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350 Freiwillige pumpen und löschen bis zum Umfallen

Das Weserbergland hilft im Emsland

Unter den 2000 Helfern, die im Emsland gegen den Moorbrand kämpfen, waren – und sind zum Teil immer noch – 350 Frauen und Männer aus dem Weserbergland. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen und Ministerpräsident Stephan Weil haben sich ein Bild von der Lage gemacht. Die Dewezet hat die Politiker begleitet.

veröffentlicht am 23.09.2018 um 20:36 Uhr

Das Flächenfeuer breitet sich aus, frisst sich in die Wälder. Weiße Rauchschwaden steigen auf. THW-Helfer pumpen pro Minute 20000 Liter Flusswasser ins brennende Moor. Foto: ube
Ulrich Behmann

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Ulrich Behmann Chefreporter zur Autorenseite
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Als über dem Katastrophengebiet die Sonne aufgeht, ist der Himmel strahlend blau. Die Qualmwolken, die der Westwind tags zuvor in die Siedlungen gedrückt hat, haben sich verzogen. In Groß Stavern riecht es auch nicht mehr nach Feuer. Am Tag 20 des Moorbrandes hat sich die Lage etwas entspannt. Der Sturm, der am Freitag in Böen mit 80 bis 90 km/h über das platte Land fegte, ist abgeflaut. „Gestern mussten wir noch damit rechnen, dass Funken zwei Kilometer weit fliegen und Häuser in Brand setzen“, sagt Landrat Reinhard Winter, der 1953 in Hessisch Oldendorf geboren wurde. In der Nacht hat es Gewitter und heftige Regengüsse gegeben – das hat den Einsatzkräften in die Hände gespielt. Doch der Schein trügt. Wer glaubt, das Feuer sei gelöscht, der irrt. Die Glut frisst sich durch staubtrockene Torfschichten, das Flächenfeuer breitet sich aus. Unterirdisch. Manchmal hört man es fauchen. Inzwischen brennt es auf einer Fläche von zwölf Quadratkilometern. „Wenn du denkst, das Feuer ist in einem Sektor gelöscht, tun sich plötzlich hinter dir Löcher auf, aus denen Flammen herausschießen und weiße Rauchfahnen aufsteigen“, erzählt Kreisfeuerwehr-Sprecher Jörg Grabandt. Bauer Hanko Meyer lächelt weise, dann sagt er: „Der Moorbrand ist noch lange nicht tot, er schläft nur.“ Der Emsländer hat recht. Die Gefahr ist nicht gebannt. „Wir haben es unverändert mit einer sehr komplizierten Lage zu tun“, sagt auch Ministerpräsident Stephan Weil. Feuerwehrleute, THW-Helfer und Soldaten kämpfen Seite an Seite gegen das „Höllenfeuer“.

Auch Polizeibeamte von nah und fern und DRK-Sanitäter sind ins Emsland geschickt worden, um zu helfen. Seit Tagen mittendrin: 350 Frauen und Männer aus dem Weserbergland. Logistiker des Technischen Hilfswerks aus Hameln, Holzminden und Springe, 150 Freiwillige der Kreisfeuerwehr-Bereitschaft Ost, zu der 30 Einheiten aus Emmerthal, Coppenbrügge, Salzhemmendorf und Bad Münder gehören, und die Kreisfeuerwehr-Bereitschaft Nord aus Schaumburg haben in den vergangenen Tagen ein Übergreifen des sieben Kilometer langen Schwelbrandes auf Wälder und Dörfer verhindert.

THW-Helfer aus Hameln kümmern sich um den Nachschub. Über Funk und Telefon besorgen sie alles, was fehlt – damit Tag und Nacht Wasser ins Moor gepumpt werden kann. 20 000 Liter pro Minute fließen durch die armdicken Leitungen.

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Wasserwand – Feuerwehrleute bekämpfen Glutnester. Foto: ube

THW-Mann Tobias Bleibaum aus Hameln ist Logistik-Spezialist. Der Ehrenamtliche arbeitet auf dem Kasernengelände in einer THW-Führungsstelle. Der 30-Jährige, der bei der Bahn als Notfall-Manager und Teamleiter arbeitet, ist ein Organisationstalent. Gerade kommt ein Melder zu ihm in den weiß-blauen Führungs- und Lage-Anhänger. „Wir brauchen dringend Filter und Atemmasken“, sagt der Mann von der Bundeswehr-Feuerwehr. „Wie viele?“, fragt der THW-Mann. „400 Masken und 2000 Filter müssten es schon sein.“ Bleibaum setzt sich ans Telefon. Der Hersteller hat nur 1200 Filter im Zwischenlager. Der THW-Experte recherchiert. Er findet heraus: Im Lübecker Werk gibt es genug Masken und Filter. Fünf Stunden später rollen in Meppen zwei Transporter in die Kaserne.

