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Kaum Stellen für Geringqualifizierte

Der Arbeitsmarkt brummt - aber nicht alle werden profitieren

Immer neue Beschäftigungsrekorde und zugleich ein Mangel an Fachkräften – im neuen Jahr setzt sich dieser Trend aller Voraussicht nach fort. Doch nicht alle profitieren davon. In der Vergangenheit stieg vor allem die Zahl der Teilzeitjobs. Für Geringqualifizierte gibt es weiterhin kaum Stellen.

veröffentlicht am 09.02.2019 um 10:00 Uhr

Versuchen Sie mal, einen Handwerker zu bekommen – die Betriebe sind stark ausgelastet und suchen nach wie vor neue Mitarbeiter. Foto: dpa

Autor:

Michael Evers und Thomas Thimm
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Der Jobmotor brummt weiter: Der positive Trend auf dem Arbeitsmarkt hält in Niedersachsen und Bremen nach Einschätzung der Arbeitsagentur auch 2019 an, auch wenn die konjunkturelle Dynamik etwas an Tempo verliert. Erwartet wird eine Zunahme der Beschäftigten in Niedersachsen um 1,8 und in Bremen um 1,2 Prozent. Nach der Prognose sinkt die Arbeitslosigkeit in Niedersachsen um 6,4 und in Bremen um 4,3 Prozent, wie die Agentur für Arbeit mitteilte. Allerdings profitieren längst nicht alle von dem Trend. In der Vergangenheit stieg vor allem die Zahl der Teilzeitjobs. Für Geringqualifizierte gibt es weiterhin kaum Stellen.

Den stärksten Jobzuwachs gab es zuletzt im Gesundheits- und Sozialwesen, dem verarbeitenden Gewerbe sowie im Dienstleistungssektor und Handel. Vom Beschäftigungsanstieg profitierten besonders Frauen, Ausländer – darunter Flüchtlinge und Arbeitssuchende aus ost- und südeuropäischen EU-Staaten – sowie ältere Arbeitnehmer ab 55 Jahren. Frauen konnten vor allem von der wachsenden Zahl an Teilzeitstellen profitieren, 80 Prozent der Teilzeit-Beschäftigten sind Frauen. Wie die Arbeitsagentur erklärte, ist nicht ganz deutlich, ob Frauen gezielt oder notgedrungen in Teilzeit arbeiteten. Frauen kritisierten, dass die Rückkehr auf Vollzeitstellen schwierig sei.

Die Arbeitslosigkeit sinkt und die Beschäftigung wächst, das ist erfreulich.

Mehrdad Payandeh, Vorsitzender des DGB-Bezirks Niedersachsen–Bremen–Sachsen-Anhalt

Der Arbeitsmarkt im Weserbergland wird sich nach Einschätzung der Arbeitsagentur Hameln 2019 weiterhin positiv entwickeln. „Nach jetzigem Stand gehen wir davon aus, dass im Jahresdurchschnitt 122 300 Menschen einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung nachgehen werden. Das entspricht im Vergleich zum Vorjahr einem Plus von 2200 Beschäftigten“, sagt Pressesprecher Jan Phillip Lehmker. Auch bei der Zahl der Arbeitslosen zeige sich der fortwährend gute Arbeitsmarkt: Die Prognose des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung prognostiziere im Mittel 7,4 Prozent weniger Arbeitslose als in 2018.

Stellenanzeigen in Tageszeitungen haben große Bedeutung.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund DGB freut sich über den positiven Trend. „Die Arbeitslosigkeit sinkt und die Beschäftigung wächst, das ist erfreulich“, sagt der Vorsitzende des DGB Niedersachsen-Bremen-Sachsen-Anhalt, Mehrdad Payandeh. „Allerdings profitieren längst nicht alle, Langzeitarbeitslose bleiben außen vor.“ Ihre Chance auf eine Stelle sei extrem gering, von 1000 Langzeitarbeitslosen fänden nur 16 im Folgemonat eine Arbeit. Beklagt wird vom DGB zudem, dass fast jeder vierte Niedersachse im Niedriglohnsektor für einen Stundenlohn von weniger als zehn Euro arbeitet. Etliche dieser Beschäftigten erhielten zudem noch nicht einmal den vorgeschriebenen Mindestlohn ausgezahlt.

