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Die Sicherheitsvorkehrungen werden erhöht

Fünf Monate nach dem Brandanschlag in Salzhemmendorf beginnt der Prozess

Weserbergland. Ab Mittwoch müssen sich Dennis L., Sascha D. und Saskia B. wegen gemeinschaftlichen versuchten Mordes in Tateinheit mit versuchter schwerer Brandstiftung vor Gericht verantworten. Zahlreiche Medienvertreter und Zuschauer werden erwartet. Die Sicherheitsvorkehrungen würden erhöht, heißt es.

veröffentlicht am 05.02.2016 um 17:16 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 14:47 Uhr

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Ulrich Behmann

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Ulrich Behmann Chefreporter zur Autorenseite
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Dennis L. aus Lauenstein sitzt in seiner neun Quadratmeter großen Gefängniszelle der Justizvollzugsanstalt Sehnde und denkt in diesen Tagen viel nach – über den Prozess, der am 10. Februar im Schwurgerichtssaal des Landgerichts Hannover beginnt und über die Tat, die er gestanden hat. Am 28. August kurz nach 2 Uhr, also zu nachtschlafender Zeit, hat der heute 31-Jährige in Salzhemmendorf eine mit Benzin und Sägespänen gefüllte brennende Flasche durch die Fensterscheibe einer Wohnung geworfen, in der eine Mutter (34) und ihre drei Kinder (4, 8, 11) aus Simbabwe lebten. Dass bei dem Brandanschlag niemand verletzt wurde, grenzt schon an ein Wunder. Es hätte auch Tote geben können. Als der Molotow-Cocktail auf dem Fußboden aufschlug, der PVC-Fußboden in Brand geriet und sich giftige Rauchgase bildeten, hielten sich in dem Gebäude an der Hauptstraße 40 Personen, davon 29 Flüchtlinge aus verschiedenen Ländern, auf. Dennis L. wird nicht allein auf der Anklagebank sitzen. Sein Freund Sascha D. (25) aus Salzhemmendorf, mit dem er den Brandsatz gebaut, und Saskia B. (24) aus Springe, die den Fluchtwagen gesteuert haben soll, müssen sich „wegen gemeinschaftlichen versuchten Mordes in Tateinheit mit versuchter schwerer Brandstiftung“ verantworten.

Staatsanwaltschaft sieht drei Mordmerkmale

Die Staatsanwaltschaft Hannover sieht nach Informationen der Dewezet gleich drei Mordmerkmale. Die Anklagebehörde ist nach Lage der Dinge davon überzeugt, dass das Motiv des Brandanschlags die „fremdenfeindliche Gesinnung“ der Angeklagten gewesen ist. Das allein wäre schon ein „niedriger Beweggrund“. Weil das Verbrechen zu einer Zeit verübt wurde, wo Menschen für gewöhnlich schlafen, wird auch Heimtücke angenommen. Und dann ist da noch das sogenannte „gemeingefährliche Mittel“. Schon das gewählte Tatwerkzeug, also die Brandflasche, spricht aus juristischer Sicht für versuchten Mord, denn: „Eine Bombe oder ein Molotow-Cocktail können mit einem Wurf viele Menschen töten“, erklärt Richter Dr. Stephan Loheit. Eine Pistole oder ein Messer seien dagegen rein rechtlich gesehen nur Waffen, aber eben keine gemeingefährlichen Mittel. Das sei ein Unterschied.