Zehn Kilometer nordöstlich in Groß Stavern. Vorherrschende Farbe im Dorf: blau. Der Ort gleicht einem THW-Zentrum. Hochleistungspumpen, die zwischen 5000 und 15 000 Liter Wasser pro Minute in dicke Schläuche drücken, laufen rund um die Uhr. Detlev Grabbe, THW-Zugführer aus Hameln, hat eine Zwölf-Stunden-Nachtschicht hinter sich. Er freut sich auf sein Feldbett, als ein THW-Mann aus Baden-Württemberg an das blaue Zugtrupp-Fahrzeug klopft, in dem er und seine Kameraden aus Hameln arbeiten. „Bei einer Hannibal-Pumpe geht der Sprit zur Neige“, sagt Manuel Schwindt, Zugführer aus Ladenburg. „Ich mache mir Sorgen, dass das bei den anderen bald auch so ist. Wann kommt der Tankwagen von der Bundeswehr?“

Grabbe hat verstanden. „Wir fragen nach. Nachschub ist so gut wie unterwegs.“ THW-Helfer aus Holzminden sorgen derweil für das Essen. Brötchen verteilen, Suppe kochen, Kasseler braten. „Ohne Mampf – kein Kampf“, sagt Gordon Hill aus Hameln und lacht. THW-Helfer aus Springe sind ebenfalls vor Ort. Die Techniker reparieren alles, was kaputt geht – vor allem Pumpen und Stromaggregate.

Die Kreisfeuerwehr-Bereitschaft Ost kämpft bereits seit Stunden auf dem von Feldjägern bewachten Militärgelände gegen Glutnester im Moor. Bei Bunker 1200 soll ein Wald geschützt werden. Rauchschwaden ziehen über die Baumwipfel. Wasser wird aus einem Tiefbrunnen und aus einem vom THW aufgebauten 70 000-Liter-Tank gefördert. Der Großbehälter ist mit den THW-Pumpen in Groß Stavern verbunden. Das Löschwasser kommt aus dem vier Kilometer entfernten Fluss Nordradde. „Wir betreiben mitten im Nirgendwo auch eine Wasser-Tankstelle“, erzählt Grabandt. Karten von dem geheimen Gelände haben die Helfer nicht. Und bei Google Maps ist nur eine grüne Fläche zu sehen. Panzerstraßen und Waldwege sind nicht verzeichnet. Orientierung im Gelände: schwierig.

Ein Bundeswehr-Löschfahrzeug fährt vor. Der Tank ist wieder mal leer. Mit dem Unimog wird das Wasser ins schwer zugängliche Moor geschafft. Die heimischen Kräfte arbeiten bis zur totalen Erschöpfung – sie können verhindern, dass das Feuer durch den Kiefernwald auf Klein und Groß Stavern zuläuft. Bereitschaftsführer Frank Melde ist zufrieden. Kreisbrandmeister Frank Wöbbecke auch. Die Drohnenstaffel der Kreisfeuerwehr und die Versorgungsgruppe sind ebenfalls ins Emsland gefahren. Jeder ist Experte auf seinem Gebiet, jeder auf seinem Posten wichtig.

Am 3. September waren auf dem Gelände Raketentests für den Kampfhubschrauber Tiger durchgeführt worden – ausgerechnet während einer langen Trockenperiode. Eine Löschraupe war kaputt, von einer anderen sprang während der Brandbekämpfung die Kette ab. Dumm gelaufen für die Bundeswehr – und die Bevölkerung. Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen räumt Fehler ein; sie entschuldigt sich bei den Anwohnern und bedankt sich bei den Einsatzkräften. In Groß Stavern trifft die Chefin der Bundeswehr auch den Hamelner THW-Logistiker Bleibaum. Sie und Ministerpräsident Weil schütteln ihm die Hand.

Inzwischen hat die Bundeswehr aufgerüstet: Löschhubschrauber werfen Wasser ab, seit Samstag fliegt täglich ein Tornado-Kampfflugzeug über das Moorbrandgebiet. Die Besatzung hat Hightech an Bord, mit der Glutnester identifiziert und die Tiefe des Brandes gemessen werden kann. Aus Husum sind Spezialpioniere mit mobilen Panzerstraßen und Pipelines eingetroffen. Wann das Feuer gelöscht ist, kann niemand sagen.



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