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So beschreibt der Staatsanwalt den mutmaßlichen Kindermörder und nennt erschreckende Details

„Gefühllos, unbarmherzig und hemmungslos“

Delligsen/Hildesheim. Der Mann, der am 18. August bei einem Ermittlungsrichter gestanden hat, den kleinen Julian (5) aus Delligsen über viele Stunden geschlagen und totgeprügelt zu haben, gibt sich am ersten Prozesstag vor dem Schwurgericht des Landgerichts Hildesheim wortkarg. Björn L. (27) gibt nur seinen Namen an, sagt, dass er am 14. November 1983 geboren wurde und zuletzt in der Rosmarinstraße 1 in Delligsen gewohnt hat. Dann senkt er seinen Kopf, starrt auf den Tisch, wippt mit dem linken Bein. Stundenlang macht er das. Augenkontakt mit Julians Mutter Nicole H. (28), mit der er vom 12. Juni bis zum 8. August liiert war, und dem leiblichen Vater des bestialisch getöteten Jungen, Denny H. (27), meidet er. Nur selten flüstert er seiner Pflichtverteidigerin Kristina Merkel-Blumenthal etwas zu. Ansonsten schweigt er. Die getrennt lebenden Eltern des Mordopfers treten als Nebenkläger auf.

veröffentlicht am 16.11.2010 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 09:21 Uhr

Gestern um 8.40 Uhr: Der Angeklagte Björn L. (27) steigt aus dem Gefängnistransporter. Foto: ube

Autor:

Ulrich Behmann
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Das, was der Hildesheimer Staatsanwalt Wolfgang Scholz dem 1,83 Meter großen, 80 Kilo schweren, dunkelblonden Vater eines vierjährigen Kindes vorwirft, lässt einem das Blut in den Adern gefrieren. Scholz, ein gebürtiger Hamelner, spricht von „hemmungslosen, systematischen Misshandlungen“. „Gefühllos, unbarmherzig und menschenverachtend“ habe der Angeklagte gehandelt, als er Julian demütigte und schlug. Björn L. sei „erbarmungslos“ gewesen, in der Tatnacht 15- bis 20-mal in Julians Zimmer gekommen, um ihn mit großer Wucht mit der Hand, aber auch mit einem Gürtel, zu schlagen. Scholz glaubt, der Angeklagte habe sich mit den „Schlagserien“ an dem nackt in seinem Bettchen liegenden Kind abreagiert. Schon früh habe er den Tod des vor Schmerzen schreienden Opfers in Kauf genommen, sagt der Staatsanwalt. Das aus der Nase laufende Blut, die Flecken am Kopf des Fünfjährigen, all das sei für ihn deutlich sichtbar gewesen. Und trotzdem soll Björn L. nicht vom ihm abgelassen haben. „Er kehrte viele Male zu seinem geschundenen Opfer zurück“, sagt Scholz. Einmal habe er den schwer verletzen Julian, der bereits eingetrübt war, sogar extra wach gemacht, um ihn weiter zu quälen. Der Angeklagte soll einen Oberschenkel des Kindes so stark verdreht haben, dass dieser brach. Nach den ersten heftigen Schlägen habe Björn L. auch noch auf den Jungen uriniert. Der Angeklagte habe „aus niedrigen Beweggründen grausam getötet“. Das ist Mord. Aber nicht nur Julian hat leiden müssen. Auch sein Bruder, der ein Jahr alte Säugling Lukas, soll von Björn L. gequält und verletzt worden sein. Am Vorabend des Mordes, also am 15. August, soll das gewesen sein. Die Staatsanwaltschaft beschuldigt den gelernten Maurer, der zuletzt ohne Arbeit war, so stark am Penis von Lukas gezogen zu haben, dass das Baby eine blutende Riss-Quetschwunde erlitt. Dann soll der Angeklagte dem verletzten Kind eine Windel angelegt haben. Erst viele Stunden später entdeckte Mutter Nicole H., die geschlafen hatte, die immer noch blutende Wunde. Sie alarmierte sofort einen Rettungswagen, fuhr mit Lukas ins Krankenhaus nach Hildesheim. Das Baby wurde stationär aufgenommen und an einen Tropf angeschlossen.