Dennis L., der den Brandsatz geworfen hat, zeige Reue. Was er getan habe, tue ihm sehr leid, sagt der Hamelner Rechtsanwalt Roman von Alvensleben, der den Arbeiter aus Lauenstein gemeinsam mit der Rechtsanwältin Tanja Brettschneider aus Hannover verteidigen wird. Angeblich ist Dennis L. verwundert und erschrocken darüber, dass er es war, der den Molotow-Cocktail geworfen hat. Sein bester Freund sei Ausländer, heißt es. Das klingt wie eine Schutzbehauptung, denn der Lauensteiner hat in der Vergangenheit keinen Zweifel daran gelassen, dass er eine rechte Gesinnung hat. Der Hamelner Romik Muradjan, der einst mit seinen Eltern aus Armenien nach Deutschland geflüchtet ist, ist einer von bislang neun geladenen Zeugen. Er ist Arbeitskollege und Freund des Molotow-Werfers Dennis L. Muradjan hat früher einmal selbst in dem Haus gewohnt, auf das L. den Anschlag verübt hat. Er kann nicht begreifen, was der Mann, der „wie in kleiner Bruder“ für ihn ist, getan hat. Fremdenfeindliche Tendenzen habe er bei Dennis L. nicht bemerkt, hat er gesagt. Rechtsanwalt Roman von Alvensleben räumt dagegen ein, dass sein Mandant eine „gewisse politische Einstellung, also rechte Ansichten, hat. Er sei aber kein Radikaler, meint der Anwalt. Die Verteidigung spricht von einer „Spontantat, bei der Alkohol eine große Rolle gespielt hat.“

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  • Das Haus an der Hauptstraße in Salzhemmendorf – Dennis L. warf einen Brandsatz durch ein Fenster. dpa

Die Staatsanwaltschaft weiß allerdings, dass es auch den aggressiven Dennis L. gibt, den, der Ausländer hasst. Spuren im Internet lassen diesen Schluss zu: „Schlagt sie tot!!!“, schrieb er dort. Und kurz darauf: „Für manche Menschen hätte eine Dusche aufbleiben sollen.“ Auch diese über WhatsApp verbreiteten Sätze werden Dennis L. zugeschrieben: „Ich bin der neue Adolf. Nix Zyklon B“ oder „Erhängt das Pack“.

Die dreifache Mutter Saskia B. soll ihn mit einer Aussage belastet haben. Dennis L. habe ihr kurz nach dem Brandanschlag gesagt: „Wenn der Neger brennt, feiere ich richtig.“ Dennis L. bestreitet das. Er könne sich nicht erinnern, so etwas gesagt zu haben, gibt er zu Protokoll. Alle drei Verhafteten betonen, sie seien nicht ausländerfeindlich.

Der Molotow-Werfer sitzt nach Angaben der Verteidigung in seiner Zelle und spult vor seinem geistigen Auge immer wieder die Ereignisse der August-Nacht ab. „Er sieht sich, wie er gemeinsam mit Sascha D., einem ehrenamtlichen Feuerwehrmann mit zwielichtiger Vergangenheit, den Molotow-Cocktail mischt. Er sieht sich, wie er mit dem Brandsatz vor dem Haus steht. „Aber der Film, der in seinem Kopf läuft, hat Aussetzer“, sagt von Alvensleben. Dennis L. habe Erinnerungslücken.

Molotow-Werfer hatte viel Alkohol im Blut

Gibt es diese Filmrisse wirklich? Oder will die Verteidigung nur ein abgemildertes Strafmaß erreichen? Dennis L. hatte offenbar viel Alkohol im Blut, als er den Brandsatz in den laut Staatsanwaltschaft von außen gut als Kinderzimmer erkennbaren Raum warf. Letztlich geht es um die Frage: War Dennis L. zur Tatzeit vermindert steuerungs- und einsichtsfähig? Konnte er die Konsequenzen seines Handelns begreifen? Oder war er dafür viel zu betrunken? Nach unbestätigten Informationen der Dewezet soll Dennis L. zwischen 2 und 3 Promille intus gehabt haben. Auch sein Freund Sascha D., Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr, mit dem er den Brandsatz gebaut haben soll, hatte an diesem Abend schon einige Biere getrunken. Allerdings war er in der Lage, wenig später mit seinem Feuerwehrkameraden zum Löscheinsatz auszurücken. Er ließ sich nichts anmerken, fuhr zu dem Brand, den er Minuten zuvor gemeinsam mit seinen Freunden gelegt hatte.

