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Anfang der 1980er Jahre ist die Aufregung groß – und endlich reagiert die Politik auf die Luftverschmutzung

„Hilfe, unser Wald stirbt!“

Da ist es vorbei mit der Ruhe im Wald: In einem langen Tross ziehen 600 Menschen durch den Staatsforst bei Aerzen. Immer wieder lenken die Zeigefinger von Fachleuten die Blicke des Publikums zu den Wipfeln. Über einen mobilen Lautsprecher geben die Experten Hinweise zu lichten Baumkronen und saurer Erde. Menschen schwärmen aus, um in Wurzelbereichen Bodenproben zu sammeln und sie vor Ort auf den Säuregrad, den ph-Wert, analysieren zu lassen. Mit dem befürchteten niederschmetternden Ergebnis: „Die meisten Baumarten sind zum Sterben verurteilt, weil das Bodenmilieu nicht mehr stimmt“, zitiert die „Deister- und Weserzeitung“. Sie hat zu dem „Waldspaziergang“ im Oktober 1983 eingeladen, damit die Leser es mit eigenen Augen sehen: „Es ist fünf vor zwölf – auch unser Wald stirbt.“ Das Foto einer Fichte im Laatzener Forst – „vom Tod gezeichnet“ – illustriert die Alarmmeldung.

veröffentlicht am 07.05.2015 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:04 Uhr

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Marc Fisser

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Marc Fisser Reporter / Newsdesk zur Autorenseite
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Viele Jahrzehnte hat der Mensch die Abgase von Industrie, Heizungen und Autos bedenkenlos in die Luft geblasen. In Ballungsräumen wird die dicke Luft wie gottgegeben hingenommen. Erst wenn die Konzentration des Smogs unüberhörbar die Atemwege angreift, werden kurzzeitige Schutzmaßnahmen ergriffen. In den 1970er Jahren gilt es als Maßnahme zur Luftverbesserung, die Schornsteine von Fabriken und Kohlekraftwerken zu erhöhen. Die „Rauchschäden“ an der Natur in der Umgebung gehen tatsächlich zurück – die Schadstoffe werden nun großräumig verteilt. Als „saurer Regen“ kommt der Dreck etwa aus dem Ruhrgebiet nun im Weserbergland und Harz herunter, zerstört hier des Menschen grüne Lunge. So macht es ab 1979 der Göttinger Bodenforscher Bernhard Ulrich publik. Er hat im Solling geforscht. Mit den dort gewonnenen Erkenntnissen erklärt er, wie Schwefeldioxid und Stickoxide aus der Luft Säure in den Waldboden tragen; diese schwäche die Bäume, mache sie anfällig gegen Krankheiten. Zudem werde im Boden das für Pflanzen giftige Aluminium freigesetzt. Die Existenz zahlreicher Waldbestände sei gefährdet, warnt Ulrich.

„Saurer Regen über Deutschland – Der Wald stirbt“ titelt „Der Spiegel“ 1981. Das zu beobachtende großflächige Tannen- und Fichtensterben sei ein „erstes Vorzeichen einer weltweiten Umweltkatastrophe von unvorstellbarem Ausmaß“. Der in der Forstwirtschaft bis dahin nur für begrenzte Schadensräume verwendete Begriff „Waldsterben“ erhält plötzlich eine ganz eigene Dynamik. Er wird als Diagnose für den gesamten Wald in Deutschland und den Nachbarländern betrachtet. Ein Drittel des deutschen Waldes wird Anfang der 1980er Jahre als geschädigt eingestuft – Tendenz stark steigend. „Nicht an den Folgen herumdoktern, sondern die Ursachen, sprich den sauren Regen, beseitigen“, mahnt Jürgen Bosse vom Niedersächsischen Forstamt in Hessisch Oldendorf beim großen Waldspaziergang der Hameln-Pyrmonter im Herbst ’83. Jeder müsse Opfer bringen – finanziell und ideell, sagt der Forstoberrat. Er setzt sich für einen „Waldpfennig“ als Zwangsabgabe zur Finanzierung der Rettungsmaßnahmen ein, für einen sparsameren Stromverbrauch, weniger Autofahrten und den Verzicht „auf andere liebgewordene, aber den Wald schädigende Annehmlichkeiten des 20. Jahrhunderts“. Wichtig sei, „dass möglichst viele sich dafür einsetzen, dass etwas dagegen getan wird“.

