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So läuft das illegale Geschäft in Rinteln

Exklusiv: Ein Rintelner Drogendealer packt aus

RINTELN. Das Geschäft boomt. Über mangelnde Kundschaft kann sich Simon P. (Name geändert) wirklich nicht beklagen. Simon ist Drogendealer. Und er ist bereit, unserer Zeitung ein exklusives Interview über sein illegales Geschäft, die heimische Drogenszene und sich selbst zu geben. Einblicke in eine verschwiegene Parallelwelt.

veröffentlicht am 26.01.2018 um 14:26 Uhr
aktualisiert am 30.01.2018 um 10:04 Uhr

Etwa 2,30 Euro verdient Simon P. pro verkauftem Gramm Marihuana
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Autor

Jakob Gokl Stv. Chefredakteur zur Autorenseite
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Simon ist keiner von den dicken Fischen im Drogengeschäft. Er verkauft meist nur Cannabis – und ausschließlich an den Endverbraucher. In der großen Pyramide des Drogenhandels stellen Menschen wie er das Fundament dar. Darüber stehen die Zwischenhändler, die Schmuggler, die Produzenten und oft die organisierte Kriminalität. Unsere Zeitung hat über mehrere Monate versucht, Einblicke in diese verschwiegene Szene zu erlangen. Simon P. war der einzige Dealer, der zu einem offenen Gespräch bereit war – daher sind die meisten seiner Aussagen von unserer Zeitung auch nicht restlos auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen.

Dennoch kann er ein Schlaglicht auf ein Thema werfen, das sonst meist nur durch Polizeimeldungen an die Öffentlichkeit gelangt.

Der erste Kontakt mit Drogen

„Zum zehnten Geburtstag hat mir ein Freund zwei Gramm Gras geschenkt“, erzählt Simon freimütig – „seitdem kiffe ich.“ Schwere familiäre Probleme, Heimaufenthalt, Stress in der Schule, Jugendstrafvollzug, und der entsprechende Freundeskreis: Ursache und Wirkung sind bei Simons Lebensgeschichte schwer zu trennen. Er ist nach seiner Jugend in der Weserstadt mehrmals umgezogen, wohnte jahrelang in einer nordbayrischen Großstadt.

Bevor er nach Rinteln zurückkehrte, verbrachte er dort drei Jahre in einem selbstzerstörerischen Rausch. Simon war abhängig von Crystal Meth – einer extrem süchtig machende Droge, die überwiegend in den Grenzgebieten zu Tschechien gehandelt wird. „Nach drei Jahren bin ich nach Rinteln zu meiner Mutter gefahren – und habe einen kalten Entzug gemacht.“ Er setzte also die Droge von einem Tag auf den anderen ab. Der Entzug von Crystal Meth ist laut Ärzten unglaublich schmerzhaft und hart. 93 Prozent sollen nach einer herkömmlichen Therapie auch wieder rückfällig werden. Simon ist – nach eigener Erzählung – einer von denen, die es geschafft haben, der Droge fern zu bleiben.

Heute nimmt Simon nach eigener Aussage kein Crystal mehr: Aber ganz kann er von den Drogen nicht lassen. Mittlerweile raucht er wieder jeden Tag etwa 2,5 Gramm Cannabis. Bei einem Preis von etwa 10 Euro pro Gramm keine billige Sucht – schnell kostet das in der Woche 150 Euro. „Das wurde mir zu teuer, also habe ich wieder angefangen zu dealen.“

Das Geschäft mit den Drogen

„Eigentlich bin ich ein ganz normaler Jugendlicher“, findet Simon P., „ich habe zwei Jobs, wie jeder andere auch – nur, dass der Zweite eben illegal ist.“ Seit Kurzem macht Simon eine Lehre. „Ich muss mich ja vorbereiten, wenn Gras tatsächlich legalisiert wird und ich plötzlich ohne Job da stehe“, sagt er und lacht verschmitzt. Bevor er seine Ausbildung anfing, hat er nur einen Hauptschulabschluss nachgemacht – ansonsten von Hartz IV gelebt – und eben vom Drogenhandel.

Derzeit hat Simon in Rinteln und den Ortsteilen einen festen Kundenstamm von etwa 20 Personen. Insgesamt verkauft er in der Woche 200 bis 250 Gramm Cannabis. Seine Gewinnspanne beträgt etwa 2,30 Euro pro Gramm. Das wären etwa 500 Euro in der Woche – steuerfrei, da illegal. Bei härteren Drogen könnte er noch deutlich mehr verdienen. „Die Faustregel ist – um so härter, um so mehr Geld bringen sie“, so Simon. „Aber andere Drogen verkaufe ich nicht.“ Die Gefahr sei zu groß, dass er selber zugreife. Seine jahrelange Abhängigkeit von Crystal Meth ist ihm eine Lehre gewesen.