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Zahl der Erwerbstätigen auf Rekordhoch

Die gute Konjunktur in Deutschland bringt immer mehr Menschen in Lohn und Brot. Im vergangenen Jahr gab es im Schnitt 44,8 Millionen Erwerbstätige und damit so viele wie seit der Wiedervereinigung nicht mehr. Das teilte das Statistische Bundesamt auf Basis vorläufiger Berechnungen mit. Trotz der alternden Gesellschaft wuchs die Zahl der Erwerbstätigen um 1,3 Prozent binnen Jahresfrist auf den höchsten Wert seit 1991. Seit diesem Jahr werden die Erwerbstätigenzahlen für Ost- und Westdeutschland gemeinsam erfasst.

Ein höherer Anteil erwerbstätiger Inländer sowie der Zuzug ausländischer Arbeitskräfte haben negative Auswirkungen des demografischen Wandels ausgeglichen, erklärte die Wiesbadener Behörde. Während die geringfügige Beschäftigung zurückging, waren mehr Menschen sozialversicherungspflichtig beschäftigt.

Die Zahl der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Arbeitnehmer kletterte 2018 um 638 000 und damit erstmals über die Marke von 40 Millionen. Die gute Lage am Arbeitsmarkt sorgt zugleich dafür, dass immer weniger Menschen selbstständig waren: Mit 4,22 Millionen sank die Zahl auf den niedrigsten Stand seit 2003. Da es viele Jobs gibt, scheuen die Bundesbürger schon seit geraumer Zeit das Abenteuer Selbstständigkeit.

Mit einem Plus von 384 000 Beschäftigten war der Zuwachs in absoluten Zahlen im Dienstleistungsbereich besonders hoch. Dabei kamen insbesondere bei öffentlichen Dienstleistern sowie in den Branchen Erziehung und Gesundheit neue Stellen hinzu.

Überdurchschnittlich stark entwickelte sich die Beschäftigung in der Industrie. In absoluten Zahlen lag das Plus bei 139 000 Erwerbstätigen. Inzwischen legte die Zahl der Erwerbstätigen seit 13 Jahren zu – und der Chef der Bundesagentur für Arbeit, Detlef Scheele, geht auch für 2019 von einem Zuwachs aus. Zwar werde es nicht ganz so dynamisch weitergehen wie im abgelaufenen Jahr. Eine Trendwende sei trotz internationaler Unsicherheiten wie Brexit und Handelskonflikten nicht in Sicht. Auch das Münchner Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung erwartet einen Beschäftigungsrekord.dpa

Um dies zu unterbinden, müsse die Finanzkontrolle Schwarzarbeit aufgestockt werden. Problematisch ist aus DGB-Sicht auch die rückläufige Tarifbindung: Nur noch 57 Prozent der niedersächsischen Beschäftigten würden nach Tarifvertrag bezahlt, 2002 waren es noch 76 Prozent. „Für viele ist gute Arbeit keine Selbstverständlichkeit“, sagt Payandeh. „Die Landesregierung kann gegensteuern, indem sie öffentliche Aufträge nur noch an Unternehmen gibt, die nach Tarifvertrag zahlen.“

Einen gravierenden Fachkräftemangel sieht die Arbeitsagentur unter anderem in den Gesundheits- und Pflegeberufen, in einzelnen technischen Berufen wie der Mechatronik, Energietechnik, Klempnerei sowie in Bauberufen und im IT-Bereich. Besonders in Gebieten mit sehr niedriger Arbeitslosigkeit wie im westlichen Niedersachsen sowie im Speckgürtel der Ballungsräume Hannover, Bremen und Hamburg hätten Arbeitgeber es schwer, neue Fachkräfte zu finden. Wie die Unternehmerverbände Niedersachsen erklärten, seien insbesondere die Räume Bad Bentheim, Gifhorn und Oldenburg bis hinüber zum Kreis Harburg betroffen.

Der vielbeklagte Fachkräftemangel sei auch hausgemacht, sagt der DGB. Nur 23 Prozent der Betriebe bildeten aus, obwohl 100 Prozent von qualifizierten Fachkräften profitierten. „Statt immer nur zu klagen, müssen die Arbeitgeber mehr Ausbildungsplätze schaffen, für bessere Arbeitsbedingungen sowie tarifliche Löhne sorgen und altersgerechtes Arbeiten viel stärker fördern“, fordert DGB-Bezirkschef Payandeh. „Damit lässt sich dem Fachkräfteproblem wirksam begegnen.“



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