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Bauern sind verunsichert / Injektionsnarkose kann Problem lösen

Ferkel werden weiterhin ohne Betäubung kastriert

WESERBERGLAND. Eigentlich sollte es zum Jahresbeginn mit der betäubungslosen Kastration von männlichen Ferkeln vorbei sein. Seit fünf Jahren wird das Verbot angekündigt, doch geschehen ist bisher nichts. Nun hat die Bundesregierung das Verbot um zwei Jahre verschoben. Bei den Bauern ist die Verunsicherung groß, sie wissen nicht, was auf sie zukommt.

veröffentlicht am 11.02.2019 um 13:40 Uhr
aktualisiert am 11.02.2019 um 15:40 Uhr

Jörg Bödecker (v. li.) zeigt Karl-Friedrich Meyer, Dirk Adomat, Siegfried Schönfeld und Johannes Schraps ein kastriertes Ferkel. Foto: PJ

Autor:

PETER JAHN
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Derzeit sind mehrere Möglichkeiten im Gespräch, wie die Kastration schmerzfrei für die Tiere erfolgen könnte. Das Hauptproblem: Es bleibt nur wenig Zeit, um das, was von heimischen Bauern und der die Bestände betreuenden Tierärztin als beste Lösung erachtet wird, umzusetzen.

Um sich ein Bild zu machen, haben der Landtagsabgeordnete Dirk Adomat und der Bundestagsabgeordnete Johannes Schraps den Betrieb des Ferkelerzeugers Jörg Bödecker in Hilligsfeld besucht. Es ist für den SPD-Bundestagsabgeordneten bereits der zweite Besuch in einem Betrieb mit Muttersauen, Ferkelaufzucht und Mast. Vor geraumer Zeit hat sich Schraps bereits bei Friedrich-Wilhelm Bisanz in Aerzen sachkundig gemacht. Ebenso wie Adomat lässt Schraps keinen Zweifel daran, dass nun umgehend eine Lösung gefunden werden muss: „Zwei Jahre sind schnell vorbei, einen nochmaligen Aufschub wird es mit uns nicht geben.“ Auch die Landwirte fordern baldige Klarheit und einen für sie praktikablen Weg.

Früher hat man angenommen, dass Ferkel noch kein so ausgeprägtes Schmerzempfinden haben. Die Kastration durfte ohne Betäubung in den ersten acht Lebenstagen vorgenommen werden. Heute weiß man, dass Ferkel dann schon über voll entwickelte Schmerzrezeptoren verfügen. Zwar verläuft die Wundheilung bei früh kastrierten Ferkeln schneller und komplikationsloser als bei älteren Ferkeln, doch sie empfinden das Durchtrennen der Samenstränge als besonders schmerzhaft - deshalb das Verbot der Kastration ohne Betäubung.

Werden männliche Ferkel nicht kastriert, bleibt die Mast der Eber mit der Schwierigkeit, das Fleisch vermarkten zu können. Beim nicht kastrierten männlichen Schwein besteht die Gefahr, dass das Fleisch geschmacklich nicht den Käuferwunsch trifft. „Eber sind nur an Großschlachtereien zu vermarkten, kleinere Schlachtereien nehmen diese nicht“, sagt Bödecker. Eine zweimalige Impfung kann den Ebergeruch verhindern. Diese Immunokastration muss im Abstand von mindestens vier Wochen, die zweite Impfung zwischen vier und sechs Wochen vor der Schlachtung erfolgen. Dadurch wird die Produktion von Sexualhormonen im Hoden unterdrückt, somit wird kein oder nur wenig Androstenon gebildet. Sowohl die Mast der Eber als auch die Behandlung mit Hormonen halten nicht nur heimische Ferkelerzeuger und Schweinemäster für nicht sinnvoll, da der Lebensmitteleinzelhandel sich gegen die Abnahme des Fleisches sperren werde. Auch Politiker, wie Schraps und Adomat „sind da ganz bei ihnen“. Während der Besichtigung der Stallanlagen in Hilligsfeld, an der neben den beiden Politikern auch Tierärztin Isabel von dem Busche, Hameln-Pyrmonts Kreislandwirt Karl-Friedrich Meyer und sein Stellvertreter Horst-Friedrich Hölling, Schaumburgs Kreislandwirt Achim Pohl, Landwirt Albrecht Brandes und Siegfried Schönfeld von der SPD 60plus in Bad Münder teilnehmen, geht es vor allem um die mögliche Kastration unter wirksamer Schmerzausschaltung. Diese Narkose muss in Deutschland durch einen Tierarzt durchgeführt werden. Bei der chirurgischen Ferkelkastration sind drei Betäubungsverfahren möglich: Injektionsnarkose, Inhalationsnarkose und Lokalanästhesie. Diese dürfen nach den Vorgaben des Tierschutzgesetzes nur von einem Tierarzt durchgeführt werden, zusätzlich ist die Gabe von Schmerzmitteln für die Behandlung des postoperativen Wundschmerzes notwendig.

Die Injektion geht mit einer relativ langen Nachschlafphase einher. Die Alternative zur Injektionsnarkose ist die Inhalationsnarkose mit Isofluran, welche deutlich schneller zur Bewusstlosigkeit führt und eine sehr kurze Aufwachphase hat. Gegen Isofluran spricht nach Ansicht der Landwirte: Dämpfe sollen möglichst nicht eingeatmet werden, da sie Schläfrigkeit und Benommenheit verursachen und die Reaktionsfähigkeit mindern können. Außerdem gebe es Studien, die belegen, dass durch Isofluran-Aufnahme ein erhöhtes Krebsrisiko bestehe, die Fruchtbarkeit beeinträchtigt und eine verfrühte Erkrankung an Alzheimer ausgelöst werden könne.

In der Diskussion in Hilligsfeld wird auch die Lokalbetäubung angeführt, die in Dänemark praktiziert wird. Die Schulung der Landwirte erfolgt dort durch den Hoftierarzt. Dieses Konzept hat sich bewährt. Die Ferkel vertragen die Lokalanästhesie sehr gut und kehren schnell ans Gesäuge zurück. Das Problem in Deutschland: Es fehlt die Zulassung für das Anästhetikum. Hölling erklärt: „Es ist Eile geboten. Meine Tiere werden in Niedersachsen geboren, wachsen in Niedersachsen auf und werden auch in Niedersachsen geschlachtet. Soll dies so bleiben und gewachsene regionale Strukturen erhalten bleiben, müssen wir die lokale Anästhesie hinbekommen. An meinen Schlachter kann ich nur kastrierte Tiere liefern.“ Damit dies alles noch klappen kann, sieht Adomat nur die Möglichkeit das Zulassungsverfahren zu beschleunigen. Auch Tierärztin von dem Busche sieht in der Lokalanästhesie die beste und praktikabelste Lösung, die Mediziner betäuben die Tiere und die Landwirte kastrieren sie.



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