So läuft ein „Deal„

In erster Linie möchte Simon mit seinem Drogenhandel den eigenen Cannabis-Konsum finanzieren. „Das könnte ich mir von meinem Azubi-Gehalt nicht leisten“, sagt er. Vor und während der Arbeit greift er nicht zum Joint. „Da würde ich ja nichts geschissen kriegen.“ Das gilt allerdings nur für seinen legalen Beruf. „Nüchtern würde ich das nicht machen“, meint er in Bezug auf seinen Drogenhandel.

„Entweder man ruft mich an, oder schreibt mir ne Nachricht“, meint Simon. Kurz wird der Treffpunkt vereinbart und Simon macht sich auf den Weg. „Bei mir zu Hause deale ich grundsätzlich nicht“, so Simon. „Das ist mein Rückzugsort.“ Aber es hat auch rein praktische Gründe: Die Polizei war bereits bei ihm daheim. „Sie haben aber nichts gefunden.“ Er sei wohl verpfiffen worden – ob von einem Konkurrenten oder aus anderen Gründen weiß er nicht. Auf jeden Fall lagere er zu Hause nur wenige Gramm für den Eigenbedarf.

Deswegen fährt Simon zu seinen Kunden. Zu Fuß, mit dem Fahrrad, mit dem Auto – wie es eben gerade passt. Man trifft sich auf einem Feldweg oder bei seinen Kunden zu Hause. Meist verkaufe er nur kleinere Mengen – wer zu viele Drogen auf einmal transportiert, oder gar handelt, hat mit schärferen Strafen zu rechnen. Fünf bis sechs mal am Tag handelt Simon auf diese Weise. „Das ist schon ein Stress“, findet er. Er sei aber nicht jederzeit für einen Drogenhandel zu haben. „Ich habe Öffnungszeiten, wie andere auch“, sagt er. Außerhalb dieser gehe er nicht an sein Telefon.

Hinzu kommt die Paranoia. „Wenn ich über die Straße fahre, plötzlich die Bullen sehe, Paranoia schiebe und zehn Umwege fahre – das brauche ich nicht auf Dauer.“ Deswegen möchte Simon sich momentan auch in erster Linie auf seine legale Ausbildung konzentrieren. „Die Lehre geht vor“, sagt er.

Welche Drogen sind am populärsten?

Geht es nach Simon, so stellt Cannabis weiterhin die Spitze des Eisbergs dar – Speed (also Amphetamine) werde aber beinahe genauso viel konsumiert. „Das bekommen viele gar nicht mit.“ Grundsätzlich werde in Rinteln fast alles gehandelt und eingeworfen, was man aus der Drogenszene kenne. Gras, Speed, Exctasy, Pilze und LSD sind da beinahe schon die „Klassiker“. Von einer Crystal-Meth-Szene in Rinteln weiß Simon nichts. Heroin werde zwar von einigen konsumiert – gehandelt aber nach seinem Wissen nicht.

Ein schlechtes Gewissen wegen seinen illegalen Geschäften habe er nicht. Bei ihm dürfe niemand unter 18 Jahren Drogen einkaufen. Denn was ihm Sorgen macht: „Die fangen immer jünger an.“ Dabei war er mit 10 Jahren auch kein Spätzünder. „Ja klar“, reagiert er, „aber das ist ja auch mein Problem – deswegen bin ich ja auch etwas bekloppt.“

Die meisten Dealer in Rinteln – er geht von etwa 15 bis 20 im Stadtgebiet aus – würden sich aber an keinen „Jugendschutz“ halten, sagt Simon. „Selbst bei einem Zehnjährigen würde ich davon ausgehen, dass er etwas bekommt“, so Simon. Und für 14-, oder 15-Jährigen sei es überhaupt kein Problem mehr an Drogen zu kommen – auch an harte. Das ist auch ein Grund, wieso Simon eine Legalisierung befürwortet. „Die ganzen Kinder sollten mal sehen, wie sie dann dran kommen.“

Simons Einstellung mag auch damit zusammenhängen, dass er mittlerweile selbst einen Sohn hat. „Ich darf ihn aber leider nicht sehen“, berichtet er resigniert.

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