Bei der Feuerwehr hatte Sascha D. eine zweite Chance bekommen. Vor etwa fünf Jahren soll der heute 25-Jährige eine Scheune angezündet haben; wegen Brandstiftung soll er damals zu einer Geldstrafe verurteilt worden sein. Sascha D. soll noch mehr auf dem Kerbholz haben – wie Dennis L. soll er wegen Körperverletzung, Sachbeschädigung und politisch motivierter Taten in Erscheinung getreten sein. Verteidiger von Alvensleben betont, dass sein Mandant nur dann Straftaten begangen hat, wenn er zuvor viel Alkohol getrunken hatte. Will die Verteidigung damit sagen, dass Dennis L. ein anderer Mensch ist, wenn er trinkt?

Am Tatabend hörten die drei Freunde in der Garage von Dennis L. Musik der rechten Szene. Sänger der Bands „Sturmgewehr“ und Kategorie C“ grölten. Dazu floss Bier in Strömen. Nur Saskia B. blieb bei Cola und war als Einzige nüchtern. Sascha D. kann sich daran erinnern, dass ausländerfeindliche Lieder gespielt wurden. Irgendwann habe man angefangen, über Flüchtlinge zu reden, sagt er. Wer auf die Idee mit dem Molotow-Cocktail gekommen ist, weiß er angeblich nicht mehr.

Die dreifache Mutter Saskia B. (24) hat bei ihren Vernehmungen diffuse und widersprüchliche Angaben gemacht. Mal will sie nicht mitbekommen haben, dass ihre Freunde in der Garage von Dennis L. einen Brandsatz bauen, mal räumt sie ein, daneben gesessen zu haben. Nach den Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft hat Saskia B. die beiden Mitangeklagten zum Tatort gefahren. Während Dennis L. ausstieg, warteten Saskia B. und Sascha D. im Wagen. „Der Motor des Fluchtwagens lief, die Scheinwerfer waren ausgeschaltet“, heißt es. Saskia B. könnte vor Gericht behaupten, sie habe nicht gewusst, was die Männer vorhatten. Kann ihr nicht das Gegenteil nachgewiesen werden, ginge sie wohl straffrei aus. Die Staatsanwaltschaft wirft ihr vor, Mittäterin gewesen zu sein. Die drei Freunde sollen einen gemeinsamen Tatplan gefasst haben. Deshalb wird dem Trio gemeinschaftlich versuchter Mord vorgeworfen. Die 13. Große Strafkammer unter Vorsitz von Richter Wolfgang Rosenbusch wird zu klären haben, ob Saskia B. Mittäterin oder nur Gehilfin war. Im Kern geht es um die Frage: Kannte sie alle Einzelheiten des geplanten Anschlags? Oder hat nur gewusst, dass die Männer irgendetwas Strafbares vorhaben? Würde sie als Gehilfin verurteilt, hätte sie eine gemilderte Strafe zu erwarten.

Über NPD-Like gestürzter Jugendwart ist Zeuge

 

Am ersten Verhandlungstag wird das Schwurgericht den Angeklagten freistellen, ob sie sich zur Tat äußern. Die Rechtsanwälte von Dennis L. werden voraussichtlich eine Verteidiger-Erklärung abgeben. Der Lauensteiner ist offenbar nicht so gut im Formulieren. Er könnte sich in Widersprüche verstricken. Da die Angeklagten „im Wesentlichen geständig“ sind, hoffen die Richter, dass die Kammer nicht jedes noch so kleine Detail aufklären muss. Am ersten Tag sind nur vier Zeugen geladen worden. Am 11. Februar wird die Hauptverhandlung fortgesetzt. Dann sollen fünf Zeugen, darunter auch der ehemalige Jugendwart der Freiwilligen Feuerwehr Salzhemmendorf, der über sein NPD-Bekenntnis bei Facebook gestürzt war, von der Strafkammer angehört werden.

Als Sachverständige sitzen dann auch der Psychiater Dr. Michael von der Haar und der Brandexperte Klaus Franke vom Kriminaltechnischen Institut des Landeskriminalamts im Gerichtssaal.

Am 26. Februar könnten die Urteile gesprochen werden.



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