Die junge Partei „Die Grünen“ tritt nicht zufällig in der Farbe des gesunden Waldes auf. Die Gruppierung erhält im März 1983 vor dem Hintergrund des Waldsterbens erstmals so viele Stimmen, dass sie in den Bundestag einzieht. Kanzler Helmut Kohl (CDU) überreichen sie nach dessen Wahl statt Blumen zur Mahnung einen dürren Nadelzweig. Der Regierungschef – alarmiert von den 5,6 Prozent für die Öko-Partei und die Besorgnis in der Bevölkerung – springt auf den Zug auf. Filter in den Fabrikschloten sollen das Schwefeldioxid als Verursacher des „sauren Regens“ reduzieren, Katalysatoren die Auspuffanlagen der Autos ergänzen.

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Oktober 1983: 600 Menschen ziehen bei Aerzen durch den Wald und lassen sich von Experten die Baumschäden zeigen. Archiv (3)

Der Begriff „Waldsterben“ füllt 1984 zwei Seiten im „Lexikon der Gegenwart“: „Sicher scheint, dass mehrere Faktoren zusammenwirken, die Hauptursache aber in der Schadstoffbelastung der Luft zu sehen ist.“ Wenn nicht schnell Mittel zur Rettung erkrankter Bäume gefunden würden, „können sich die Prognosen bestätigen, die das Verschwinden der europäischen Wälder bis zum Jahr 2000 befürchten“. Die Industrielobby empfiehlt, schadstoffresistente Baumsorten zu pflanzen. Aber das Gros der Bevölkerung sieht das Waldsterben inzwischen als Zeichen für die Bedrohung des Menschen durch die Umweltverschmutzung. Die Regierung lässt nun jährlich einen Waldzustandsbericht erarbeiten, dessen Grundlage die stichprobenartige Betrachtung von Baumkronen bildet. An der Methodik wird immer wieder gefeilt, weil die ermittelten Horrorzahlen nicht die Realität widerzuspiegeln scheinen, offenbar zu hoch liegen. Das Herumdoktern an der Statistik lässt die Umweltschützer aufschreien: Sie vermuten, das Problem werde im Interesse der Industrie kleingeredet.

1991 betont Forstoberrat Bosse, inzwischen auch Naturschutzbeauftragter des Landkreises Hameln-Pyrmont, mit Blick auf das Weserbergland: Wenn auch das sogenannte Waldsterben, bedingt durch umweltbelastende Immissionen, zumindest in den Fichtenbeständen zum Stillstand gekommen sei, teilweise auch schon leichte Besserungen zu registrieren seien, so sei der Zustand der Buchen und Eichen kritischer denn je. „Je nach Standort gelten bereits 54 bis 70 Prozent aller Buchen und Eichen als geschädigt.“ Späte Frostnächte hätten den durch Umweltschäden angeschlagenen Laubbäumen zugesetzt.

Es dauert lange, bis der Tod des deutschen Waldes abgesagt und dies allgemein akzeptiert wird. Zuletzt, im Jahre 2003, verkündet Bundeslandwirtschaftsministerin Renate Künast (Grüne): „Wir haben den Trend umgekehrt. Der Wald wächst wieder gesünder, die Flächen nehmen zu, die Holzwirtschaft hat in Deutschland eine gute Zukunft.“ 2003 liegt der Schwefeldioxidausstoß im Lande infolge der Luftreinhaltemaßnahmen um 55 Prozent unter dem Wert von 1990.

