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Betroffenheit in Groß Berkels Bevölkerung über massiven Stellenabbau bei der Lenze AG

„Der kleine Mann muss die Zeche zahlen“

Groß Berkel (roh). Der starke Wind treibt dunkle Wolken über den Flecken Aerzen, es regnet – bisweilen gesellen sich sogar einige Schneeflocken dazu. Die Menschen hasten von ihren Autos mit eingezogenen Köpfen in die Geschäfte und wieder zurück. Einigen steckt der Schock über den drohenden Verlust von Arbeitsplätzen bei der Lenze AG tief in den Knochen. Sie möchten weder etwas dazu sagen noch etwas über dieses Thema hören. Wie berichtet, will die Lenze AG weltweit etwa 600 von derzeit 3300 Stellen abbauen, darunter 300 in Deutschland. Allein in Groß Berkel sind 125 Jobs betroffen.

veröffentlicht am 24.03.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 01.11.2016 um 00:21 Uhr

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„Bis letztes Jahr hat es doch noch gebrummt“

Die meisten Menschen in Aerzen und insbesondere die Groß Berkeler Bevölkerung fühlen jedoch mit den von den angekündigten Entlassungen betroffenen Menschen. „Da hängen ganze Existenzen an so einem Job“, sagt eine junge Frau und schüttelt resigniert den Kopf. Manche hätten sich gerade erst ein Haus gekauft, heißt es aus einer Gruppe Menschen. „Ich bin zwar nicht selbst betroffen, aber ich kenne jemanden, der jetzt Angst um seinen Arbeitsplatz hat“, sagt Hannelore Korb aus Aerzen. Die Rentnerin spricht auch aus, was viele sich immer wieder fragen: „Ob das wirklich alles mit der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise zu tun hat?“

Korbs Zweifel werden auch von anderen Bürgern immer wieder bestätigt: „Bis letztes Jahr hat es doch bei Lenze gebrummt“, sagt eine Frau und wundert sich über die Art und Weise, wie die Firma jetzt mit ihren Beschäftigten umgeht. Die Solidarität im Flecken Aerzen ist groß, denn die Gedanken, die die Menschen sich machen, richten sich vor allem auf die Zukunft – und damit einher geht auch immer wieder die Frage: „Was kommt dann?“ Wie groß die Ängste der betroffenen Menschen seien, könne man nur erahnen, heißt es immer wieder, und oftmals folgt dieser Erkenntnis betretenes Schweigen. Zwischen der vorherrschenden Betroffenheit, der Trauer, der Angst und den beklemmenden Gefühlen den bei Lenze beschäftigten Menschen gegenüber mischt sich auch immer wieder Wut, die bei einem jungen Mann unverhohlen Ausdruck findet, wenn er sagt: „Die Manager scheffeln immer mehr Geld, und wir Arbeiter müssen immer mehr Stunden für immer weniger Geld leisten. Und am Ende kriegen wir dann die Kündigung.“ Petra Scheel, Drogeriefachverkäuferin, sagt: „Der kleine Mann, der muss immer die Zeche zahlen. Da machen Firmen immer höhere Umsätze, aber der, der die Arbeit geleistet hat, der ist am Ende der Dumme.“ Ein älteres Ehepaar spaziert trotz Dauerregens auf der Hauptstraße, und die Frau versteckt – wie viele Bürger des Fleckens in diesen Tagen – ihre Trauer nicht: „Unser Sohn ist betroffen“, lautet ihr kurzer, aber erschütternder Kommentar. „Was ist mit den Lehrlingen?“, fragt Sonja Wente. Die Bäckereifachverkäuferin denkt dabei an die Jugendlichen, die derzeit bei Lenze eine Ausbildung machen und dann womöglich nicht übernommen werden. Und auch Rechtsanwalt- und Notarfachangestellte Kerstin Wellhausen macht sich Sorgen um die Jugendlichen: „Was haben wir denn hier für Alternativen? Wenn Lenze jetzt schwächelt, dann gibt es noch weniger Perspektiven für die jungen Menschen.“

„Wir brauchen jetzt jeden Cent“

Und dann sind da die Bürger im Flecken, die selbst vor kurzer Zeit entlassen wurden, die die Krise bereits zu spüren bekommen haben. Viele von diesen Menschen sind so sehr mit ihren eigenen Sorgen beschäftigt, dass sie von den geplanten Entlassungen noch nichts wissen. „Wir haben alle Abonnements gekündigt, auch die Zeitung, wir brauchen jetzt jeden Cent“, sagt eine Frau mittleren Alters. „Ich wusste noch nichts davon, aber ich weiß, was jetzt auf die Menschen zukommt, die entlassen werden, und das wird nicht einfach, auch für die Kinder nicht.“

Hin- und hergerissen zwischen Wut und Trauer, vermissen die Menschen im Flecken Aerzen – ob nun selbst betroffen oder solidarisch mitfühlend – ein wenig Hoffnung. Elizabeth Pirek bringt es auf den Punkt: „Es ist bitter für die Menschen, es ist traurig, und es gibt nicht einmal alternative Angebote.“

Dunkle Wolken über dem Hauptsitz der Lenze AG in Groß Berkel. Weltweit sollen 600 Stellen abgebaut werden. Fotos: roh



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