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Hünengräber und Urnenfunde im Weserbergland / Bestattungskultur in vorchristlicher Zeit bleibt Frage der Interpretation

Die Toten der Frühgeschichte geben noch viele Rätsel auf

Weserbergland. Aus seinen Worten sprach das blanke Entsetzen, wie die Einwohner mit dem spektakulären Fund aus frühgeschichtlichen Zeiten des Weserberglandes umgegangen waren. Im Jahre 1750 beschrieb der Hamelner Pastor und Heimatforscher Christoph Friedrich Fein die Umstände der Entdeckung. „Ein alter heidnischer Grabhügel“, vermutlich mit über 60 Urnen aus der Zeit vor 3000 Jahren, war zwischen Hastenbeck und Völkerhausen weitgehend zerstört worden. Nicht nur die Pflüge hatten Schäden an den offenbar bronzezeitlichen Zeugnissen hinterlassen. „Unwissende Leute“ hätten den Hügel abgetragen, sich zwar über die Urnen gewundert, aber Knochen, Asche und Töpfe samt der Erde in den Abgrund geworfen, schrieb der Pastor. „Zum Besten des Ackerbaus, aber nicht der Alterthümer“, wie der Chronist zu Zeiten festhielt, als die Archäologie sich noch nicht als Wissenschaft hatte durchsetzen können.

veröffentlicht am 30.11.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:05 Uhr

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Christian Branahl

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Christian Branahl Reporter / Newsdesk zur Autorenseite
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Es war nicht der erste Fund aus vorchristlicher Zeit in der Region, der von einer Bestattungskultur in der Frühgeschichte kündet. Fein stellte damals im 18. Jahrhundert sogar Vergleiche zu Urnen in Grohnde auf. Dort befindet sich nahe der Straße Richtung Welsede eines der bekannteren Hügelgräber, die auch an anderen Orten der Region erhalten sind: beispielsweise am Emmerthaler Bückeberg ebenso wie in Baarsen oder Hessisch Oldendorf. Die ältesten Grabhügel stammen vom Ende der Jungsteinzeit, meint der Hamelner Archäologe Joachim Schween, der sich intensiv mit der Ur- und Frühgeschichte des Landkreises beschäftigt hat.

Schon in urgeschichtlichen Zeiten überließen die Menschen ihre Toten nicht sich selbst. Ab wann sich eine Vorstellung von einem Diesseits und Jenseits abzeichnete, lässt sich durch die Wissenschaft natürlich nicht endgültig belegen. Doch schon beim Neandertaler wollen Forscher eine Form von Bestattungskultur festgestellt haben, sprechen ihnen eine gewisse Vorstellung von Tod und Leben zu.

Wenn es um die ältesten Zeugnisse menschlicher Präsenz in der Region geht, so sind Funde dünn gesät. Ein Faustkeil, dessen Alter Archäologen auf bis zu 60 000 Jahre schätzen, gilt im Hamelner Museum als frühestes Relikt, ein Grabfund ist er jedoch nicht. Zehntausende von Jahren später wird auch die Bestattungskultur greifbar, die zusätzlichen Aufschluss über frühe Perioden der Menschheitsgeschichte bringt. Natürlich bleibt viel Raum für Spekulationen und unterschiedliche Interpretationen in der Fachwelt, welche geistige Haltung die Menschen mit dem Tod verbinden – gewisse Vorstellungen spiegeln sich aber auf jeden Fall wider, wie Schween glaubt, der dabei gleichzeitig zur Vorsicht mahnt. Es handele sich immer um eine Gratwanderung.

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Als in den dreißiger Jahren am Bückeberg bei Hagenohsen das Aufmarschgelände für die Reichserntedankfeste der Nationalsozialisten erweitert werden sollte, entdeckten Arbeiter Urnen, die Leichenbrand enthielten. Der Fund erlebte damals angesichts der politischen Verhältnisse eine unangemessene kultische Aufwertung, wie es unter Hinweis auf die „germanischen Vorfahren“ in Verbindung zur nationalsozialistischen Gedankenwelt einst hieß, dennoch gilt der Friedhof, der später nicht näher wissenschaftlich untersucht wurde, als wichtiges Zeugnis prähistorischer Bestattungskultur. Schween ordnet die Urnengräber anhand der Gefäßformen in die späte Bronze- bis frühe Eisenzeit, etwa 800 bis 700 vor Christus, ein.

Der einzige Urnenfriedhof, der bisher im Landkreis komplett ausgegraben wurde, befand sich in Hameln-Wangelist. Unter Leitung von Dr. Erhard Cosack wurden Anfang der 1980er Jahre 67 Brandbestattungen – 53 Urnengräber und 14 Knochenlager – geborgen, bevor dort ein Neubaugebiet entstand. Der damalige Bezirksarchäologe fasste in seinem Bericht zusammen, dass die Toten auf dem Gräberfeld verbrannt worden waren, der Leichenbrand aus den Rückständen der Scheiterhaufen herausgelesen und in Tongefäßen beigesetzt wurde. Außerdem konnte er innerhalb des Gräberfeldes eine bereits in urgeschichtlicher Zeit verfallene jungsteinzeitliche Grabanlage – etwa 2500 vor Christus – nachweisen.

Zwar fanden sich in den Urnen kleinere Gefäße, bei denen es sich um Trinknäpfe gehandelt haben könnte, generell war die Zahl erhaltener Beigaben in Wangelist jedoch sehr spärlich. Allerdings konnten mehrfach am Leichenbrand anhaftende Bronze- und Oxydspuren nachgewiesen werden. „Möglicherweise war es während der jüngeren Bronze-Eisenzeit aus kultischen Gründen erforderlich, den Körper des Toten und mit ihm im gleichen Maße seine Beigaben im Feuer des Scheiterhaufens zu zerstören“, mutmaßte Cosack.

