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Von Langschläfern, Spät-Typen und Leuten, die einfach nicht ins Bett finden wollen

Du bist nicht allein!

Ehrlich über diese Nachtwanderer-Neigung zu sprechen, ist fast unmöglich, wenn man nicht seinen gesellschaftlichen Ruf ruinieren will. Doch da ist Günter Woog (58), der vor 20 Jahren einen „Verein für Zweitnormalität“ gründete, „delta t“, und seitdem, zusammen mit Wissenschaftlern, Künstlern und aktuell etwa 90 Vereinsmitgliedern Werbung dafür macht, der Existenz von geborenen Langschläfern mehr Freiraum zu geben.

veröffentlicht am 05.12.2013 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 30.05.2017 um 09:32 Uhr

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Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite
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„Sich als echter Nachtmensch zu outen, das ist wirklich ein Risiko“, sagt er, „so eine Art letzter Tabubruch. Wem kann man schon unbefangen erzählen, dass man regelmäßig scheinbar ohne Not so gegen vier Uhr morgens ins Bett geht und deshalb ungern vor 12 Uhr mittags angerufen wird. Es ist, als verstoße man damit gegen ein moralisches Gesetz, und entsprechend reagieren die meisten Menschen auch. Fast immer versuchen Langschläfer, ihre Neigung zu verheimlichen, mir ging es da früher nicht anders. Irgendwann reichte mir das einfach.“

Wir telefonieren gegen elf Uhr am Vormittag, Günter Woogs Stimme klingt sehr jung und wach und munter. „Na ja, heute musste ich ausnahmsweise schon früh raus, so um neun Uhr. Ab und zu ist es ja auch kein Problem, nach fünf Stunden Schlaf aufzustehen.“ Ansonsten aber sei es kein Zufall, dass er sich für die Freiberuflichkeit entschieden hätte und als freier Grafiker selbst bestimmen könne, wann er seine Aufträge ausführe.

„Es gab eine Zeit, da war ich beim Rundfunk angestellt, Arbeitsbeginn 9 Uhr. Die ersten Monate schaffte ich es, halbwegs pünktlich zu sein, aber nach und nach kam ich immer später. Wenn ich in der Kantine frühstückte, saßen die anderen längst beim Mittagessen und machten sich über mich lustig. Eigentlich war es vollkommen egal, wann ich aufkreuzte, Hauptsache, die Arbeit wurde erledigt. Tatsächlich aber registrierte man nur, dass ich später als alle anfing. Dass ich auch viel später aufhörte, fiel irgendwie unter den Tisch.“

Unter Langschläfern weiß man nur zu gut, wovon er spricht. Auch ich etwa höre den leicht süffisanten Unterton heraus, wenn ich meine Kollegen gegen zehn Uhr vormittags anrufe und es dann heißt: „O, schon aufgestanden?“ Jahrelang erntete ich diese belustigten Blicke und kleinen, spitzen Bemerkungen, wenn man mir am frühen Vormittag vor der Redaktion begegnete und übertrieben über meine Gegenwart staunte. Ich erklärte dann jedes Mal, dass ich gerade meinen Sohn zur Schule gefahren hätte, dass ich sehr wohl ein anständiger Mensch sei, der seine Pflichten erfülle, dass ich viel weniger schlafe als alle anderen. Ohne es recht zu merken, spielte auch ich in diesem Wettbewerb mit, bei dem derjenige am besten dasteht, der zu den „frühen Vögeln“ gehört.

Deshalb auch macht es großen Spaß, mit Günter Woog zu reden und all die Anekdoten auszutauschen, die sich aus dem Nachtmensch-Dasein ergeben. Er erzählt von einer Frau aus dem Verein „delta t“, die bei ihren morgendlichen Arbeitsterminen zuvor noch gar nicht im Bett gewesen war. Und davon, wie er überhaupt dazu kam, den Verein zu gründen, nämlich als einer seiner guten Kunden nicht nachvollziehen wollte, dass er vormittags nicht zur Verfügung stehe. „Wir waren elf Freunde, alle genau so gepolt wie ich, die sich zum Verein zusammenschlossen und schon vor 20 Jahren einen Internetauftritt besaßen“, sagt er. „Wir erheben auch einen kleinen Mitgliedsbeitrag, damit wir unsere Öffentlichkeitsarbeit organisieren können.“

Der Vereinsname „delta t“, er ist ein Begriff aus der Astronomie und bezeichnet die unvermeidliche Differenz zwischen einer idealisierten universalen Weltzeit und den Abweichungen, die sich durch die unregelmäßige Erdrotation ergeben. „Es ist eben nicht so, dass alle Menschen gleichermaßen von 23 Uhr bis sieben Uhr schlafen können“, so Günter Woog. „Ich denke schon, dass unser Verein dazu beitragen konnte, diese Tatsache in der Öffentlichkeit zu verbreiten.“ Man wisse inzwischen, dass der Schlafrhythmus jedes Menschen nicht nur durch das Sonnenlicht bestimmt werde, sondern auch durch unabänderliche genetische Komponenten.

