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Wie ein Reinerbecker den uralten Konflikt zwischen Mensch und Wolf sieht

„Eine Hassliebe“

Reinerbeck. Wenn jetzt jemand in nur elf Kilometer Entfernung vom Barntruper Ortsteil Sommersell einen neuen Zaun baut, liegt ein Gedanke nah: Der Mann will sein Gehöft und Getier vor dem Wolf schützen. Denn so ein Beutegreifer schafft bekanntlich locker 70 Kilometer pro Nacht. Und er schlägt dort zu, wo er seinen Hunger am bequemsten stillen kann – so, wie eben in Sommersell, wo zu Ostern zwei Zwergziegen getötet wurden (wir berichteten). Aber Gerd-Ulrich Prescher in Reinerbeck winkt ab, während er einen massiven hölzernen Zaunpfahl in den Boden am Rand seines Grundstücks rammt: „Wir halten keine Tiere draußen. Direkt betroffen sind wir also nicht.“

veröffentlicht am 01.04.2016 um 18:14 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 14:37 Uhr

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Juliane Lehmann

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Juliane Lehmann Reporterin zur Autorenseite
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Vor einigen Jahrzehnten sei das allerdings – auch ohne Wolf – noch ganz anders gewesen. „Meine Eltern hatten Kühe, Schweine, Pferde, Gänse, Enten und Hühner“, zählt der 65-Jährige auf. Damals waren es vor allem Raubvögel wie Habicht, Gabelweihe und Mäusebussard, die es vor allem auf die Küken des freilaufenden Federviehs abgesehen hatten.

Im Rückblick liegt für Prescher auf der Hand: Dieser Grundkonflikt zwischen Natur und Mensch verlor erst an Brisanz, als die Tiere nicht mehr draußen gehalten wurden. „Man könnte sagen, dass das Problem durch die Massentierhaltung gelöst wurde.“ Schwierig werde es indes, wenn jene die Ausbreitung der Wölfe förderten, die zugleich sehr traditionelle, idealisierte Vorstellungen vom Landleben hätten. „Wir trauern den freilaufenden Hühnern nach. Aber die Voraussetzungen, um mit der Tierhaltung seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können, sind andere.“ Den uralten Konflikt sieht Prescher auch zwischen Mensch und Wolf. „Eine Hassliebe“ nennt der studierte Biologe die Beziehung: Einerseits bewunderte der Mensch den Wolf für dessen Ausdauer und Geschick auf der Jagd. Furcht und Hass erzeugte das Tier, wenn es Haustiere riss und Menschen angriff.

Eine Recherche des heute beim Landesumweltamt Brandenburg arbeitenden Wildbiologen Steffen Butzeck hat das schon 1987 bestätigt. Der Experte entdeckte damals in alten Aufzeichnungen aus dem 16. und 17. Jahrhundert Belege für insgesamt etwa drei Dutzend Wolfsattacken auf Menschen aus dieser Zeit. In den meisten Fällen soll es sich um tollwütige Tiere gehandelt haben. Hinzu kommt allerdings: Das Nahrungsangebot war – wohl nicht zuletzt bedingt durch die damalige „Kleine Eiszeit“ und den 30-jährigen Krieg in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts – extrem knapp. Für Menschen und Wölfe.

Prescher indes richtet seinen Blick in die Zukunft. Er glaubt: „Es wird massive Probleme geben, vor allem in dicht besiedelten Gegenden wie bei uns.“ Diese Probleme würden erst dann aus der Welt sein, wenn die Schafe aus der Landschaft verschwänden – was sich der in der örtlichen Forst- sowie der Jagdgenossenschaft und dem Realverband Wege- und Gewässerinteressenschaft engagierte Reinerbecker jedoch keineswegs wünscht. „Wir müssen uns fragen: Was wollen wir von der Natur?“, meint Prescher.

Er betrachtet den Umgang des Menschen mit der Natur vor allem mit Blick auf die von den Vereinten Nationen formulierte Idee der Nachhaltigkeit. Demnach soll die Entwicklung den Bedürfnissen der jetzigen Generation dienen, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre Bedürfnisse zu befriedigen. Ziel sei es, die Natur in Einklang von Ökologie und Ökonomie zu nutzen. Zur heiligen Kuh dürfe der Wolf da nicht werden. Prescher: „Gesetze sind dazu da, uns zu zeigen, wie es sein soll. Aber nicht dazu, sie unabhängig von der Realität durchzusetzen.“ Wenn nötig, sei der Gesetzgeber gefordert, die Gesetze den tatsächlichen Gegebenheiten anzupassen.

Seiner Auffassung nach ist nicht in Stein gemeißelt, dass Wölfe von Natur aus scheu sind. „Damit sie scheu bleiben, werden sie irgendwann auch bejagt werden müssen“, meint er. „Aber wo sie tragbar sind, sollten sie natürlich auch geduldet werden.“

Als Forstgemeinschaftsvorsitzendem fällt dem Reinerbecker auch ein starkes Argument für den Wolf ein: „Wo er jagt, wächst der Wald“, sagt er, denn dann bleibe nicht mehr viel Wild übrig, das junge Bäume abfressen könne. Allerdings geht er davon aus, dass es Wölfe auf Futtersuche nicht im Wald halten werde, wenn sie anderswo leichte Beute fänden. „Es wird genauso laufen wie mit Wildschweinen und Füchsen, die es auch zunehmend in die Städte zieht. Denn der Wolf ist intelligent.“

Der solide Zaun, den Gerd-Ulrich Prescher gerade um sein Grundstück am Rand von Reinerbeck zieht, soll übrigens keine Wölfe abhalten. Sondern: die Rehe vor den Rosen seiner Frau Elke. Denn an den Blüten knabbert das Wild mit Vorliebe. „Und die Hasen fressen Salat und Kohl.“



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