika W. selbst habe lange massive Gewalt ihres Ex-Mannes Wilfried W. erlitten und sei so „vom Opfer zum Täter mutiert“: „Immer, wenn neue Frauen im Haus waren, hatte ich meine Ruhe“, habe die 49-Jährige gegenüber der Polizei ausgesagt. Wüller legt in seinem mehrstündigen Plädoyer dar, warum aus seiner Sicht in den beiden Anklagepunkten mit den Todesopfern Anika W. aus Uslar und Susanne F. aus Bad Gandersheim keine Morde durch Unterlassen vorliegen. Der Verteidiger geht dezidiert darauf ein, dass die Todesumstände von Susanne F. durch deren Versterben im Krankenhaus in Northeim, eine Obduktion und Zeugenaussagen haben aufgeklärt werden können – während die Leiche Anika W.s nie gefunden wurde. Außer der umfangreichen Schilderung seiner Mandantin gebe es keine Erkenntnisse über den Tod dieser Frau. Angelika W. habe das Geschehen im „Horror-Haus“, das zum Tode beider Frauen geführt habe, von Anfang an glaubwürdig dargelegt. Nach dem Sturz, bei dem sich Susanne F. die zum Tode führenden Hirnblutung zugezogen habe, sei es die Verletzte selbst gewesen, die über mehrere Stunden hinweg ärztliche Hilfe abgelehnt habe. Am Abend des 21. April habe Susanne F. verlangt, nach Hause gebracht zu werden. Angelika W. habe diese Gelegenheit nutzen wollen, um die 41-Jährige in Bad Gandersheim im Krankenhaus einzuliefern, was dann aufgrund einer Autopanne gescheitert sei.

Nur der erste von drei Gutachtern, die sich mit dem Todesfall Susanne F. beschäftigten, habe die Leiche obduziert, so der Verteidiger. Dieser habe erklärt, medizinische Laien hätten anhand der Symptome der Verletzung nicht zwangsläufig erkennen müssen, dass eine Behandlung dringend geboten gewesen sei. Dies müsse man ebenso zugunsten der Angeklagten werten wie deren Zögern aufgrund von F.s Weigerung, ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Bei Anika W. könne man über eine Todesursache nur spekulieren. Es sei somit nicht zu beweisen, dass der Tod der 33-Jährigen durch das Eingreifen der Angeklagten hätte verhindert werden können. Wüller gibt dem Schwurgericht jedoch eine Anregung für den Fall, dass es nicht zu einem Freispruch komme: Angelika W. habe selbst massiv dazu beigetragen, dass der gesamte Fall des „Folterpaares“ aufgedeckt worden sei. Sie habe sofort nach der Festnahme im Zuge des Todes von Susanne F. „Ross und Reiter genannt“ und Taten geschildert, die sonst vielleicht gar nicht ans Tageslicht gekommen wären – wie etwa der Tod von Anika W., das anschließende Einfrieren und Zerstückeln der Leiche.

„Die gesamte Anklageschrift beruht auf den Angaben meiner Mandantin“, betont Wüller. Diese Aufklärungshilfe müsse man unter dem rechtlichen Aspekt der Kronzeugenregelung betrachten, die eine Reduzierung des Strafmaßes ermögliche. So könnte die Kammer also statt einer lebenslangen Freiheitsstrafe eine kürzere Haftstrafe verhängen, die Wüller mit zwölf Jahren als angemessen bezeichnet. Angelika W. würde ein solches Strafmaß akzeptieren.

Die Misshandlungen im „Horror-Haus“ seien klar in Mittäterschaft von Wilfried W. geschehen, ergänzt Angelika W.s Sicherungsverteidiger Alexander Strato. Das ergebe sich aus der – wie die psychiatrische Gutachterin festgestellt hatte – bösartigen Paardynamik, sei aber auch durch die aufgefundenen Zettel belegt, mit denen sich Wilfried W. wohl habe reinwaschen wollen. So habe er sich von Susanne F. unterschreiben lassen, dass sie im „Horror-Haus“ gewohnt und sich am Haushalt beteiligt habe und es ihr gegenüber nicht zu Handgreiflichkeiten oder gar Vergewaltigung gekommen sei. Auf einem anderen Zettel habe Angelika W. geschrieben, sie habe Susanne F. getreten, gewürgt und ihr die Haare ausgerissen, aber „Wilfried hat damit nichts zu tun.“

Am Freitag wird erwartet, dass Angelika W. die Gelegenheit nutzt, als Angeklagte das letzte Wort zu sprechen. Am 5. Oktober soll das Urteil fallen.



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