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Stele soll an jüdische NS-Opfer aus Kleinenbremen erinnern / Dokumentation klärt die Schicksale auf

Ermordet und verscharrt

KLEINENBREMEN. Kurt Tannenbaum, ein jüdischer Junge aus Kleinenbremen, ist erst sechs, als er 1942 von Nazis verschleppt wird. Wilhelm Gerntrup, früher Ortsheimatpfleger, hat 1994 die Dokumentation „Nachbarn in Not“ veröffentlicht. Nun soll zusätzlich eine Stele an das Schicksal der Juden aus Kleinenbremen erinnern.

veröffentlicht am 22.10.2017 um 19:20 Uhr

Am Mahnmal neben der Kirche soll eine Gedenkstätte zur Erinnerung an alle Kleinenbremer NS-Opfer entstehen. An die Schicksale der jüdischen Einwohner erinnert die Dokumentation „Nachbarn in Not“. Foto: LY

Autor:

Stefan Lyrath
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Kurt Tannenbaum, ein jüdischer Junge aus Kleinenbremen, ist sechs Jahre alt, als er 1942 von Nazis verschleppt wird. Seitdem ist Kurt verschollen. Wilhelm Gerntrup (80), früher Ortsheimatpfleger im Bergdorf, hat 1994 die Dokumentation „Nachbarn in Not“ veröffentlicht. Darin werden die Schicksale aller Kleinenbremer Juden während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft (1933–1945) aufgearbeitet. Gewidmet ist sie Kurt Tannenbaum. Nun soll auch eine zwei Meter hohe Stele vor der Kirche an alle Kleinenbremer Opfer der NS-Diktatur erinnern, darunter die jüdischen Familien Philippsohn und Tannenbaum.

„Die Zeitzeugen sterben aus. Durch die Stele kann sich die Öffentlichkeit das Geschehen immer wieder vor Augen führen“, erklärt Pfarrer Ekkehard Karottki. Allein neun Kleinenbremer jüdischen Glaubens waren während der Nazizeit verschleppt und ermordet worden oder „in auswegloser Verzweiflung wenige Monate vor der drohenden Vernichtung gestorben“, wie Gerntrup schreibt.

Als Standort der Gedenkstätte ist eine Ecke am Zaun des Kirchengeländes vorgesehen, damit der Pfeiler von der Kleinenbremer Straße aus gut zu sehen ist. Vor dem großen Mahnmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs, das direkt neben dem Gotteshaus steht, würde er untergehen.

Aufgearbeitet hat das Schicksal der beiden jüdischen Familien Wilhelm Gerntrup. „Ich weiß wenig von Dir, obwohl wir als Kinder für kurze Zeit nur ein paar Schritte voneinander entfernt gelebt haben“, heißt es im Kapitel „Andenken an einen kleinen toten Nachbarn“. Und weiter: „Da ist keiner, der um Dich trauert. Es gibt keinen Totenschein und kein Grab. Dein kleiner geschundener Körper liegt irgendwo verscharrt im Osten.“

Namentlich genannt werden sollen an der Gedenkstätte, bei der der Ortsheimatpfleger Wolfgang Karras, die Kirchengemeinde und der Heimatverein federführend sind, die alteingesessenen jüdischen Familien Philippsohn und Tannenbaum. Die Philippsohns wohnten zu Beginn der NS-Zeit an der heutigen Alten Straße, die Tannenbaums seit 1932 an der Kleinenbremer Straße.

Die Tannenbaums, so Gerntrup, hätten sich in der Dorfgemeinschaft geborgen gefühlt. Die Ruhe trügt. Von 1939 an ziehen sie sich zunehmend aus der Öffentlichkeit zurück. Unter dem Druck der „Arisierung“ jüdischen Vermögens musste Familienoberhaupt Julius Tannenbaum 1938 sein Haus verkaufen, vom Geld auf der Bank erhält er nur kleine Beträge, bevor der Viehhändler und Schlachter 1939 ein Berufsverbot bekommt. Die wirtschaftliche Existenz ist zerstört. Im Dezember 1941 kommt die Familie zunächst in ein Hausberger „Judenhaus“. Von Hausberge aus werden Julius, Rosa, der behinderte Louis, Rudolf, Erna und Kurt Tannenbaum sowie Hedwig Pollack, Ernas Mutter, nacheinander deportiert – nach Trawniki (Polen), ins Warschauer Getto und das KZ Theresienstadt. Im Warschauer Getto beginnt 1942 der Abtransport in die Vernichtungslager.

Die Philippsohns sind nicht so fest im Dorf verwurzelt. Von 1934 an bemüht sich Sohn Julius Deutschland zu verlassen. Wenige Jahre später gelingt es der Familie, ihre Grundstücke zu einem angemessenen Preis zu verkaufen. Julius kauft von seinem Geld moderne Fleischereimaschinen, setzt 1937 mit dem Schiff nach Südrhodesien über, gründet eine Firma und wird ein wohlhabender Geschäftsmann.

Seine Schwester Rola heiratet den Landwirt Salomon Kahn aus Schweich an der Mosel, mit dem sie 1938 nach Frankreich auswandert. Dort gerät das Ehepaar 1942 in die Fänge von SS und Gestapo. Rola wird aus Drancy (nördlich von Paris) mit dem Zug deportiert – vermutlich ins Todeslager Auschwitz. Salomon Kahn überlebt.

Die Witwe Ida Philippsohn (ihr Mann Gustav ist bereits 1914 gestorben), Mutter von Julius und Rola, ist allein in Kleinenbremen zurückgeblieben. Sie stirbt 1941 mit 66 Jahren im Israelitischen Krankenhaus Hannover – krank vor Kummer.

Info: Von der 134-seitigen Dokumentation „Nachbarn in Not“ sind noch einige Exemplare zu haben. Infos bei Walter Caselitz unter der Telefonnummer 0 57 22/90 450.

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