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Missbrauchsfall Lügde: Das steckt hinter den Zahlen

Ein Verdächtiger mehr, vier weitere Opfer bekannt

DÜSSELDORF / LÜGDE. In dem mehr als 1000 Taten umfassenden Missbrauchsfall von Lügde-Elbrinxen haben die Ermittler inzwischen die Identität vier weiterer mutmaßlicher Opfer klären können. Damit hat sich die Zahl der Betroffenen, die der Polizei namentlich bekannt sind, von zuletzt 36 auf nun 40 erhöht. Zudem gibt es einen weiteren Verdächtigen.

veröffentlicht am 04.04.2019 um 20:14 Uhr
aktualisiert am 16.04.2019 um 12:54 Uhr

„Je länger sie daran arbeiten, umso mehr Spuren gibt es“, sagte NRW-Innenminister Herbert Reul am Donbnerstag im Innenausschuss in Düsseldorf. Foto: dpa
Juliane Lehmann

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Juliane Lehmann Reporterin zur Autorenseite
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Das hat Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul am Donnerstag im Innenausschuss des nordrhein-westfälischen Landtags bekanntgegeben.

Die Anzahl der noch nicht identifizierten Mädchen und Jungen, die die Auswerter der Polizei auf den Fotos und Videos aus den Wohnwagen der beiden Hauptbeschuldigten Andreas V. (56) und Mario S. (34) entdeckt haben, ist derweil von 15 auf 12 gesunken. Daraus lässt sich schließen: Bei der Sichtung des Bildmaterials haben die Ermittler – abzüglich der vier identifizierten Betroffenen – in jüngster Zeit ein weiteres bislang unbekanntes Kind entdeckt.

Insgesamt ist die Zahl der im Fall Lügde mutmaßlich von sexueller Gewalt Betroffenen nun von 51 auf 52 junge Menschen gestiegen. Zum jeweiligen Zeitpunkt der mutmaßlich mehr als 1000 Taten seit dem Jahr 2008 waren sie zwischen 4 und 13 Jahre alt.

Laut NRW-Innenminister verfolgt die Polizei Bielefeld inzwischen 717 Ermittlungsspuren. „Je länger sie daran arbeiten, umso mehr Spuren gibt es und umso komplizierter wird es“, sagte Reul.

Der Kreis der Verdächtigen hat sich ebenfalls vergrößert. Bei dem achten Mann, gegen den nun ermittelt wird, soll es sich um einen Vater handeln, der Beihilfe geleistet haben könnte. Das würde bedeuten: Er überließ sein Kind dem Elbrinxer Dauercamper Andreas V., obwohl er ahnte oder wusste, was ihm dort widerfahren würde. Da der Fall lange zurückliegen soll, ist offenbar unklar, ob er verjährt ist.

Die drei Hauptverdächtigen sitzen nach wie vor in Untersuchungshaft. Neben den beiden Ex-Dauercampern handelt es sich um einen 48-Jährigen aus Stade, der einige Taten per Internet-Livechat verfolgt und den mutmaßlichen Tätern Anweisungen gegeben haben soll. Die weiteren fünf wegen Strafvereitlung, Beihilfe oder Kinderporno-Besitzes Verdächtigen sind auf freiem Fuß.

Die Halbjahresfrist für die Anklageerhebung läuft laut NRW-Innenministerium Ende Mai ab. Das heißt: Wird sechs Monate nach Ausstellung des Haftbefehls keine Anklage erhoben, können Verdächtige aus der U-Haft entlassen werden. Dass das im Fall Lügde passiert, scheint aber so gut wie ausgeschlossen. Denn umfangreiche, schwierige Ermittlungen sowie ein dringender Tatverdacht rechtfertigen eine spätere Anklageerhebung. Diese Voraussetzungen dürften in dem Verfahren allemal erfüllt sein.

Unterdes wurde ein weiterer Missbrauchsfall bekannt: Ein Physiotherapeut aus Bad Oeynhausen soll in seiner Praxis Porno-Fotos minderjähriger Patienten gemacht haben. Die Ermittlungen liefen offenbar nur schleppend an.

Doch, welche Konsequenzen haben – abseits der laufenden strafrechtlichen Ermittlungen – die Fehleinschätzungen innerhalb des Hamelner Jugendamts zu dem mutmaßlichen Sexualverbrecher Andreas V. (56)? Die bisherigen arbeitsrechtlichen Folgen des Elbrinxer Missbrauchsskandals in der Hameln-Pyrmonter Kreisbehörde sind bekannt: Eine Mitarbeiterin, die kurz vor Beschlagnahme der Akten durch die Staatsanwaltschaft im Dezember ihre eigene, gut ein Jahr zurückliegende skeptische Sicht auf den nun hauptverdächtigen Elbrinxer Dauercamper aus den Unterlagen löschte, ist gefeuert. Der kurzzeitig beurlaubte Jugendamtsleiter, der durch die Frau einen Akten-Nachtrag anlegen und rückdatieren ließ, darf inzwischen wieder arbeiten, jedoch an anderer Stelle.

Was die interne Untersuchung der fatalen Fehler im Jugendamt durch den kreiseigenen Krisenstab mit Landrat Tjark Bartels (SPD) an der Spitze erbracht hat, konnten die Politiker am Mittwoch im Jugendhilfeausschuss erfahren. So sollen Verdachtsfälle auf Kindeswohlgefährdung künftig von zwei externen Experten geprüft werden. Zudem beraten Fachleute über Wege zur vorbeugenden Stärkung von Kindern.

Während CDU und FDP im Kreistag die Einsetzung eines Sonderermittlers fordern, der die Arbeit des Jugendamts prüfen soll, geht die AfD noch weiter. Auch sie will den Sonderermittler. Aber sie beantragt zusätzlich die Einrichtung eines Sonderausschusses „zur vollständigen Aufklärung der Vorgänge im Jugendamt Hameln-Pyrmont im Missbrauchsfall Lügde“.

In ihrer Begründung stellt die stellvertretende Fraktionsvorsitzende Delia Klages die Frage in den Raum „ob es weitere Kinder gibt, die aus vergleichbaren Situationen befreit werden müssen“. Zudem unterstellt sie auf Basis der im Jugendamt bekanntgewordenen Aktenmanipulationen die Möglichkeit, dass der Hauptverdächtige „möglicherweise von Mitarbeitern des Jugendamtes gedeckt wurde“.

Die von der Kreisverwaltungsspitze offenbarten Versäumnisse und Fehleinschätzungen sowie deren vermutete Ursachen wie etwa ein Tunnelblick und die Tendenz zu kollegialer Bestätigung liefern allerdings keine Hinweise auf ein bewusstes Decken der eigentlichen Verbrechen.

Die Zustimmung des Jugendamtes zur Unterbringung eines Pflegekindes auf der Parzelle des alleinstehenden arbeitslosen Dauercampers lässt Klages auf „unzumutbare Zustände im Jugendamt Hameln-Pyrmont“ schließen.



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