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Debatte um Grundrente und Altersarmut: Wie die Hamelner Tafel die aktuelle Situation sieht

„Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“

Viele Senioren kommen nicht mit ihrem Geld aus. Der Arbeitsminister will eine Grundrente, die den Namen auch verdient. Selbst der Bundesverband der Tafeln lässt die Alarmglocken schrillen, dass Altersarmut auch Einfluss auf die Lebensmittel-Ausgabestellen hat. Wie sieht die Situation vor Ort aus, wo die Hamelner Tafel in einigen Kommunen ein wichtiger Anlaufpunkt ist? Für Elvira N. steht zumindest fest: Die Einrichtung sei für sie wie „ein Geschenk“.

veröffentlicht am 01.02.2019 um 18:30 Uhr
aktualisiert am 01.02.2019 um 20:10 Uhr

Alle Hände voll zu tun haben die Helfer der Hamelner Tafel um den Vorsitzenden Hans-Otto Südmersen (2. v. li.). Der Andrang an der Ausgabestelle ist groß. Foto: cb
Christian Branahl

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Christian Branahl Reporter / Newsdesk zur Autorenseite
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Mitten im Winter ein paar Tulpen in der Vase auf dem Küchentisch der kleinen Wohnung in Hameln – Elvira N. zeigt ihre Freude über die Blumen. Tags zuvor bekam sie die Frühlingsblüher bei der Tafel-Ausgabestelle an der Ruthenstraße, als sie sich dort Lebensmittel holte und ihren Kühlschrank auffüllte. Wie jeden Mittwoch, erzählt die 70-Jährige. „Ein Geschenk“, sagt die Rentnerin, die sonst kaum mit ihrem Geld über die Runden kommen würde. Dankbarkeit schwingt mit, ebenso Bescheidenheit. Altersarmut? Natürlich weiß sie um die politische Debatte, dass für immer mehr Senioren das Geld aus der Rente nach dem langen Arbeitsleben nicht reicht, um finanziell über die Runden zu kommen. „Ich fühle mich nicht als arm“, sagt sie. Sie komme aus einfachen Verhältnissen. Und die gepflegte Seniorin entspricht nicht dem Klischee. Auch wenn sie aus statistischer Sicht zu den Armen zählt. 680 Euro Rente – damit steht ihr Sozialhilfe zu. Und der Anspruch, als Kundin die Ausgabestelle der Tafel zu nutzen, um sich der Lebensmittelspenden zu bedienen. „Ohne diese Hilfe müsste ich auf vieles verzichten“, sagt Elvira N.

Beim Bundesverband der Tafeln, die in über 940 Ausgabestellen in Deutschland gespendete Lebensmittel an 1,5 Millionen bedürftige Menschen verteilen, schrillten schon längst die Alarmglocken. Der Anteil älterer Menschen unter ihren Kunden steige stetig an. „Seit 2017 hat sich dieser Anteil fast verdoppelt: Knapp ein Viertel der Tafel-Nutzerinnen und -Nutzer sind im Rentenalter“, heißt es. „Aus Scham bitten viele erst spät um Hilfe. Oft erfahren die Tafeln nur durch Angehörige oder Bekannte der Betroffenen, wie ernst deren Situation ist.“

„Wir können ihnen immer nur Mut machen, unser Angebot zu nutzen“, sagt für den Hamelner Bereich der Tafel-Vorsitzende Hans-Otto Südmersen. Neben der „gewissen Scheu“ sei es besonders ein „geringeres Anspruchsbewusstsein“ der heutigen älteren Generation. Grundsätzlich sei das Problem der Altersarmut für den Landkreis aber nicht so gravierend, wie vom Bundesverband dargestellt. Mit elf Prozent bildeten die über 65-Jährigen laut letztem Jahresbericht die kleinste Gruppe der 4500 Kunden von kreisweit insgesamt 14 500 Anspruchsberechtigten bei den Ausgabestellen Hameln, Aerzen, Emmerthal und Hessisch Oldendorf. Südmersen glaubt: „Die Welle der Altersarmut, die derzeit beschworen wird, kommt erst noch.“ Seine Statistik lässt es erahnen: Frauen und Männer im Alter von 31 bis 50 Jahren bilden mit 45 Prozent den größten Kundenblock der Tafel.

„Ohne diese Hilfe müsste ich auf vieles verzichten“: Elvira N., die nur eine geringe Rente bezieht, freut sich über die Lebensmittel der Tafel. Foto: cb

Und es wachse eine Generation heran, die immer weniger mit Geld umgehen könne. Stets das neueste Handy, Markenprodukte, ein Urlaub mehr als bezahlbar – mit einer weiteren Statistik führt der Vorsitzende an, was als Herausforderung auf die Gesellschaft und damit auf die Tafeln zukomme. Überschuldung sowie unwirtschaftliche Haushaltsführung sei nicht das Problem der Senioren, sondern das der jüngeren Generationen. Hinzukommen würden gebrochene Arbeitsbiografien, die später die Rente verringerten, fügt Südmersen an. Wen wundert es, dass die Ausgabestellen rund um Hameln auf weitere freiwillige Helfer hoffen, die Lebensmittel sortieren und ausgeben.

Für ihn gilt Elvira N. neben den Südeuropäern eher als die heutige klassische Vertreterin der älteren Kundengruppe. Besonders bei Spätaussiedlern lasse sich erkennen, dass sie deutlich stärker von der Altersarmut betroffen seien. Probleme auf dem deutschen Arbeitsmarkt, aber auch bei der Integration, machten es ihnen schwer, sagt Südmersen.

