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Kripo zieht Konsequenz aus Kritik – und schweigt darüber

Fall Lügde: Polizei sah bei Räumung Nummer zwei nicht nur zu

ELBRINXEN / BIELEFELD / HAMELN. Sechs Tage ist es jetzt her, dass auch die Behausung des zweiten Missbrauchs-Hauptverdächtigen auf dem Elbrinxer Campingplatz geräumt wurde. Laut Polizei-Pressemitteilung sollten Uniformierte vor Ort nur verhindern, dass der Besitz des Verdächtigen Mario S. (34) in falsche Hände gerät. Aber sie taten mehr.

veröffentlicht am 23.04.2019 um 22:27 Uhr

Indem die Polizei Bielefeld ein Hamelner Abbruchunternehmen mit der Entrümplung der Parzelle von Mario S. beauftragte, zog sie wohl die Konsequenzen aus der in die Kritik geratenen unbeaufsichtigten Räumung der Parzelle des Hauptverdächtigen Andreas
Juliane Lehmann

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Juliane Lehmann Reporterin zur Autorenseite
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Fest steht: Jetzt, wo die sichtbaren Spuren der Verbrechen getilgt sind, wird die Anzahl schaulustiger Besucher zurückgehen in Elbrinxen. Und auch die Fernsehteams werden Platz-Betreiber Frank Schäfsmeier einstweilen seltener heimsuchen. Wenn das Telefon nicht mehr ständig klingelt, kommt er wieder zum Arbeiten. Denn es ist viel liegengeblieben in den letzten Wochen, was er längst hätte erledigt haben wollen.

Und jetzt, wo auch die Behausung von Mario S. (34) Geschichte ist, kann sich Schäfsmeier Gedanken machen über die Zukunft auf dem Campingplatz, der seine Existenz ist. Dabei hat er auch die Optik im Blick. Denn sie ist es, die sich mit den Schlagzeilen über den ungeheuerlichen Fall eingebrannt hat.

„Mir werden öfter Plätze hinterlassen, die schauderhaft aussehen“, sagt der 54-Jährige, dessen Eltern den Betrieb vor Jahrzehnten begründet hatten. Die Mentalität der Leute habe sich mit der Zeit geändert, muss der heutige Chef feststellen. „Ein kleiner Teil der Plätze sieht immer scheußlich aus.“ Jene Parzellen, auf denen „seit 40 Jahren nur was dazugekommen ist“, gefallen ihm keineswegs. „Aber man darf sie nicht einfach plattmachen.“ Räumungsklagen ließen sich nicht selten erst nach Monaten durchsetzen, sagt er. Und bei Mietern, denen das Interesse abhandenkomme, sei in der Regel nichts zu holen.

Manche langjährigen Gäste von außerhalb kämen aus gesundheitlichen Gründen seltener – und irgendwann gar nicht mehr. Versterbe jemand, „dann sagen die Kinder: Das ist ja alles nur Müll – und schlagen die Erbschaft aus“, hat Schäfsmeier wiederholt erlebt. Wenn die Hinterbliebenen die Verantwortung und vor allem die Kosten für die Räumung einer Parzelle nicht tragen können oder wollen, bleibt der Platzbetreiber darauf sitzen. „Mit sechs Parzellen ist man schnell bei 25 000 Euro“, überschlägt er den Aufwand, der dann im Falle eines Falles seiner ist. Solche Summen kann er nicht mal eben aus dem Ärmel schütteln. Deshalb wird Schäfsmeier von künftigen Dauercampern wohl höhere Kautionen nehmen als bisher. „Wie soll ich mich sonst absichern?!“

Im Falle der Räumung der Parzelle von Mario S. wird der Platz-Chef aber offenbar nichts zahlen müssen. Denn am vergangenen Donnerstag trat bekanntlich erneut die Polizei auf den Plan. Die Kripo Bielefeld bestellte ein Hamelner Abbruchunternehmen nach Elbrinxen. Die Firma, die schon am Dienstag davor die letzten Reste von Andreas V.s Habseligkeiten von dessen Parzelle entfernt hatte, rückte nun mit Minibagger und Container an. Zudem fanden sich Uniformierte auf dem Platz ein.

Doch warum? Zogen die Ermittler nun Konsequenzen aus der auch von ausgewiesenen Polizei-Profis geäußerten Kritik an der unbeaufsichtigten Räumung der Parzelle von Andreas V.? Oder nahm auf das Prozedere von Räumung Nummer zwei das NRW-Innenministerium Einfluss? Ein Sprecher dort wusste davon nichts. Er vermutete nur vage: „Die Bielefelder werden sich die Kritik zu Herzen genommen haben.“ Sofern rein theoretisch die Möglichkeit bestünde, dass beim Abriss auf Mario S.s Parzelle noch Datenträger gefunden würden, die Gewalttaten an Kindern dokumentierten, fiele es unter die Gefahrenabwehr, sie zu sichern. „Und das kann dann wieder sehr schnell zur Strafverfolgung werden.“

Die Bielefelder begründeten den Einsatz per Pressemitteilung jedoch ganz anders: Die Polizei sei beim Abriss aus gefahrenabwehrenden Gründen vor Ort gewesen, „um Gegenstände aus dem Besitz des Beschuldigten nicht in falsche Hände geraten zu lassen“. Mit Ermittlungen im Missbrauchsverfahren habe das nichts zu tun; die dabei federführende Staatsanwaltschaft Detmold sei deshalb auch nicht involviert. Die Parzelle sei seit der Freigabe am 27. März ohnehin kein Einsatzort der Strafverfolger mehr. Die Angehörigen des Beschuldigten seien mit der Räumung einverstanden.

Auf die Frage, was mit „falsche Hände“ gemeint sei, deutete eine Polizeisprecherin am Telefon auf Anfrage an, dass „Devotionalien keinen dritten Personen zukommen sollen“. Um den Besitz des Beschuldigten zu schützen und „damit alles reibungslos abläuft“, zeige man Präsenz. „Wir sehen es so, dass Gegenstände gefährdet sein könnten.“ Mario S.s Habseligkeiten sollten aber nicht erneut durchsucht, sondern nur „der Entsorgung zugeführt werden“.

Ganz so scheint es jedoch nicht gewesen zu sein. So ist aus sicherer Quelle zu hören, dass es eher nicht darum ging, Souvenirjäger aufzuhalten. Vielmehr sollen die Beamten diesen zweiten Abbruch so überwacht haben, wie es schon dem vom Campingplatz-Chef beauftragten Pyrmonter Abbruchunternehmer Christopher Wienberg sinnvoll erschienen wäre. Der war bei der ersten Entrümplung bekanntlich auf mehrere Datenträger gestoßen, die er der Polizei Bielefeld übergab.

Beim zweiten Abbruch führte sie nun lieber gleich Regie. Zudem sollen Ermittler die Reste von Mario S.s Behausung nach dem Abkippen auf dem Gelände des Hamelner Unternehmens durchsucht haben. Diesmal ohne nennenswerte Funde. Im Umkehrschluss dürfte das heißen: Bei der Durchsuchung dieser zweiten Parzelle hatten die Ermittler Ende Februar offenbar nichts übersehen.



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