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Was Tiere für unsere Wintermode ertragen müssen. Ein Sachstandsbericht.

Die versteckte Qual

Wenn Sie Pelz tragen, können Sie niemals sicher sein, in wessen Haut sie da stecken“, begrüßt die Tierschutzorganisation Peta ihre Besucher im Internet. Der Pelz ist zurück, auch wenn er nie wirklich weg war. Die International Fur Trade Federation drückt seine Rückkehr in Zahlen aus: Schon 2010 wurden mehr als 14 Milliarden Dollar im weltweiten Handel gemacht. Deutscher Jahresumsatz – etwa eine Milliarde Euro. Klaus-Peter Fischer, Kürschner mit Pelzgeschäften in Hameln und Bad Pyrmont, sagt: „Es kommt alles aus China. Wir haben keinen Einfluss auf die Produktionsbedingungen dort.“

veröffentlicht am 18.12.2013 um 21:46 Uhr
aktualisiert am 29.10.2016 um 02:21 Uhr

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Autor:

Nina Reckemeyer
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Axel Fiedler aus Heßlingen steht mit seiner „Fellhütte“ zurzeit auf dem Hamelner Weihnachtsmarkt. Seine Frau, Nurhan Bölükbasi, verkauft dort Lammfelle, Wollpullover, Handschuhe, Mützen, Socken aus Angora und dergleichen mehr. Sie erklärt: „Wir verkaufen nur Leder und Felle von Tieren, die für die Lebensmittelindustrie geschlachtet werden.“ Wenn ein Tier schon für den menschlichen Konsum sterben müsse, dann solle auch alles an ihm verwertet werden, „nicht nur das Leder oder nur das Fleisch“, sagt sie.

Für ihre Mitarbeiterin Sabine Schwarz ist der Fall nicht ganz so klar. „Als Vegetarierin bin ich schon manchmal zwiegespalten.“ Die tierischen Produkte, die sie in der Fellhütte und im Lederhandwerk verkaufen, wurden in Indien, Australien, Spanien und Polen gefertigt. Auch aus China gibt es eine Kleinigkeit: Puschelige Fellhandschuhe. „Die sollen aber auch aus dem Programm genommen werden.“

Was beide nicht wissen: Wo und wie werden die Felle von den Tieren getrennt? „Man kann nicht alles bis ins letzte Detail verfolgen.“ Und genau das erachten Tierschutzorganisationen als großes Problem. Zur gängigen Praxis gehören demnach:

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Leben im Käfig: eine Pelzfarm in China. peta

Häutung bei Bewusstsein oder Knüppelung zu Tode: Für Pelzjacken und andere Pelzprodukte werde Füchsen, Hasen und Kaninchen nicht selten noch lebendig die Haut abgezogen, so die Tierschutzorganisationen. Andere Vorgehensweisen seien das Auslegen von Tellereisen, in denen die Tiere verbluteten. Oder ein analer Stromschlag, an denen Nerze in Pelzfarmen nach einem kurzen Leben verendeten. Auch gehäutete und zu Tode geknüppelte Hunde und Katzen aus China hätten bereits vereinzelt ihren Weg in deutsche Warenhäuser gefunden, natürlich nicht ausgewiesen. Alles anzusehen in den Videos der Tierrechtler.

Lebend gerupft, eingespannt in einer Streckbank: Für Pullover und andere Kleidungsstücke aus Angorawolle würden Angorakaninchen in China auf Streckbänke gespannt oder mit Seilen an der Decke befestigt und „bei vollem Bewusstsein gerupft“, so Peta. „Anschließend reißen oder schneiden Arbeiter ihnen das Fell vom Leib. Die Kaninchen schreien vor Schmerz und tragen klaffende Wunden davon.“ Aus China stammen demnach 90 Prozent der Angora-Wolle weltweit. Seit Bekanntwerden lassen H&M und C&A vorerst keine Artikel aus Angora-Wolle fertigen.

Herausschneiden von Fleischstücken: Einen großen Modetrend haben die Schafsfellschuhe der Marken UGG und EMU ausgelöst. Die Stiefel – umgekrempelte Lämmer: innen die Wolle, außen die Haut – würden vorrangig aus australischen Merino-Schafen gefertigt. Hochgezüchtet mit vielen Hautfalten für einen größeren Wollertrag, seien die Falten anfällig für Urinreste und damit Parasiten. In dem Versuch, den Parasitenbefall zu behandeln, praktizierten australische Schäfer das „Mulesing“: An Metallstäben fixiert würden Schafen handgroße Fleischstücke aus dem Hinterleib geschnitten. Diese Vorgehensweise schildert, neben anderen Organisationen, der Deutsche Tierschutzbund. Die glatte Vernarbung soll keine Angriffsfläche für Parasiten bieten. Das Gegenteil sei der aber Fall.

Wenn auch die beschriebenen Praktiken nicht zwangsläufig für jede Tierfellproduktion zutreffen müssen, es gibt sie.

Jörg Brockmann, Inhaber von Woll Weber in Hameln, hat noch nie von der Mulesing-Methode gehört. Aber von etwas anderem: „dem Opal Schafpaten-Projekt in der Schwäbischen Alb“. Paten zahlen einen Betrag, der den deutschen Merinoschafen zugutekommt. Seinem Schaf kann man einen Namen geben und es besuchen. „Das ist eine Möglichkeit zur Kontrolle“, sagt er.

Der Winter hat sich angekündigt, in den Läden hängt eine Fülle an Mänteln und Accessoires – mit echtem Fellbesatz. Auf den Flaniermeilen hat das tote Tier wieder Saison. Fragt sich nur: Was nehmen wir für Pelz und Puschel in Kauf? Zuletzt hat der Angora-Skandal für Entsetzen gesorgt. Er ist einer von vielen.



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