Unterrichtsbeginn eine Stunde später?

Längst auch treten Wissenschaftler dafür ein, den morgendlichen Schulunterricht um mindestens eine Stunde nach hinten zu verschieben, um auch den 20 Prozent der Langschläfer-Schüler gerecht zu werden. Mediziner wie Ildiko Meny von der Universität München, die am Institut für medizinische Psychologie im Projekt „ClockWork“ über die Beziehung von innerer Uhr und Arbeitsalltag forscht, sie machen darauf aufmerksam, dass „Spättypen“ tatsächlich anders ticken als „Frühtypen“ – mit faulen Ausreden habe das nichts zu tun – und warnen vor den gesundheitlichen Folgen, die es haben könne, wenn man als extremer „Spättyp“ gezwungen sei, entgegen seinem biologischen Rhythmus frühmorgens unausgeschlafen zur Arbeit zu erscheinen.

Till Roenneberg, Deutschlands erster Professor für Chrono-Biologie, und seine Kollegin Dr. Martha Merrow, sie stellten dem Verein „delta t“ einen ihrer grundlegenden Aufsätze für eine Veröffentlichung zur Verfügung und belegen darin die Existenz unterschiedlicher „Chronotypen“ mit jeweils unterschiedlichen Alltagsbedürfnissen. Selbst bei scheinbaren Nebensächlichkeiten komme das zum Tragen, sagen sie. So zum Beispiel bei Arztterminen: „Wenn eine ,Lerche‘ und eine ,Eule‘ früh nüchtern zur Blutuntersuchung erscheinen, werden ihre gemessenen Werte unterschiedlich sein, nur weil sie verschiedene Chronotypen sind, und nicht, weil der eine von ihnen kränker wäre als der andere“, heißt es darin.

Selbst die größte deutsche Tageszeitung, sonst nicht gerade dafür berühmt, für Außenseiter eine Lanze zu brechen, zitierte Anfang dieses Jahres den britischen Professor Jim Horne, dessen Forschungen ihn zu dem Schluss kommen lassen, dass Spätaufsteher häufig die extrovertierteren, kreativeren Charaktere seien, „die Poeten, Künstler und Erfinder, während Frühaufsteher die Dinge eher logisch herleiten, was sie eher zu Beamten und Buchhaltern werden lässt“. Auch wenn diese Aussage vermuten lässt, der Wissenschaftler gehöre selbst zu den Nachteulen und sei daher etwas parteiisch in seiner Wertung, so spricht das deutschlandweit verbreitete Zitat dafür, dass die „Spättypen“ in vielleicht nicht allzu ferner Zukunft keine so große Scheu mehr haben müssen, sich als solche zu outen.

Günter Woogs Verein setzt sich laut Satzung dafür ein, „zeitversetzt und lang schlafenden Menschen zu Anerkennung, toleranten Gegenübern und vor allem zu einem ihrer Natur entsprechenden Leben zu verhelfen“. Wirklich viel real verändert habe sich aber leider nicht, sagt er. „Zwischenzeitlich dachten wir schon daran, ,delta t‘ aufzulösen, so hoffnungslos kam uns die Sache vor.“ Doch die Mitglieder wollten nicht aufgeben. Sie gründeten eine Gruppe auf Facebook, und anlässlich des 20-jährigen Jubiläums erklärten sie das Siebenschläferdatum 2013 zum ersten „Tag des Ausschlafens“, der jedes Jahr neu begannen werden soll, wenn nicht mit demonstrativem Verschlafen, dann doch wenigstens begleitet von informativ untermauerten Protesten „gegen das alltägliche verfrühte Aufstehen“.

Grafiker Günter Woog, der mit „delta t“ auf seine Weise dafür sorgt, dass Langschläfer sich nicht „ganz allein“ fühlen müssen, er hat das Glück, mit einer Frau verheiratet zu sein, die man ebenfalls zu den Nachteulen zählen kann. „Bei ihr ist es nur nicht so stark ausgeprägt wie bei mir – und das ist auch gut“, meint er. Sie sei es, die den Fünfjährigen morgens zum Kindergarten bringe, während es ihm zufalle, das Kind nachmittags abzuholen. Ob der Kleine ganz nach seinen Eltern kommt, ist noch nicht abzusehen. „Kinder springen fast immer munter in den Tag“, sagt er. „Welcher Schläfertyp man wirklich ist, zeigt sich erst in der Pubertät.“ Wer weiß, vielleicht hat sich ja bis dahin doch durchgesetzt, dass Schüler und ihre Eltern keine Frühaufsteher mehr sein müssen.

Der Ausruf „Du bist nicht allein“, der in großen Buchstaben die Homepage der Internetseite „delta t“ eröffnet, er gilt auch für Leute wie mich. Es geht um sogenannte „Langschläfer“, um „Nachteulen“, die oft erst dann ins Bett gehen, wenn bei den „Lerchen“, den Frühaufstehern, schon der Wecker klingelt. Eine unvoreingenommene

Bestandsaufnahme.



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