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Walter Bohne klärt nach über 65 Jahren an russischer Gedenkstätte das Schicksal des Vermissten

Endlich Gewissheit: Vater fiel in Stalingrad

Aerzen. Über 65 Jahre nach dem Ende der erbitterten Kämpfe um Stalingrad haben noch immer Tausende Familien in Deutschland keinen Hinweis über den Verbleib ihrer Angehörigen, deren Spuren sich 1942/43 in der Steppe zwischen Don und Wolga verloren haben. Einer dieser Angehörigen war bis vor kurzem auch Walter Bohne aus Aerzen, dessen Vater August, wie Hunderttausende anderer Soldaten auch, aus der Schlacht von Stalingrad, eine der größten Schlachten des 20. Jahrhunderts, nicht zurückkehrte.

veröffentlicht am 12.11.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 09:21 Uhr

Versöhnung über Gräbern: Walter Bohne mit einer russischen Krieg

Autor:

Sabine Brakhan
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Lange galt der Soldat der 6. Armee von General Friedrich Paulus als vermisst. Seine sterblichen Überreste wurden auf dem riesigen Schlachtfeld am Mamajewhügel bisher nicht gefunden. „Meine Mutter hat das grausame Schicksal meines Vaters zeit ihres Lebens verdrängt, nie aufklären wollen und auch nicht darüber gesprochen. Erst als es um ihre Rentenansprüche ging, ließ sie ihren Mann auf Drängen von uns Kindern für tot erklären“, berichtet der 71-jährige Walter Bohne. Er akzeptierte die Einstellung seiner Mutter, allerdings war für ihn die eigene Familiengeschichte immer unvollständig.

„Nachdem nun auch meine Mutter vor einigen Jahren verstorben war, wollte ich endlich Gewissheit über das Soldatenschicksal meines Vaters haben, um für mich einen Abschluss zu finden“, erklärt der Aerzener seine späten Nachforschungen. Nach einer Radiosendung über die Zusammenarbeit des Deutschen Roten Kreuzes und des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge nahm seine Lebensgefährtin Cilli Hausdorf vor drei Jahren Kontakt mit dem Sender auf. „Nach einigen Monaten bekamen wir die Antwort, dass an die deutschen Vermissten von Stalingrad seit dem Jahr 2006 107 große Granitwürfel erinnern, mit 103 234 in alphabetischer Reihenfolge eingravierten Namen.

„Im Gesamtnamensbuchs der deutschen Kriegsgräberstätte Wolgograd-Rossoschka des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge sind die Namen von 173 055 gefallenen und vermissten Stalingradopfern zusätzlich dokumentiert, darunter auch der Name August Bohne“, berichtet Cilli Hausdorf. Mit diesen Informationen machte sich das Paar gemeinsam mit einer Reisegruppe im Sommer dieses Jahres auf den Weg, um die deutschen wie russischen Gedenkstätten in der Nähe des ehemaligen Schlachtfeldes am Mamajewhügel zu besuchen. Und in Rossoschka auf dem Granitblock mit der Nummer acht, auf der dem Himmel zugewandten Seite, ganz unten in der linken Ecke, fanden sie nach über 65 Jahren die Bestätigung, vor der sich Walter Bohnes Mutter Frieda ein ganzes Leben lang gefürchtet hatte: „August Bohne, geboren am 24.12.1912, gestorben im Januar 1943.“

August Bohne, geboren am 24.12.1912, gestorben im Januar 1943
  • August Bohne, geboren am 24.12.1912, gestorben im Januar 1943

Seine Frau, die beiden älteren Kinder Hans und Hildegard sowie den gerade geborenen Walter hatte August Bohne während seines Heimaturlaubs 1939 ein letztes Mal gesehen. Von der Geburt der jüngsten Tochter Ilse hatte er noch durch die Feldpost erfahren, in die Arme schließen durfte er sie allerdings nicht mehr. Seinen 30. Geburtstag am Heiligen Abend des Jahres 1942 beging er im Kessel von Stalingrad. Jenes Weihnachten in Stalingrad, an dem der evangelische Pastor, Arzt und Künstler Dr. Kurt Reuber in einem Unterstand mit Kohle auf der Rückseite einer sowjetischen Landkarte das Bild der sogenannten „Madonna von Stalingrad“ mit der Umschrift „1942 Weihnachten im Kessel – Festung Stalingrad – Licht, Leben, Liebe“ malte. Diese Kohlezeichnung blieb bis heute für viele Menschen eng mit der Schlacht von Stalingrad verbunden, denn sie gelangte mit einem der letzten Flugzeuge durch einen schwer verwundeten Offizier aus der Einkesselung in die Hände der Familie Reuber.

Der Maler Reuber geriet in Gefangenschaft, überlebte diese aber nicht, wie die meisten anderen Mitgefangenen auch. Auf Anregung des damaligen Bundespräsidenten Karl Carstens wurde die Kohlezeichnung 1983 der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche übergeben. In der Kirche hängt sie seither als beeindruckende Mahnung zum Frieden.

Für Walter Bohne und seine Lebensgefährtin Cilli Hausdorf war der Besuch in Stalingrad, dem heutigen Wolgograd, ein überaus bewegendes Erlebnis. „Vor allem der Austausch mit den russischen und deutschen Kriegsveteranen, die zeitgleich mit unserem Besuch ihr alle fünf Jahre stattfindendes Treffen in einer Begegnungsstätte nahe dem ehemaligen Schlachtfeld abhielten, gab uns viele Aufschlüsse über die letzten Tage im Stalingrader Kessel“, erklärt Walter Bohne, der endlich, nach so vielen Jahren, wirklich Abschied nehmen konnte von seinem Vater.

Großes Lob spricht er der russischen Assoziation „Die Kriegsgedenkstätte“ und dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge aus, die gemeinsam seit 1994 für die würdige Gedenkstätte in der russischen Steppe Sorge tragen. Und gleichzeitig möchte der Aerzener an alle appellieren, die noch nicht den Mut gefasst haben, den Verbleib ihrer im Krieg vermissten Angehörigen aufzuklären: „Es ist nie zu spät! Und die Arbeit, die von den beiden Organisationen dort vor Ort geleistet wurde und wird, ist beeindruckend – eine Versöhnung über den Gräbern“, erklärt Walter Bohne, während er die Fotos der Reise und ein Portrait seines Vaters betrachtet.

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