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Der 61-jährige Student Rudolf Fahr über Schultüten, Halbglatzen im Hörsaal – und Kommentare seiner Mutter

Der grauhaarige Ersti

Herr Fahr, die meisten jungen Studenten studieren, um sich für einen Beruf zu qualifizieren. Was machen Sie in Ihrem Alter an der Uni?

veröffentlicht am 27.10.2013 um 18:24 Uhr
aktualisiert am 29.10.2016 um 04:41 Uhr

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Nach 44 Berufsjahren wollte ich endlich mal etwas anderes machen, mich mit etwas befassen, zu dem ich Lust habe. Im Berufsleben fehlte die Zeit, zu lesen oder Vorlesungen zu besuchen. Dabei habe ich mir das auch damals schon oft vorgestellt.

Was haben Sie vor Ihrem Studium beruflich gemacht?

Ich bin Postbeamter der alten Couleur und jetzt in der passiven Phase der Altersteilzeit, in der man noch dem Betrieb zugehörig ist, aber nicht mehr arbeiten muss. Das ist dann so ein Deal, den man mit dem Unternehmen macht, das die Alten loswerden will.

Sie sind 61. Ist das Ihr erstes Studium?

Ja, ich bin Neueinsteiger.

Wie haben Familie und Freunde reagiert, als Sie sich entschlossen haben, noch mal zur Uni zu gehen?

Meine Frau sagt immer: Hast du denn deine Schultüte dabei? Wir machen das also eher auf die lustige Art. Ich hab ja keinen Ehrgeiz, sondern einfach Spaß am Lernen. Meine Töchter und meine Familie finden das interessant, und selbst meine Mutter sagt: Ja, das passt ja zu dir.

Weil Sie gerade Ihre Frau ansprechen: Viele junge Studenten nutzen die Uni als Partnerbörse. Was sagt Ihre Frau dazu?

Vielleicht macht sie sich ihre Gedanken, aber da haben wir jetzt nicht offen drüber gesprochen.

Aber Sie werden morgens nicht ermahnt, wenn Sie zur Uni gehen.

Nein. Eifersucht ist überhaupt nicht festzustellen, sondern eher Interesse. Meine Frau kann im Moment aus familiären Gründen selber nicht studieren und ist deshalb daran interessiert, was ich mache. Inhaltlich. Und nicht, ob ich hier mit ’ner älteren Studentin abziehe.

Was studieren Sie denn?

Ich habe mich für die Themen Psychologie, Philosophie und die ehemalige Sowjetunion angemeldet. Und es gibt einen besonderen Studiengang nur für ältere Studierende, da habe ich mich auch angemeldet.

Streben Sie auch einen Abschluss an?

Es gibt bestimmte Fächer im Literaturbereich und im Kunstbereich, wo man ein Zertifikat machen kann. Sonst gibt es hier aber keine Abschlüsse, und das entspannt mich total. Das strebe ich auch nicht an, weil ich damit sowieso nichts vorhabe. Außer, etwas für den Kopf zu machen.

Wie lange ist das Studium angelegt?

Immer für ein Semester. Aber man kann das jederzeit fortsetzen. Ich kann mir gut vorstellen, dass ich erst mal nur die Wintersemester mache, weil ich im Sommer gerne reise und unterwegs bin. Und so ‘ne andere Art von Studium betreibe.

Wie gehen Sie mit dem Vorwurf um, Jüngeren den Studienplatz wegzunehmen?

Ich habe mich bewusst dort angemeldet, wo es keine Beschränkung gibt. Zwei meiner Veranstaltungen finden gemeinsam mit „normalen Studierenden“ statt, die sind in der Platzzahl nicht limitiert, da kann jeder hingehen. Das habe ich heute erst erlebt: Einführung in die Philosophie, übervoll, es gingen keine Leute mehr rein. Und mindestens die Hälfte waren ältere Studenten. Mindestens. Also Grau hat anfangs schon überwogen. Aber die Jungen kommen ja immer ein bisschen später.

Welche Vorteile haben Sie gegenüber den jungen Studenten?

Dass ich diesen Druck nicht hab’. Überhaupt keinen Druck, Scheine machen oder hingehen zu müssen.

Ist es nicht komisch, wenn da vorne ein Dozent steht, der 10, 20 Jahre jünger ist als Sie und Ihnen was beibringen will?

Habe ich bisher nicht festgestellt. Aber da habe ich überhaupt kein Problem mit, wenn ich von Jüngeren was lernen kann. Ich bin auch immer noch bemüht, von meinen Töchtern zu lernen. Eine von ihnen hat studiert, die andere hat eine gute Berufsausbildung, und da bin ich auch immer bemüht, zu hören, wie’s den jungen Leuten heute so geht.

Wenn Sie sich im Hörsaal umsehen und nur auf graue oder kahle Hinterköpfe blicken: Fühlen Sie sich da wohl oder freuen Sie sich auch auf die jungen Mitstudenten?

Die jungen Mitstudenten werde ich ja in den Vorlesungen und Seminaren kennenlernen und da freue ich mich sehr drauf. Wenn man nur unter seinesgleichen sein will, dann muss man was anderes machen. Ich bin Ur-Ur-Hamburger, hier geboren, gelebt, nie weg gewesen. Und das ist nun ein Teil von Hamburg, den ich nicht so gut kenne, obwohl ich mich auch als junger Mann immer sehr gerne im Univiertel aufgehalten habe, in den Kneipen und Kinos.

