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Von Hänsel und Gretel bis zum Baxmann: Der Wald in Märchen und Wesersagen

Gefährlich und zauberhaft

Weserbergland. Die armen Geschwister Hänsel und Gretel, das liebe Rotkäppchen und das schöne Schneewittchen kennt jeder – klar, das sind Grimmsche Klassiker. Was das Geschehen bei Brüderchen und Schwesterchen oder der Baxmann-Sage angeht, wird’s schon dürftiger. Alle diese Erzählungen eint eines: Sie spielen im Wald. Hauptsächlich oder zumindest in einem wesentlichen Punkt der Handlung. Der Wald bietet mal eine schaurige Kulisse, mal stellt er einen idyllischen Zufluchtsort dar. Schaut man sich die vielen verschiedenen Facetten des Waldes in Märchen und Sagen an, ist eines sicher: Langeweile herrscht dort selten.

veröffentlicht am 19.05.2015 um 10:35 Uhr
aktualisiert am 27.10.2016 um 23:41 Uhr

In der Ansichtskarte von August Splitgerber (1844-1918) wirkt der dunkle und dichte Wald düster und angsteinflößend auf die Geschwister Hänsel und Gretel. Abbildung: Deutsches Märchen- und Wesersagenmuseum Bad Oeynhausen
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Weserbergland. Die armen Geschwister Hänsel und Gretel, das liebe Rotkäppchen und das schöne Schneewittchen kennt jeder – klar, das sind Grimmsche Klassiker. Was das Geschehen bei Brüderchen und Schwesterchen oder der Baxmann-Sage angeht, wird’s schon dürftiger. Alle diese Erzählungen eint eines: Sie spielen im Wald. Hauptsächlich oder zumindest in einem wesentlichen Punkt der Handlung. Der Wald bietet mal eine schaurige Kulisse, mal stellt er einen idyllischen Zufluchtsort dar. Schaut man sich die vielen verschiedenen Facetten des Waldes in Märchen und Sagen an, ist eines sicher: Langeweile herrscht dort selten.

