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Unternehmer aus Bodenwerder vor Gericht / Es geht um Kunstwerke im Schätzwert von 1,5 Millionen Euro

„Hatten Sie nicht das Gefühl, dass da irgendwas stinkt?“

Bodenwerder. Hat Karl-Rudolf S. gewusst, dass er Händlern und Galeristen gestohlene Kunstwerke anbot? Staatsanwältin Dr. Eva Bieker geht zumindest davon aus, dass der Geschäftsmann aus Bodenwerder „billigend in Kauf genommen“ hat, dass die Bilder des renommierten Kunstmalers Sigmar Polke „unrechtmäßig in seinen Besitz gelangt sind“. Die Staatsanwaltschaft legt dem Kaufmann Hehlerei zur Last. Seit gestern muss sich der 58-jährige Mann mit dem vollen Haar und dem freundlichen Lächeln vor der 1. Großen Strafkammer des Landgerichts Hildesheim verantworten.

veröffentlicht am 14.11.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 25.01.2019 um 09:03 Uhr

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Ulrich Behmann

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Ulrich Behmann Chefreporter zur Autorenseite
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Der Vorsitzende Richter Ulrich Pohl, der sich ansonsten um Fälle von Mord und Totschlag kümmert, ist skeptisch, glaubt, in den Akten viele Ungereimtheiten und Widersprüche ausgemacht zu haben. Pohl lässt keinen Zweifel daran, dass er vielen Aussagen keinen Glauben schenkt. Er kann sich nicht vorstellen, dass Karl-Rudolf S. nicht gemerkt hat, dass die Sache „nicht ganz koscher ist“. Der Kaufmann wirkt ruhig und ausgeglichen; er lässt sich nicht aus der Reserve locken – und bleibt dabei: „Ich bin damals von einem Freund gebeten worden, bei der Vermittlung von Kunstwerken behilflich zu sein und sollte dafür eine Provision bekommen. Ich habe nichts heimlich gemacht und nichts verdeckt abgewickelt.“ Die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft, sagt Karl-Rudolf S., seien „vollkommen falsch“. Richter Pohl hakt nach, will wissen: „Aber hatten Sie denn nicht das Gefühl, dass da irgendwas stinkt? Also ich habe einen scharfen Geruch in der Nase.“ Der Angeklagte antwortet: „Damals nicht, heute ja.“

Rückblende: Kunstwerke des Malers Sigmar Polke waren schon im Museum of Modern Art in New York und in der Galerie Anthony d’Offay in London zu sehen. Der im Juni 2010 verstorbene Kunstmaler wird international zu den wichtigsten Künstlern der Gegenwart gezählt. Die 16 Bilder, die die Hamelner Polizei am 6. August 2010 in dem noblen Wohnhaus des Unternehmers in Bodenwerder beschlagnahmt hat, haben nach Angaben der Staatsanwaltschaft einen Schätzwert von 1,5 Millionen Euro. Sie waren seinerzeit zum „Dumpingpreis“ (Kunstvermittler Sascha Tyrra) angeboten worden.

Karl-Rudolf S., der „Kunstliebhaber und Laie“, erzählt vor Gericht, wie er an die Polke-Werke gekommen ist. „Im Juni/Juli 2010 rief mich mein Bekannter A. an. Er fragte, ob ich ihm bei dem beabsichtigten Verkauf von Bildern, die ihm und seinem Freund B. gehören würden, helfen könnte.“ A. und B. hätten kurzfristig 60 000 Euro für den Ankauf eines Grundstücks benötigt. Karl-Rudolf S. hatte sich schon mehrfach an Vermittlungen von Kunstwerken versucht – allerdings erfolglos. Er willigte ein, auch, weil ihm zehn Prozent der Verkaufssumme als Provision versprochen wurden. Die Polke-Bilder, so habe ihm sein Bekannter versichert, stammten aus Tauschgeschäften. A. sei ein Kunstschreiner aus der Düsseldorfer Szene, der einmal für Polke einen Schrank gebaut habe und mit Kunst entlohnt worden sei. Überhaupt, so habe ihm A. erklärt, hätte Polke auf diese Weise auch andere Dienstleistungen bezahlt. Der Angeklagte beteuert, er habe keinen Verdacht geschöpft. Die Geschichte schien ihm plausibel. „Ich hätte niemals jemandem diese Kunstwerke angeboten, wenn mir der Gedanke gekommen wäre, dass etwas mit den Bildern nicht in Ordnung ist“, sagt der Kaufmann. Sowohl A. als auch B. wären später in seinem Haus in Bodenwerder gewesen und hätten ihm die Bilder gebracht.

Richter Pohl versteht nicht, warum sich jemand, der teure Kunstwerke besitzt, ausgerechnet an einen Laien wendet, um über diesen Käufer zu finden. Er stolpert darüber, dass Karl-Rudolf S.s Anwalt den Herrn B. erst erwähnt hat, nachdem dieser Besitzansprüche angemeldet hatte.

Als Zeuge wird schließlich Karl-Rudolf S.s Freund und Geschäftspartner S. vernommen. Er war dabei, als die Polizei kam, er geriet seinerzeit selbst ins Visier der Fahnder. Der Projektentwickler sagt, er habe „ein großes Netzwerk“ und sei von dem 58-Jährigen gebeten worden, beim Verkauf der Bilder gegen Provision behilflich zu sein. Dass etwas faul sein könnte, habe er nicht geahnt, weil er S. „als seriösen Geschäftsmann kennengelernt“ hatte. Die Geschichte vom Tauschgeschäft Schrank gegen Bilder kennt der Freund nicht. Er hat eine andere gehört: Polke solle seinerzeit einige seiner Kunstwerke als Gegenleistung für Liebesdienste im Rotlichtmilieu hergegeben haben. Fakt ist: Der Projektentwickler hat einen Bekannten eingeschaltet, der sich auf Warenvermittlungsgeschäfte versteht. Der 56-jährige H. aus Bad Münder sagt vor Gericht, er habe damals im Internet recherchiert, dort erfahren, dass Polke „kein Namenloser“ ist und im Netz einen Experten gesucht. Die Wahl fiel auf Kunstvermittler Tyrra. Der schaute sich die ihm per Mail zugeschickten Fotos der Polke-Bilder an und war entzückt, als er anhand von Aufklebern sah, in welchen Museen einige der zum Kauf angebotenen Kunstwerke bereits gezeigt worden waren. Der Partner von Sotheby’s in London bat einen Freund, den Nachlassverwalter der Polke-Kunst zu kontaktieren. Dieser sollte die Werke authentifizieren. Die Antwort löste Ernüchterung aus. „Die Bilder sollten sich eigentlich im Nachlass befinden“, hat der Verwalter sinngemäß gesagt. „Für mich war die Sache damit erledigt.“

Fortsetzung: 19. November, 9 Uhr, Saal 134

„Die Vorwürfe sind vollkommen falsch“ – Geschäftsmann Karl-Rudolf S. sagt, er sei unschuldig.



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