Die Uni bietet neben dem Studien- ja auch ein Sportangebot. Nutzen Sie das?

Ich werde das sondieren. Aber es ist mir im ersten Schritt alles ein bisschen zu viel.

Was würde Sie dazu bringen, Ihr Studium abzubrechen?

Oh, das ist eine sehr schwierige Frage. Wenn ich, meine engste Familie, meine Frau, meine Kinder oder Freunde krank werden. Ansonsten kann ich mir das nicht vorstellen. Ich weiß, irgendwann werden Überlegungen kommen wie: Was willst du eigentlich damit anfangen? Wem willst du etwas beweisen? Solche Sinnfragen kommen ja immer irgendwann.

Und Sie wollen nichts beweisen?

Nein, niemandem. Ich will mir einfach etwas Gutes tun.

Gibt es trotzdem etwas, das Sie als Herausforderung sehen? Wo Sie denken: Das könnte mich knacken?

Die absolute Herausforderung wird natürlich, einem Philosophie-Professor zu folgen. Da habe ich auch dran zu knacken.

Bereiten Sie die Vorlesung zu Hause nach?

Ja. Ich mache mir Notizen und gehe ins Internet. Und besorge mir auch die empfohlenen Bücher, das ist ja klar. Sonst braucht man das Studium ja auch nicht machen. Man muss das für sich ja noch untermauern. Zum Beispiel Begrifflichkeiten und nicht verstandene Worte, die ich noch nie gehört habe. Es gibt auch einen Studiengang „Wissenschaftliches Arbeiten“. Das würde ich zum Beispiel auch noch mal machen wollen. Wie man so ein bisschen Struktur da reinkriegt. Sonst könnte ich schnell durcheinanderkommen. Man kommt nach Hause und schaut doch erst mal das Länderspiel, anstatt die Philosophie nach Freud nachzulesen.

Würden Sie sich in diesem Punkt als typischer Student sehen?

Nee, da bin ich dann doch der alte Ruheständler, aber das wird noch kommen, da bin ich sicher.

Sie haben gerade schon angesprochen, dass Sie sich zu Hause hinsetzen und zum Beispiel das Vorlesungsskript aus dem Internet herunterladen. Kommen Sie damit klar, dass an der Uni heute so viel mit Neuen Medien gearbeitet wird?

Wissen Sie, da bin ich ganz ehrlich: überhaupt nicht. Gleich am Anfang sollte ich hier meine E-Mail-Adresse angeben, aber ich hatte noch gar keine. Das wird aber demnächst geschehen. Ich bin ehrlich gesagt genervt, in der Bahn, im Bus, wenn ich ein Buch lese oder mal aus dem Fenster schaue, dass man davor nicht mehr weglaufen kann. Man muss damit leben, das ist mir klar, aber es ist nicht mein Beritt. Ich nehme das wahr, ich versuche mich da auch drin, und das wird dann Schritt für Schritt auch immer weitergehen. Aber dass ich da jetzt mit riesigem Enthusiasmus reingehe, das kann ich nicht sagen.

Wie sehr nervt es Sie, dass sogar in einer Vorlesung nur für ältere Studenten Handys klingeln?

Das ist genau so nervig wie auf einer Gewerkschaftsversammlung, wo das 27-mal passiert, obwohl das vorher angekündigt wird. Oder ein großes Schild steht: Handys ausschalten. Oder auf der Personalversammlung, wo es dann nicht der Unternehmensvertreter ist, bei dem das Handy klingelt, sondern der Mitarbeiter, der zu bräsig ist, das Ding auszustellen.

Wenn Sie über den Campus gehen und alle um Sie herum 30 oder 40 Jahre jünger sind: Fühlen Sie sich da ein bisschen als Exot?

Es ist schon anders: Es ist ja eine ganz andere Form der täglichen Betätigung. Gestern zum Beispiel, nach der Vorlesung, nagelt man da mit dem Fahrrad mit 30 Leuten gleichzeitig die Straße hoch. Das ist eine ganz andere Welt. Aber die jungen Leute um mich herum, das ist für mich das Leben, das neue Leben, und von daher genieße ich das auch.

Können Sie sich vorstellen, dass sich Freundschaften mit ihren Mitstudenten entwickeln?

Das ist hier alles sehr, sehr anonym. Die Leute kommen und strömen wieder auseinander. Aber ich bin bemüht.

Denken Sie, dass die Jüngeren auch von Ihrem Wissen und Ihrer Lebenserfahrung profitieren können?

Sicherlich, umgekehrt ist das ja genauso. Das sehe ich ja auch bei meinen Kindern: Da liegen Welten zwischen uns. Aber man kann sich ja einiges erklären lassen, wenn man es denn will. Für mich ist es ja ein Lustprinzip. Für die Jüngeren ist es eine Selbstverständlichkeit, für mich wäre das erst mal eine Überwindung: Zu Hause einen Drucker zu haben, zu Hause einen fest installierten PC zu haben, das ist für mich noch nicht angesagt.

Interview: Wiebke Westphal und Thomas Lieske

Rudolf Fahr könnte ein entspanntes Rentnerleben führen – könnte, denn obwohl er sein aktives Berufsleben bereits hinter sich hat, zieht es den 61-Jährigen noch einmal zum Studieren an die Hochschule. Wir haben den grauhaarigen Erstsemester an der Universität Hamburg zum Interview getroffen.



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