Ganz so rosig ist es für den Wald dann aber auch wieder nicht: Schon 2004 mehren sich nach dem heißen und trockenen Sommer des Vorjahres und einem daraus resultierenden Schädlingsbefall wieder die Probleme, die Statistik weist sogar Rekordzahlen aus. In den Waldböden hätten sich die Schadstoffe von Jahrzehnten gesammelt, sagte Künast nun. Auch sei der Ausstoß von Luftschadstoffen noch immer zu hoch. Laut Waldzustandsbericht 2014 sind 89 Prozent der Kiefern gesund oder allenfalls schwach geschädigt, bei der Buche seien es aber nur 65, bei der Eiche 58 Prozent.

Nun verlangt

der Klimawandel Reaktionen der Förster

Heute wird vermutet, dass einerseits der wiederholte Witterungsstress die deutschen Wälder gegen Ende der 1970er und Anfang der 80er Jahre getroffen hat; gleichzeitig habe es Schäden durch Nährstoffmangel gegeben. Saurer Regen und Ozon schienen einfach alles und alles einfach zu erklären. Dass die Probleme des Waldes nicht „monokausal gesehen werden dürfen“, bestätigt Christian Weigel. Er ist jetzt der Chef des Forstamtes Oldendorf und damit für 18 000 Hektar Wald zwischen Schaumburg und Holzminden verantwortlich. Ausgerechnet von 1979 bis 1984 studierte er in Göttingen Forstwirtschaft. „Ich bin mit Professor Ulrich durch den Solling gestapft“, erinnert sich Weigel. Es sei eine spannende Zeit gewesen, er habe sich aber keinesfalls Sorgen gemacht, nach seiner Ausbildung „in der Wüste zu stehen“. Ob tatsächlich menschgemachtes Waldsterben oder medial geförderte Massenpanik: Dass Schadstoffe nicht in die Luft oder ins Wasser geleitet werden sollten, wurde politischer Konsens. Die Deutschen verdanken es dem „Waldsterben“, sauberere Luft atmen zu können.

„Der Wald im Weserbergland ist heute in einem recht guten Zustand“, sagt Weigel. Und er betont: Gravierender als damals das „Waldsterben“ sei für die Forstwirtschaft nun der globale Klimawandel. „Ein Orkan an einem 31. März wie in diesem Jahr ist schon sehr ungewöhnlich“, stellt der Forstbeamte fest. Weigel geht davon aus, dass die Sommer in Deutschland trockener werden. Er bevorzugt deshalb schon seit Jahren bei Ersatzpflanzungen die Vogelkirsche, Elsbeere, Traubeneiche, Lärche und Douglasie anstelle der dürre- und sturmempfindlichen Fichte. Aber auch die hier sehr verbreitete Buche reagiere auf längeren Wassermangel mit Schäden, die zum Absterben führen können. „Bei der Verjüngung der Bestände treffen wir Entscheidungen für die nächsten 100 Jahre“, erklärt Weigel. Da sei es ratsam, „sich breitbeinig hinzustellen“, nicht auf nur wenige Sorten zu setzen. Interessanterweise hat sich das Wachstum der Bäume in Deutschland seit den 1960er Jahren sehr beschleunigt – um bis zu 77 Prozent bei der Buche und bis zu 32 Prozent bei der Fichte. Dies wird auf höhere Temperaturen und längere Vegetationszeiten, mehr Kohlendioxid in der Luft und Stickstoff im Boden zurückgeführt. Der Holzvorrat im deutschen Wald ist binnen zehn Jahren um sieben Prozent gestiegen; kein Land Europas verfügt über mehr Gehölz.

In künftig zu trockenen Regionen der Welt kann es durchaus zum Waldsterben kommen. Vielfach wird dort für diese Katastrophe der deutsche Begriff als Fremdwort verwendet.

Saurer Regen, Ozon, Waldsterben – gut drei Jahrzehnte ist es her, dass sich die Deutschen unmittelbar vor der Apokalypse des Grünen wähnten. Die ungehemmte Luftverschmutzung räche sich mit einer nie da gewesenen Umweltkatastrophe, sagten Forscher voraus. Eine steile These, aber mit positivem Effekt.



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