Bei dem Schlosse
des Königs lag ein
großer dunkler Wald

 In vielen deutschen Märchen avanciert der Wald zum wesentlichen Handlungsort. Zum einen in der Rolle, die er auch in der Lebenswirklichkeit der Menschen einnimmt: als Waldlandschaft, die die Siedlungen umgibt, in denen die Menschen leben. Diesen dient er als Lebensgrundlage, da er Holz und Nahrung bereithält. Jedoch stehen der Wald und seine ungeordnete, bisweilen undurchdringliche Wildnis in den Erzählungen vor allem für das Gegenteil menschlicher Zivilisation. Auch bei „Hänsel und Gretel“ bietet der Wald eine eher schaurige Kulisse abseits der Zivilisation: Die Geschwister werden dort ausgesetzt, verirren sich, fürchten sich vor wilden Tieren und gelangen schließlich zum Hexenhaus, das mehr Gefahr als Schutz birgt.
 Was im Wald geschieht, ist nicht nur reale Erfahrungswelt, sondern stets auch von Geheimnissen und Zauberhaftem umgeben. Die Geschichten zeichnen selten ein konkretes Bild, meist ist der Wald tief, dunkel, düster, wild, groß oder finster. An der Stelle, an der Informationen fehlen, waltet die Fantasie und Projektionen können den Raum belegen. Bei dem Märchen „Der Froschkönig“ liegt das Schloss in der Nähe eines großen, dunklen Waldes. Darin befindet sich unter einer alten Linde ein verzauberter Brunnen, der die Kugel der Prinzessin verschluckt. Gerade die Brüder Grimm machen den Märchenwald zu einer verzauberten Welt, in der man auf die Anderswelt – auf Geister, Elfen und Zwerge, auf magische Orte und Dinge – stoßen kann und in der sich die Helden der Geschichte bewähren müssen.
 Der Wald als Kulisse für Sagen- oder Märchenhaftes bietet sich an, weil die Bäume selbst schon einen transzendenten Charakter haben – sie werden sehr alt und stehen oftmals länger als ein Menschenleben an Ort und Stelle. Der Wald wird zum Sitz von Göttern, in heiligen Hainen können Menschen mit göttlichen Mächten in Kontakt kommen.
 Aber auch einzelne Bäume können in Märchen und Sagen eine tragende Rolle spielen. So ist aus Schaumburg die Sage um die alte Blutlinde bekannt: Aus einem einfachen Lindenzweig erwuchs vor der Burg Schaumburg ein mächtiger Baum, der die Unschuld eines im Mittelalter zu Unrecht als Hexe angeklagten und hingerichteten Mädchens beweisen soll. In dieser Sage tritt der Baum als Mahnmal und Symbol für Leben im Angesicht des Todes auf. In Sagen stellt der Wald auch häufig die Kulisse wichtiger Kämpfe dar – so in „Die Schlacht im Teutoburger Wald“ oder „Die Urschlacht im Geismarwald“.
 Früher war vielen Menschen der Wald vertraut, manche lebten auch darin. Zumeist arme Menschen wie Köhler oder Holzhauer – wie in der Sage „Die Dreigroschenhöhle im Amelungsberg und die Wichtel“, deren Protagonist ein armer Holzfäller ist, der „kaum das Nötigste zu brechen und zu beißen“ hat, dem aber das Glück widerfährt, einem spendablen Wicht zu begegnen. Aber auch Verbrecher und Verfolgte sind im Wald beheimatet – ein Beispiel ist die bis heute populäre Geschichte von Robin Hood, der mit anderen Verbannten im Sherwood Forest ein Zuhause gefunden hat und zum Rächer der Armen mutiert. Ein Verbannter der Region ist der Schankwirt und Stadtmusiker Cord Baxmann. Er schöpft in den Wäldern des Hohenstein laut Sage bis heute mit einem Fingerhut Wasser aus einer Quelle.
 Eine Figur, die dem Wald eng verbunden ist, ist der Jäger. Er ist in Märchen und Sagen in der Regel ein guter Mensch, der häufig als Lebensretter auftritt – in „Rotkäppchen“ überwältigt er den Wolf, in „Schneewittchen“ verweigert er den Befehl der Königin, das Mädchen zu töten. Er ist stets allein im Wald unterwegs und man trifft ihn unvorhergesehen. In der Sage „Vom wilden Jäger Hackelberg“ jedoch, die im Solling verortet ist, verschreckt der ruhelose Geist des toten Jägers Menschen und Waldtiere gleichermaßen, indem er nachts mit gellendem Schrei zur Jagd ruft.
 Die Menschen glaubten aber auch, dass im Wald Waldfrauen und Hexen wohnen. In den Erzählungen können sie sowohl als Vertreterinnen der guten als auch bösen Seite auftreten. In „Der Süße Brei“ ist eine Waldfrau, die aus dem Dunkel des Waldes auftaucht, Dreh- und Angelpunkt des Märchens. Als Helferfigur schenkt sie dem Mädchen einen magischen Topf, der den Hunger stillt.

