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Jugendamt hatte bereits 2016 Hinweise auf Pädophilie

Fehleinschätzung und Tunnelblick im Fall Lügde

Welche Rolle spielt das Jugendamt des Landkreises Hameln-Pyrmont im Fall des jahrelangen massenhaften Kindesmissbrauchs auf einem Campingplatz in Lügde? Hameln-Pyrmonts Landrat Tjark Bartels (SPD) äußerte sich am Dienstag auf einer Pressekonferenz im Kreishaus über die Rolle des Jugendamtes im Missbrauchsfall Lügde-Elbrinxen. Die Staatsanwaltschaft hat die beschlagnahmten Akten zu einem Pflegekind jetzt zurückgegeben. Diese sind laut Bartels „sorgfältig gesichtet und rechtlich bewertet“ worden und ermöglichen eine Rekonstruktion des Vorgangs.

veröffentlicht am 19.03.2019 um 11:08 Uhr
aktualisiert am 19.03.2019 um 19:04 Uhr

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Hameln-Pyrmonts Landrat Tjark Bartels (SPD) hat heute Fehler im Fall des Kindesmissbrauchs auf einem Campingplatz in Lügde eingeräumt. Konkret geht um den Fall eines Mädchens (heute 8), das bei dem 56-jährigen Hauptverdächtigen in einem Pflegeverhältnis lebte. Das  Jugendamt in Hameln war zuständig für das Kind. Nach den derzeitigen Erkenntnissen hatte das Jugendamt drei voneinander unabhängige Hinweise auf Pädophilie erhalten. Jedem Hinweis wurde laut Bartels einzeln nachgegangen, mit dem Ergebnis, dass die zuständigen Betreuer keine Gefährdung des Kindeswohls erkannten und keinen Grund dafür sahen, das Pflegeverhältnis zu beenden. "Die Gesamtschau der drei Hinweise betrachten wir als Fehler", sagte Bartels. Zusammen betrachtet hätten sie ein Einschreiten erforderlich gemacht, so Bartels.

Sozialministerin kritisiert Jugendamt

Inzwischen hat sich auch Niedersachsens Sozialministerin Carola Reimann zum Inhalt der Pressekonferenz gemeldet: „Was den betroffenen Kindern in Lügde angetan wurde, ist bestürzend. Mir ist unverständlich, wie das Jugendamt Hameln-Pyrmont drei Hinweise innerhalb eines halben Jahres falsch würdigen konnte - hier zeigt sich eine fatale Fehleinschätzung. Hinsehen und handeln, das ist im Kinderschutz oberste Maxime. Wenn ausgerechnet die, die die Kinder schützen sollen, ihrer Verantwortung zum Kinderschutz nicht in vollem Umfang nachkommen, dann ist das inakzeptabel. In diesem Fall sind falsche und folgenreiche Entscheidungen getroffen worden."

Piehl erwartet gemeinsame Konzepte zwischen Ländern und Ämtern

Auch Anja Piehl, Fraktionsvorsitzende und sozialpolitische Sprecherin Bündnis 90 / Die Grünen, bezieht Stellung. „Die schlimmen Fälle in Lügde zeigen ein dramatisches Ausmaß an jahrelangem Versagen staatlicher Behörden in beiden betroffenen Bundesländern. Individuelles Fehlverhalten muss lückenlos aufgeklärt werden – da sind die Aufsichtsbehörden gefragt. Zugleich übt sie Kritik an Carola Reimann: Aber auch wenn die Jugendämter im Verantwortungsbereich der Landkreise agieren, reiche es nicht aus, wenn eine niedersächsische Sozialministerin mit dem Zeigefinger auf die Fehler vor Ort zeige, so Piehl. "Ich erwarte von den zuständigen Ministerinnen Reimann und Havliza ein gemeinsames Konzept, wie derartige Fehler in Zukunft vermieden werden können. Für einen funktionierenden Kinderschutz müssen Koordination und Abstimmung zwischen den Ländern und den Ämtern dringend verbessert werden!“


 

Bartels Kernaussagen:

  • Landrat Tjark Bartels gibt zu: Der Pädophilie-Hinweis auf Andreas V. aus dem Jahr 2016, der an den Kinderschutzbund Bad Pyrmont herangetragen wurde, war dem Jugendamt Hameln bekannt. Die Aktendurchsicht habe ergeben, dass es drei Hinweise gab. Das Jugendamt Hameln hatte damit alle öffentlich bekannten Hinweise auf sexuellen Missbrauch.

  • Eine weitere Mitarbeiterin ist freigestellt worden. Sie soll nach der Inobhutnahme des Kindes Daten aus einer Akte gelöscht haben, um die frühen Hinweise auf Pädophilie im Nachhinein zu tilgen. Die Löschung des betroffenen Absatzes sei dem Landkreis nicht aufgefallen. Erst die Staatsanwaltschaft informierte den Kreis über diesen Eingriff. Die IT-Auswertung hatte dies ergeben.

  • Bartels entschuldigt sich dafür, dass seine Behörde den Hinweisen in ihrer Gesamtheit nicht genug nachgegangen sei. "Wir entschuldigen uns ausdrücklich bei denjenigen, die dadurch Leid erlitten haben.“

  • Zu Beginn der Pressekonferenz hatte der Landrat noch mal ausgeführt, warum der mutmaßliche Haupttäter eine Pflegetochter betreuen durfte: Ein Entzug des Sorgerechtes sei "rechtlich nicht möglich gewesen", sagte Bartels. Zudem wäre das Kind dann vermutlich ohne Überwachung durch das Jugendamt zum mutmaßlichen Täter auf den Campingplatz gekommen.

  • Andreas V. wird von Mitarbeitern des Jugendamts als "Rheinische Frohnatur, der zwar etwas bollerig, schräg und schwierig im sozialen Umgang war, von dem am Ende aber niemand dachte, dass er ein Pädophiler" sei , sagt Landrat Bartels. "Wir haben uns von der Fassade täuschen lassen."

Der Kreis-Behörde war vorgeworfen worden, sie wäre Hinweisen aus dem Jahr 2016 nicht nachgegangenen. Außerdem habe sie dem Hauptverdächtigen ein Pflegekind überlassen. Die Vorwürfe aufklären konnte das Jugendamt bisher nicht. Als Begründung hieß es: weil die Akten bei der zuständigen Staatsanwaltschaft lägen. Inzwischen liegen die Schriftstücke wieder vor. Über den Inhalt informiert zur Stunde Landrat Tjark Bartels (SPD).

 



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