Während Nicole H. mit ihrem jüngsten Sohn in der Klinik aufhielt, war Björn L. mit Julian (5) und seinen zwei Jahren jüngeren Bruder Noah allein zu Hause. Der Angeklagte soll Julian die Hände auf den Rücken gebunden und ihn eingeschüchtert haben. Aus Angst vor weiteren Misshandlungen sagte der Fünfjährige seiner Mutter, er sei es gewesen, der Lukas verletzt habe.

Am Abend des 16. August und am frühen Morgen des folgenden Tages soll Björn L. Julian gequält haben. „Erst als es hell wurde, stellte er fest, dass er das Kind totgeschlagen hatte“, sagt Scholz. Manchmal scheint es, als wolle die Stimme des Staatsanwaltes versagen. Einen solch scheußlichen Fall hatte der 55-Jährige noch niemals zuvor.

Während Scholz die Anklageschrift verliest, zeigt Björn L. keine Regung. Er stiert zu Boden, hat seine gefalteten Hände auf den Tisch gelegt. Anders reagiert Julians Mutter Nicole H, die im Schwurgerichtssaal von einer Mitarbeiterin der Opferschutzorganisation „Weißer Ring“ betreut wird: Sie weint.

Björn H. sieht nicht aus wie ein Monster. Er ist ein junger Mann mit Brille. Sein Äußeres ist unscheinbar. Drei Jahre lang soll er sich täglich drei bis sieben Gramm „Speed“ in die Nase gezogen haben. Das hat er bei seiner richterlichen Vernehmung im August gesagt. Auch Nicole H. bestätigt den Drogenkonsum ihres ehemaligen Liebhabers. Wenn sie im Haus war, habe er die Droge alle 30 bis 45 Minuten konsumiert, sagt die Frau. Auf Nachfrage des Vorsitzenden Richters Ulrich Pohl gibt sie zu, auch selbst „Speed“ konsumiert zu haben.

Björn L. soll schon einmal zum Gewalttäter geworden sein. Die Staatsanwaltschaft hat ihn auch angeklagt, seine Ehefrau im August 2009 vor die Stirn gehauen, blutig geschlagen und dann noch auf das wehrlos am Boden liegende Opfer eingetreten zu haben. Julians Mutter Nicole H. hat er erzählt: „Ich habe schon einmal einem Mann den Penis abgeschnitten, weil der meine Freundin vergewaltigt hat.“ Dafür sei er im Jugendgefängnis gewesen. Ob das ein Märchen oder die Wahrheit ist, blieb gestern offen.

Ebenso unbestätigt ist das Motiv, das Björn L. für den Mord an Julian angeben hat. Er beschuldigt den Fünfjährigen, in das Bett des dreijährigen Noah uriniert zu haben. Er habe Julian in der Tatnacht immer wieder gefragt, warum er das gemacht hat, gab der Angeklagte bei der richterlichen Vernehmung im August an. Die Antworten des Kindes hätten ihn zur Weißglut gebracht. „Ich bin einfach ausgetickt“, steht im Protokoll, das der Vorsitzende Richter gestern vorgelesen hat. Die Frage, um die sich gestern alles drehte, ist: Hat Björn L. den Säugling verletzt? Oder kann es auch Julian gewesen sein? Die Mutter schließt heute aus, dass es der Fünfjährige gewesen ist. Er hätte Lukas nicht die Windel abnehmen, ihn verletzen und ihn dann wieder wickeln können.

„Was erwarten Sie sich von diesem Prozess?“, fragt Richter Pohl die Mutter am Schluss der mehrstündigen Befragung. „Klarheit und eine gerechte Strafe“, antwortet Nicole H.

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