Am Ende wird
alles gut? Nicht
für den bösen Wolf

 Der Wald wird jedoch nicht nur von Menschen bewohnt. Er ist natürlicher Lebensraum von Tieren. Die Märchen- oder Sagenhelden begegnen diesen Tieren unweigerlich, sobald ihr Weg durch den Wald führt. In den Erzählungen können die oftmals sprechenden Tiere als wild und gefährlich erscheinen, aber auch als zutraulich und hilfsbereit. Der Wolf vertritt – und das ist dem Gedächtnis der Menschen bis heute verhaftet – das Böse im Märchen. Das naive Rotkäppchen bringt er vom rechten Weg ab und lockt es in den Wald hinein, um Zeit zu gewinnen und die Großmutter fressen zu können.
 Da Märchen in der Regel ein gutes Ende nehmen, geht die Geschichte für den Wolf meist tödlich aus. Vögel, Hasen oder Rehe schlüpfen häufig in die Rolle der sympathischen Helfer und weisen den Weg oder warnen vor Gefahren. Bei „Schneewittchen“ trauern die vermenschlichten Vögel um die vergiftete und vermeintlich tote Prinzessin.
 Der Wald hat in Erzählungen wie Märchen und Sagen auch eine symbolische, übergeordnete Bedeutung. Ein typischer Handlungsverlauf ist folgender: Der Protagonist begibt sich aus einer Notwendigkeit oder einem Mangel heraus im Laufe der Erzählung von einem Ort zum anderen. Dabei durchquert er in der Regel auch den Wald. Während dieser Durchquerung passiert etwas mit dem Protagonisten, er wandelt sich. Im Wald findet der Suchende etwas, selbst wenn er nicht bewusst gesucht hat: eine Einheit des Lebens, die ihm zuvor abhandengekommen ist. Der immerwährende Kreislauf der Natur bietet Halt bei den Prüfungen und Gefahren, denen er ausgesetzt ist. Mit neu gewonnener Kraft kehren die Protagonisten in die Zivilisation zurück.
 Einige Beispiele: In „Die Sterntaler“ gibt das kleine Mädchen im Laufe der Erzählung alles her, was seine Person ausmacht. Sein Weg in den Wald fördert die Konzentration auf das Wesentliche und am Ende schenkt der Wald ihm ein neues Kleidungsstück. Es scheint, als ob hier ein Mensch neu geboren würde. Schneewittchen wird, wie Hänsel und Gretel, im Wald ausgesetzt und findet eine Zeit lang Zuflucht bei den sieben Zwergen, bevor sie ins Schloss zurückkehrt. Das Schwesterchen findet für sich und sein verwunschenes Brüderchen tief im Wald eine Hütte, in der sie bleiben, bis der böse Zauber gebrochen ist.
 In der Sage „Aus der Eichelsaat der Reinhardswald“ macht der junge Graf Reinhard ebenfalls eine Entwicklung durch: Der dem Spiel und Alkohol zugeneigte Mann verwettet leichterhand seine Grafschaft und nur durch List und Fleiß, die er zuvor nicht besaß, gelingt es ihm den Besitz zu behalten. Als Folge entsteht das große Waldgebiet im nordhessischen Weserbergland, das bis heute nach dem Grafen benannt ist und als Ort weiterer Sagen und Märchen bekannt ist.
 Alle Beispiele verdeutlichen: Helden in Märchen oder Sage sind Wanderer und der Wald auf ihrem Weg oftmals eine Art Entwicklungshelfer. Nicht nur in seiner Erscheinung als dunkle, bedrohliche oder schützende, hilfsbereite Umgebung, sondern auch als Ort der Wandlung wohnt dem Wald in den Erzählungen etwas Ambivalentes inne. Er steht für das Ungewisse, das auf den Protagonisten zukommt und das sowohl bedrohlich als auch hoffnungsfroh sein kann.
 Als Hochzeit der Märchen gilt die Romantik. Nicht nur sammeln und verschriftlichen die Brüder Grimm im 19. Jahrhundert Märchen, woraus eines der weltweit erfolgreichsten Bücher entsteht: die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm. Innerhalb dieser Rückbesinnung auf die eigene Erzähltradition entstehen auch neue Märchen, in denen dem Wald eine zentrale Bedeutung zukommt. Bei Wilhelm Hauffs „Das kalte Herz“ oder Ludwig Tiecks „Der blonde Eckbert“ fördert der Wald eine melancholische Grundstimmung. Der Wald ist bei diesen Kunstmärchen weniger ein Ort der Wandlung als ein Rückzugsort, der vor der sich wandelnden Gesellschaft schützt, der sich durch Konstanz und als positiv empfundene Einsamkeit auszeichnet. Ein ruhiger Gegenpol und gleichmäßiger Schutzraum, in dem alte Märchen und Sagen lebendig sein können.
 Gerade die Romantik schuf zur seelischen Erbauung ein mystifiziertes Bild von Waldesdunkel und Waldidylle. Der Märchenwald spiegelt die Sehnsucht der Romantik nach Einheit und Ruhe wider. In diesen Duktus passt auch Tiecks Eckbert, der sich an der Einsamkeit des Waldes ergötzt: Waldeinsamkeit / Die mich erfreut, / So morgen wie heut / In ew’ger Zeit / O wie mich freut / Waldeinsamkeit.

Von: Kerstin Wölki

Diese Zeichnung – der Entwurf stammt von Felix Elßner aus dem Jahr 1905 – illustriert das Märchen vom Rotkäppchen.  Deutsches Märchen- und Wesersagenmuseum Bad Oeynhausen (2)
  • Diese Zeichnung – der Entwurf stammt von Felix Elßner aus dem Jahr 1905 – illustriert das Märchen vom Rotkäppchen. Abbildung: Deutsches Märchen- und Wesersagenmuseum Bad Oeynhausen


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