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Kleine Betriebe verschwinden

Hofsterben im Weserbergland

HAMELN-PYRMONT. Grasende Kühe auf grüner Weide, ein malerischer Bauernhof mit Hund, Katze und krähendem Hahn – noch immer existieren romantisierende Klischeevorstellungen von der Landwirtschaft. Doch die Realität sieht anders aus als in den Bilderbüchern – und sie verändert sich rapide. Kleine Betriebe verschwinden, die verbleibenden werden immer größer.

veröffentlicht am 15.01.2018 um 16:39 Uhr
aktualisiert am 15.01.2018 um 18:50 Uhr

Damit die Landwirtschaft sich lohnt, müssen die Bauern große Flächen bewirtschaften. Foto: dana
Jens Spickermann

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Mit ländlicher Idylle haben die großen, industrialisierten Agrar-Produktionen mittlerweile wenig zu tun. Die Folgen der Veränderungen würden insbesondere in den kleinen Dörfern spürbar, heißt es.

1979 gab es im Landkreis Hameln-Pyrmont noch 1746 landwirtschaftliche Betriebe. Zwanzig Jahre später waren es nur noch 756. Im Jahr 2010 lag die Zahl der Betriebe noch bei 524 und ist bis 2016 auf 484 geschrumpft. Zugenommen hat die Anzahl der Landwirte, die mehr als 100 Hektar bewirtschaften: 1999 waren es noch 119, im vorletzten Jahr schon 142. Deutlich abgenommen hat hingegen die Anzahl derer, die weniger als 50 Hektar bewirtschaften: 1979 waren es 1558, im Jahr 1999 lag die Zahl bei 432, im Jahr 2016 waren es mit 215 nur noch halb so viele. Diese Zahlen gehen aus der Agrarberichterstattung des Landesamtes für Statistik hervor.

Wenn man reinen Ackerbau betreibt, muss man schon 100 bis 150 Hektar bewirtschaften.

Karl-Friedrich Meyer, Kreislandwirt

„Wir bedauern den Strukturwandel“, sagt Kreislandwirt Karl-Friedrich Meyer. Leider hätten immer mehr Landwirte keinen Hofnachfolger. „Einige sagen, das lohnt sich nicht mehr.“ Die Kinder der Landwirte würden häufig andere Berufe ergreifen. Doch auch ältere Bauern würden zum Teil frustriert hinschmeißen. Das Problem sei die Bürokratie, der sich einige nicht mehr gewachsen fühlten. Die Betriebe rentabel zu machen sei außerdem immer schwieriger. „Wenn man reinen Ackerbau betreibt, muss man schon 100 bis 150 Hektar bewirtschaften“, sagt Meyer. Von Höfen mit weniger als 50 Hektar, die früher die Mehrheit der Betriebe ausmachten, könne heutzutage keine Familie mehr leben – zumindest nicht ohne Fleisch- oder Milchproduktion oder Bio-Landbau. Für die Tierhaltung sei zwar weniger Fläche notwendig. Wegen der großen Nachfrage würde sich die Geflügelmast am meisten lohnen. Wer allerdings neue Ställe bauen will, der stoße schnell auf Protest von Anwohnern und Bürgerinitiativen. „Die Landwirte erleben, dass die Tierhaltung gesellschaftlich immer mehr in Frage gestellt wird. Manche denken, ‚dann hör ich lieber gleich auf‘“, sagt Meyer.

Das kulturelle Leben im Dorf stirbt.

Karl-Friedrich Meyer, Kreislandwirt

Die konventionelle Landwirtschaft leidet nach Meyers Einschätzung unter mangelner gesellschaftlicher Anerkennung. Bei Öko-Betrieben sei das anders. Durch die höheren Abnahmepreise sei außerdem eine kleinere Fläche bereits rentabel: „Wenn ein Betrieb Öko-Landbau betreibt, kann er schon von 50 bis 70 Hektar leben“, sagt Meyer.

Ökologischer Landbau anstelle von Massentierhaltung oder Großbetrieben – das klingt zunächst nach einem guten Rezept gegen den Strukturwandel. Der Kreis der Verbraucher, die bereit sind, für Bio-Produkte mehr zu bezahlen, sei aber überschaubar, meint Meyer – Bio ist schließlich nicht billig. Tatsächlich hat sich zumindest zwischen 2010 und 2016 die Anzahl der ökologischen Betriebe im Landkreis nicht verringert, sondern stieg sogar von 19 auf 20. Einen Boom gibt es aber nicht.

Verkaufen würden die Bauern ihre Flächen eher selten, meint der Kreislandwirt. Gängiger sei es, das Land zu verpachten. Auf Verkäufe müssten nämlich Steuern gezahlt werden und die Verkaufserlöse brächten auf der Bank kaum Zinsen. Große Agro-Unternehmer, die anderswo Ackerflächen aufkaufen, seien im Landkreis bisher noch nicht in Erscheinung getreten, sagt Meyer.

Für das kulturelle Leben im Dorf sei das Aufgeben der kleinen Betriebe negativ, meint Meyer. Traditionell würden sich die Bauern-Familien beispielsweise bei den Landfrauen oder der Freiwilligen Feuerwehr engagieren. Wer sich aber außerhalb des Ortes beruflich neu orientiere, habe dafür häufig nicht mehr die Zeit. „Das kulturelle Leben im Dorf stirbt“, beklagt Meyer.

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