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Rechtsradikale Verschwörungstheoretiker krönen am Hermannsdenkmal einen Monarchen

„Germanitien“ ist jetzt ein „Königreich“

veröffentlicht am 15.09.2016 um 18:56 Uhr
aktualisiert am 25.10.2016 um 10:18 Uhr

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Autor:

Jakob Gokl und Ulf Hanke
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König ohne Krone, ohne Ländereien, ohne Anerkennung: Stefan R. hat es bei seiner Krönung vor dem Herrmannsdenkmal nicht einfach. Der Hofstaat besteht nur aus einem kleinen Häuflein Getreuen, rund um sie genießen Touristen und Wanderer lieber das gute Wetter. Keiner von ihnen jubelt dem frischgebackenen Monarchen zu – und dann versagt auch noch der Stempel.

Doch allen Widrigkeiten zum Trotz: Der Scheinstaat Germanitien ist nun offenbar eine Monarchie. Und Stefan I. sieht sich als ihr Monarch. Das Amateur-Video von dem bizarren Auftritt dümpelt durch die sozialen Netzwerke. Was für die meisten Menschen wie eine billige Schmierenkomödie wirkt, ist den Reichsbürgern des Scheinstaates, der eine „Botschaft“ in Goldbeck unterhält, bitterer Ernst.

Die Germaniten erkennen Behörden und Polizei nicht an, zahlen keine Steuern, weigern sich, ihre Schulden zurückzuzahlen. Im Einzelfall stehen oft persönliche Schicksale hinter dem kruden Weltbild. Nicht alle Reichsbürger sind rechtsradikal. Doch sie alle eint, dass sie die Bundesrepublik nicht anerkennen. Teilweise wird die Szene vom Verfassungsschutz beobachtet. Insbesondere die Germaniten mit Anschrift in Goldbeck haben personelle Überschneidungen mit der rechtsradikalen Szene und veröffentlichen Videos von Holocaustleugnern.

Der Germaniten-König ist nicht das erste Oberhaupt eines Fantasiestaats. Beobachter der Szene haben deutschlandweit mehr als 30 selbsternannte Reichsregierungen dokumentiert. Ob das Reich von König R. weit über die Grenzen der Botschaft in Goldbeck hinausreicht, ist unklar. Er hat noch einige Anhänger in Ostwestfalen, die rechtsradikale „Justizopferhilfe“, mit der es starke Überschneidungen gibt, hat ein Büro in Löhne.

Am Telefon ist „König Stefan“ zunächst gesprächig. Das Hermannsdenkmal habe er ausgewählt, weil „der Armine dort die Stämme zusammengeführt“ habe. Das sei „als Antenne“ benutzt worden. Irgendwann werden ihm die Fragen zu viel, seine „Privatsekretärin“ verweist den Anrufer an die „Pressestelle in Löhne“. Der König plaudere normalerweise nicht mit der Presse, sagt die Frau, die ihren Namen nicht nennen will: „Die Queen spricht ja auch nicht mit jedem.“ Diese „Pressestelle“ ist die Justizopferhilfe in Löhne. Fachleute der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus im Regierungsbezirk Detmold stufen sie als rechtsextrem ein, erklärt Frederic Clasmeier. Auch der Staatsschutz behält die Gruppe im Auge.

In dem Video ist nicht nur der „Botschafter“ Jörg P. aus Goldbeck zu sehen, sondern auch Jürgen N. und Axel T. aus Löhne. Die beiden gehörten einst zum Umfeld des verbotenen rechtsextremen Schulungszentrums Collegium Humanum in Vlotho.

Die Reichsbürgerbewegung, die deutschlandweit laut Innenministerium Hunderte Mitglieder hat, wird in der Öffentlichkeit überwiegend belächelt. Für die Verwaltung in Rinteln bedeuten sie aber ein stetes Ärgernis. Mit absurden und langwierigen Argumentationen wollen sie Beamte überrumpeln, schreiben hundertseitige Faxe, behindern Gerichte und Verwaltung.

Ihre gewaltbereite Seite hat die Szene zuletzt bei einer Zwangsräumung in Sachsen-Anhalt bewiesen. Bei einer Schießerei mit der Polizei verletzte ein Reichsbürger, der ebenfalls seinen eigenen Staat „Ur“ gegründet hatte, zwei Polizisten. Um seine „Amtspersonen“ zu beschützen, kündigte Stefan I. die Gründung einer Bürgerwehr an.



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