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Es bleibt mysteriös – wo ist das Unfallopfer?

So etwas hat es lange nicht gegeben: Ein Fußgänger wird von einem Auto angefahren – und verschwindet. Die Polizei sucht den Mann – findet ihn aber nicht. Ein Unfall ohne Opfer – was bedeutet das für die Ermittlungen? Ein Interview.

veröffentlicht am 12.12.2015 um 08:00 Uhr
aktualisiert am 27.10.2016 um 13:50 Uhr

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Autor:

Interview: Ulrich Behmann
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Auch sechs Tage nach dem mysteriösen Verkehrsunfall auf der Strecke nach Halvestorf fehlt von dem angefahrenen Fußgänger jede Spur. Sämtliche von der Polizei eingeleiteten Maßnahmen sind ins Leere gelaufen. Gestern wurde bekannt, dass einem Jogger am Sonntag gegen 8 Uhr – also etwa 50 Minuten nach der Kollision – in der Ortsdurchfahrt von Herkendorf ein großer, dunkel gekleideter Mann mit Kapuze aufgefallen ist, der offenbar angetrunken war. Dieser sei langsam in Richtung Dehmkerbrock gegangen. Es könnte sich um den gesuchten Anhalter handeln. Die Beobachtung passt zu Angaben von Zeugen, die einen alkoholisierten Tramper um 6 Uhr an der Klütstraße und um 6.50 Uhr an der Abzweigung nach Halvestorf gesehen haben. Die Polizei ermittelt gegen die Autofahrerin – wegen Verdachts der fahrlässigen Körperverletzung, der Gefährdung des Straßenverkehrs und der Unfallflucht. Die 26 Jahre alte Hamelnerin hatte erst „weit hinter der Kollisionsstelle“ angehalten, den Unfall allerdings selbst bei der Leitstelle gemeldet. Die junge Frau hatte Alkohol getrunken. Ihr Atemwert betrug mehr als 0,9 Promille. Die Dewezet hat mit dem Hamelner Fachanwalt für Verkehrsrecht, Dr. Karsten Pflugmacher, der auch Vertragsanwalt des ADAC ist, über den rätselhaften Fall gesprochen.

Herr Dr. Pflugmacher, was hätte die Autofahrerin zu befürchten, wenn es der Polizei nicht gelingen würde, das Unfallopfer zu finden?

Zunächst ist festzuhalten, dass natürlich jeder Vorfall individuell geprüft werden muss und es immer auf alle konkreten Umstände des Einzelfalles ankommt. Die Staatsanwaltschaft wird Anklage erheben, wenn sie einen hinreichenden Tatverdacht für eine Straftat sieht. Wenn sich dieser Tatverdacht schon aus den übrigen Umständen ergibt, etwa aus den Unfallspuren und aus der Aussage der Autofahrerin selbst, müsste das Unfallopfer nicht zwingend als Beweismittel gefunden werden. Es gab ja auch schon Verurteilungen wegen Mordes, obwohl keine Leiche gefunden worden war. Allerdings gilt der Grundsatz „im Zweifel für den Angeklagten“, sodass die Indizien für eine Straftat schon sehr deutlich sein müssten, um ohne Opfer zu einer Verurteilung zu gelangen. Für den Vorwurf der Straßenverkehrsgefährdung müsste sich aus den konkreten Umständen nachweisen lassen, dass die Autofahrerin nicht in der Lage war, das Auto sicher zu führen. Ein Alkoholwert von 0,9 Promille spricht zwar schon eine deutliche Sprache, reicht allein aber noch nicht aus. Ein Unfall müsste gerade durch die Alkoholisierung begünstigt worden sein. Ob sich das ohne das Unfallopfer nachweisen lässt, könnte zweifelhaft sein. Wenn zum Beispiel ein dunkel gekleideter – eventuell noch betrunkener – Fußgänger so plötzlich auf die Straße stolpert, dass auch ein nüchterner Autofahrer nicht mehr hätte ausweichen können, wäre ein strafrechtlicher Vorwurf nicht zu machen. Hierzu müsste man aber nähere Einzelheiten zu dem Fall kennen.

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Das Unfallauto: Der Spiegel des weißen Mercedes wurde bei dem Unfall zertrümmert. ube

Kurios ist an diesem Fall, dass das Opfer die Flucht ergriffen hat. Niemand weiß, ob beziehungsweise wie schwer der Anhalter verletzt wurde. Am Sonntag ist die Polizei davon ausgegangen, dass der Mann „schwerste Verletzungen“ davongetragen haben muss. Am Montag kamen Unfallanalytiker zu dem Schluss, dass die Wunden „nicht zwingend lebensbedrohlich“ sein müssen. Inzwischen ist davon die Rede, dass das Opfer auch nur leicht verletzt sein könnte. Muss die Autofahrerin mit einer Anklage wegen fahrlässiger Körperverletzung rechnen, wenn nicht sicher ist, dass der Angefahrene überhaupt verletzt wurde?

Voraussetzung ist zumindest eine nicht ganz unerhebliche Beeinträchtigung der körperlichen Unversehrtheit. Wenn diese nicht zur Überzeugung des Gerichts feststeht, kann es keine Verurteilung geben. Hier müsste gegebenenfalls geklärt werden, ob die Beschädigungen am Auto nicht auch durch eine Tasche oder Ähnliches verursacht worden sein könnten.

Die Autofahrerin hat nicht sofort am Unfallort angehalten, sie will aber dorthin zeitnah zurückgekehrt sein und nach dem Verletzten gesucht haben. Sie hat die Polizei angerufen. Ist ihr Verhalten als Fahrerflucht zu werten?

Die Autofahrerin könnte unter Schock gestanden haben. Dann wäre die Weiterfahrt möglicherweise entschuldigt. In einem solchen Fall begeht der Unfallbeteiligte nur dann eine Unfallflucht, wenn er nicht unverzüglich die Feststellung seiner Person ermöglicht, zum Beispiel durch eine Meldung bei der Polizei. Das hat die Autofahrerin hier offenbar getan.

Welche Gründe gibt es, dass Opfer vom Unfallort flüchten?

Dass Opfer vom Unfallort flüchten, kommt wohl relativ selten vor. Deshalb ist dieser Fall schon ungewöhnlich. Ohne den konkreten Fall beurteilen zu können, wäre vorstellbar, dass Opfer irgendetwas verbergen wollen – und sei es nur eine vermeintliche Mitschuld an dem Unfall. Generell ist es bei Verkehrsunfällen aber oft auch so, dass ein Beteiligter sich unerlaubt vom Unfallort entfernt, weil er meint, es sei doch gar nichts Schlimmes passiert. Auch ein Schockzustand kann aber natürlich eine Rolle spielen.



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