Elvira N. kam Weihnachten 2001 mit ihrer Familie aus Kasachstan nach Deutschland. Die Seniorin erzählt von ihren Eltern mit deutschen Vorfahren, die an der Wolga lebten. Nach dem Angriff von Hitler-Deutschland auf die Sowjetunion siedelte Stalin die Wolga-Deutschen nach Kasachstan um. Natürlich arbeitete sie dort später. „Zwei Ausbildungen sogar“, erzählt die Hamelnerin – als Bibliothekarin und als Technikerin in einer Tierarztpraxis. Als sie ins Weserbergland kam und zunächst nach Emmerthal zog, konnte sie mit ihren Berufen nichts anfangen. „Die wurden hier nicht anerkannt“, sagt sie ohne Bitternis. Etwas Neues beginnen? Dafür war es für die Mutter von zwei Kindern, die von ihrem früheren Ehemann geschieden ist, zu spät. Sie arbeitete als Putzfrau. 43 Jahre stand sie insgesamt im Berufsleben, bevor sie vorzeitig mit 58 Jahren in Rente ging. Mit ihren 680 Euro Rente liegt die Seniorin weit unter dem, was als Altersarmut definiert wird.

Als arm gilt, wer ein Haushaltsnettoeinkommen bezieht, das unter 60 Prozent des mittleren Einkommens liegt – in Deutschland entspricht dies etwa 930 Euro im Monat. Diese Zahlen veröffentlichte der Tafel-Bundesverband auf Grundlage des Armutsberichts 2018 des Paritätischen Gesamtverbands. Jeder vierte Arme sei Rentnerin oder Rentner. „Frei von Geldsorgen den wohlverdienten Ruhestand genießen, das können künftig vermutlich immer weniger Deutsche“, teilt der Verband mit. Laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung werde ohne Umdenken in der Alterssicherungspolitik im Jahr 2036 jeder fünfte Neurentner von Altersarmut bedroht sein.

Die Debatte macht derzeit bundespolitisch Schlagzeilen. Union und SPD hatten im Koalitionsvertrag vereinbart, dass die neue Grundrente ein Alterseinkommen zehn Prozent oberhalb des Grundsicherungsbedarfs garantieren soll. Bekommen sollen sie all jene, die 35 Jahre mit Beitragszahlung, Kindererziehung oder Pflegetätigkeit aufweisen. Dabei will die Koalition, dass zunächst geprüft wird, ob mögliche Bezieher von Grundrente diese auch wirklich brauchen. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) hat die Union am Donnerstag dazu aufgerufen, bei der geplanten Einführung einer Grundrente mit ihm gemeinsame Sache zu machen. CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer hatte zuvor die Vorlage eigener Vorstellungen ihrer Partei angekündigt.

Die Schattenseiten fehlenden Geldes erlebt der Hamelner Tafel-Vorsitzende täglich – in all ihren Facetten. „Natürlich ist es wichtig, ausreichend Geld zur Verfügung zu stellen – aber Geld allein löst das Problem nicht.“ Dabei denkt Südmersen an einen Kunden, der „sich sein Leben lang nicht nach einer Arbeit gedrängt hat“, an die Menschen, die sich im Teufelskreis aus Langzeitarbeitslosigkeit, zurückgehenden sozialen Kontakten, eventuell Scheidung, befinden würden oder wenn von Kindern bis zu den Großeltern sich gleich drei Generationen gemeinsam vor der Ausgabestelle einreihen würden. Beispiele aus dem Alltag, die einst in Altersarmut münden könnten. Südmersen: „Da muss mehr Initiative vom Staat ausgehen.“

Die hitzige Rentendebatte verfolgt Elvira N. nicht so intensiv, die Details sind kompliziert. Aber etwas mehr Geld auf dem Konto? Die Miete (die Wohnung hat 46 Quadratmeter – „das reicht mir“), Strom, Heizung. „Da bleibt nicht viel übrig“, sagt die Seniorin. Arm? Reich? Andere hätten, was sie sich nicht leisten könne, macht die Rentnerin ihre eigene Definition deutlich. Selbst wenn es nur um Lebensmittel gehe. „Etwas fehlt dir“, sagt sie und fügt hinzu: „Gutes Essen kostet Geld.“

Mittwoch war wieder ein guter Tag für sie bei der Hamelner Tafel. „Sonst hätte ich ja nur das Billigste aus dem Discounter kaufen können“, sagt die Rentnerin und öffnet ihren Kühlschrank. Was in den Supermärkten kurz vor dem Mindesthaltbarkeitsdatum kaum Käufer findet, sieht sie als willkommene Hilfe. Frisches Hackfleisch aus dem Gefrierschrank gab es bei der Ausgabestelle, „guten Käse“, Milch, Aufschnitt sogar in Bioqualität, dazu Obst und Gemüse. Sie lächelt ob dieser Lebensmittel. „Und ich habe nicht alles genommen, was ich hätte haben können – nur, was ich für eine Woche brauche.“ Mit dem, was sie spare, könnte sie mal ein Geschenk kaufen für Kinder und Enkel. Und mal wegfahren? Erst einmal sei sie mit ihrem Sohn wieder zu Besuch in Kasachstan gewesen, sagt Elvira N.

Es sei nicht die Aufgabe der dringend benötigten Tafeln, „Menschen vor Hunger zu bewahren“, sagt der Hamelner Vorsitzende. Er verweist auf ein weiteres Anliegen der gemeinnützigen Organisation: „Sie will den Überfluss und die Überproduktion von einwandfreien Lebensmitteln denen zukommen lassen, die darauf angewiesen sind.“ Nicht vordergründig, um direkte Not zu lindern, sondern um eine soziale Teilhabe zu ermöglichen. Mal in einem Café unter Menschen kommen, mal einen Extrawunsch erfüllen. Südmersen: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.“



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