Was dadurch hier als archäologische Quelle fehlte, müssen die Wissenschaftler mit anderen Funden in Beziehung bringen. Zumindest, so sagt Schween: Die Form der Bestattung ließe auch Schlüsse zur Lebenskultur zu. Hinweise auf Familienverbände könnten beispielsweise die Abstände zwischen den Urnen geben. Immer wieder sei auf Urnenfriedhöfen zu beobachten, dass ältere Grabstellen nicht beschädigt worden seien, wenn später Urnen dort eingegraben worden seien. Der Archäologe sieht darin Hinweise, dass die Gräber gekennzeichnet gewesen seien, vielleicht in ähnlicher Form wie heute durch Grabsteine.

Über mögliche Beweggründe unterschiedlicher Bestattungsrituale gehen in der Wissenschaft die Meinungen weit auseinander. War die Verbrennung reine Vorsorge gegen die Angst, dass Verstorbene ins Leben zurückkehren könnten, nachdem lange Zeit Erdbestattungen vorherrschten? Oder glaubten die Menschen, so eine mögliche Seele vom Leib zu trennen? Oder schrieben sie einfach dem Feuer als einem der Elemente eine besondere rituelle Bedeutung zu, wie andere Forscher glauben.

Archäologe Schween richtet seinen Blick eher auf die Funde, die konkrete Andeutungen auf religiöse Vorstellungen in vorchristlichen Zeiten geben. Dazu nennt er besonders die Grabbeigaben. Mal fanden sich Waffen, Schmuck oder Äxte, letztere nicht nur als Arbeitsgerät, sondern auch symbolisch als Zepter interpretierbar, aber auch Rückstände von Speisen oder Tieren – beispielsweise Getreidekörner und Tierknochen wie in Wangelist. „Das könnten Hinweise auf den vorherrschenden Glauben sein, dass es mit dem Tod des Menschen nicht vorbei sei, er auf eine lange Reise gehe“, erklärt er.

Hinzu kommen die Urnengefäße selbst, deren Verzierungen religiöse Bedeutung gehabt haben könnten, meint Schween. So gebe es Symbole, die auf eine Sonnenverehrung hindeuteten. Wie schwierig es aber ist, frühere Vorstellungen zu erkennen, macht er an einem Beispiel deutlich: Bei einer aufgefundenen Zusammenstellung von Metallteilen könne es sich um religiös bedingte Opfergaben handeln – aber ebenso um ein Altmetalldepot, das ein frühgeschichtlicher Handwerker angelegt hatte.

Mit jedem Fund wachsen jedoch die Möglichkeiten, ur- und frühgeschichtliche Ereignisse sicherer zu deuten. So wurde im vergangenen Jahr in Hohnhorst im Nachbarlandkreis Schaumburg ein vorgeschichtliches Gräberfeld aus der vorrömischen Eisenzeit etwa um das 7. bis 3. Jahrhundert vor Christus durch Zufall entdeckt und unter der Leitung des Kommunalarchäologen der Schaumburger Landschaft, Dr. Jens Berthold, ausgegraben. „Die große Sensation“, meint Joachim Schween. Rund 350 Bestattungen sind dort dokumentiert, die von gut 20 Helfern, unter ihnen auch Schween, bei einer Notgrabung ebenso wie weitere Funde geborgen wurden. Besonders die Knochenreste seien „eine wichtige Quelle“ für die damaligen Lebensumstände. Mit Genanalysen oder weiteren modernen wissenschaftlichen Methoden, die über die der achtziger Jahre, als die Untersuchungen in Hameln-Wangelist stattfanden, weit hinausgehen, lassen sich neue Erkenntnisse erschließen.

Brandbestattungen hatten sich in der Region lange gehalten – bis zum Beginn der Christianisierung. Karl der Große war es schließlich, der per Erlass im achten Jahrhundert die Leichenverbrennung verbot, die Toten stattdessen begraben werden sollten. Die ältesten christlichen Bestattungen in Hameln finden sich am Münster, dessen 1200-jährige Geschichte derzeit gefeiert wird. In der Krypta stieß man 1955 auf 37 Körperbestattungen. Für sie typisch: Die Gräber waren „geostet“ – mit dem Kopf des Leichnams im Westen, den Füßen in Richtung Osten. „Die Toten sollten in den Ort der Auferstehung blicken“, erläutert Schween diese christliche Tradition. In den siebziger Jahren fand man bei einer Sanierung im Münster dann Gräber aus der Reformationszeit. „Eine Bestattungskultur wie in der früheren Geschichte“, meint der Archäologe. Die Toten seien wieder reich gekleidet gewesen und mit Beigaben ausgestattet – ein Ring, Rosenkranz oder Amulett mit christlichen Symbolen. Schween: „Von der Bescheidenheit, die einst von Karl dem Großen verordnet worden ist, war nicht mehr viel übrig.“

Einblicke in die Bestattungskultur in vorchristlichen Zeiten vermittelt das Hamelner Museum. Die Urnen mit Grabbeigaben (links) zählen mit zu den Funden in Hameln-Wangelist in den achtziger Jahren. Wie der Fund am Bückeberg (unten) einzuordnen ist, darüber herrscht bei den Wissenschaftlern noch Uneinigkeit.

Fotos: Wal



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