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Wie im Weserbergland neue Produkte fürs Büro entwickelt werden

Büromöbelhersteller Wini baut den schnellsten Tisch der Welt

Moderne Raketentriebwerke, neue Automotoren, angesagtes Design – bei den ständig neuen Entwicklungen in Deutschlands Industrie sind Know-how und Kreativität, bisweilen auch Mut gefragt. Aber ein Tisch? Vier Beine, Platte drauf – fertig, könnte man meinen. Denkste! Im Weserbergland haben Designer und Entwickler den schnellsten Tisch der Welt gebaut. Wie aufwendig das tatsächlich ist, haben wir uns erklären lassen.

veröffentlicht am 15.12.2018 um 10:30 Uhr

Den höhenverstellbaren Konferenztisch der Wini Designlinie „Winea Flow“ haben Anne Sieferer und Rico Möckel entworfen. Foto: Wal
Thomas Thimm

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Thomas Thimm Stv. Chefredakteur zur Autorenseite
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Eigentlich ist es ja nur ein Tisch. Ein Schreibtisch fürs Büro, genügend Arbeitsfläche, wenig Schnickschnack, aber mit allen technischen Raffinessen, die Mitarbeiter an PC-Arbeitsplätzen heutzutage so verlangen. Rund 20 Millionen Deutsche arbeiten Tag für Tag sieben bis acht Stunden an ihren Schreibtischen. Wer aber viel sitzt und sich wenig bewegt, lebt nicht gerade gesund. Das bestätigen Mediziner, Krankenkassen und Wissenschaftler. Doch für Menschen, die im Büro arbeiten, findet meist der größte Teil des Berufsalltags im Sitzen statt. Wie lässt sich das ändern? Eine Möglichkeit sind höhenverstellbare Tische: An ihnen kann man abwechselnd im Stehen oder im Sitzen arbeiten. Das ist zwar immer noch wenig Bewegung, aber besser als nur zu sitzen.

Information

Das ist Wini Büromöbel

Wini Büromöbel ist ein familiengeführtes Traditionsunternehmen mit 110 Jahren Erfahrung in der Holzbearbeitung und zählt nach eigenen Angaben zu den Top Ten der deutschen Büroeinrichter. Am Standort Marienau beschäftigt Wini 210 Mitarbeiter. Das 1908 in Duingen gegründete Unternehmen befindet sich heute in dritter Generation in Familienbesitz. Der Name Wini leitet sich von den Initialen des Gründers Wilhelm Niemeier ab. Seit 1985 liegt die Geschäftsführung bei Carolina Schmidt-Karsch und ihrem Mann Hans F. Karsch.

Ein Team britischer und australischer Forscher hat genauer untersucht, wie viel Zeit Büroangestellte an so einem Tisch stehend verbringen und ob sich dadurch unter anderem ihre Einstellung zur Arbeit verändert oder sie seltener an Rückenschmerzen leiden. Das Ergebnis: Probleme wie Rückenschmerzen oder Verspannungen lösen sich am höhenverstellbaren Schreibtisch nicht gänzlich in Wohlgefallen auf – doch die Beschwerden nehmen ab. Ihr Ergebnis haben die Forscher im Oktober im wissenschaftlichen Fachblatt „BMJ“ veröffentlicht.

Rico Möckel vom Marienauer Büromöbelhersteller Wini kennt derartige Studien – und auch die Anforderungen an moderne Büroeinrichtungen. Große und moderne Unternehmen statten, so erzählt der Leiter der „Strategischen Produktentwicklung“ bei Wini, ihre Arbeitsplätze bereits standardmäßig mit höhenverstellbaren Schreibtischen aus. Möckel: „Wir bei Wini haben im Schreibtischsegment bereits einen Anteil von 65 Prozent an höhenverstellbaren Tischen.“

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Aktuell hat Wini etwas Bahnbrechendes geschaffen: Designer, Ingenieure, Statiker, IT-Fachleute und Produktioner haben gemeinsam den schnellsten Motortisch der Welt entwickelt. Der Tisch mit dem Namen „Winea Flow“ ist im Herbst auf der Büromöbel-Messe Orgatec als Weltneuheit gefeiert worden, der Fachhandel ist bereits versorgt – und im Jahr 2019 wird die Serienproduktion laufen. Möckel prognostiziert: „Wini verkauft pro Jahr 18 000 bis 20 000 höhenverstellbare Tische. Das Ziel allein für den neuen „Winea Flow“ liegt zwischen 5000 und 10 000 pro Jahr.“

Idee, Design, Nutzung, Funktionalität – das sind die vier Säulen unserer Arbeit.

Anne Sieferer, Produktgestalterin

Jedes Jahr entwickelt Wini ein bis zwei Neuheiten, in diesem Jahr waren es mit besagtem Tisch und einem Wandsystem zwei Innovationen, die in Marienau erdacht, entwickelt und gebaut wurden.

Im Fall des „Winea Flow“ lag es laut Möckel auch daran, dass der Markt höhenverstellbarer Tische aufgrund „asiatischer Konkurrenz einem starken Preisverfall“ ausgesetzt war. Um dem verschärften Preiskampf aus dem Wege zu gehen, habe man sich bei Wini gefragt: „Welche Innovationen brauchen wir?“ Im ersten Quartal war die Idee geboren, dass man einen Tisch entwickeln wolle, der schneller in die Höhe fährt als andere. Normal war eine Geschwindigkeit von 38 Millimetern pro Sekunde. Doch das war gestern. Der schnellste Motortisch der Welt kommt auf die doppelte Geschwindigkeit. Das ist heute normal. Jedenfalls für Wini.

Anne Sieferer, die als Produktgestalterin an vorderster Front an diesem Projekt gearbeitet hat, erzählt, was dann alles kam: „Idee, Design, Nutzung, Funktionalität – das sind die vier Säulen unserer Arbeit. Von der Idee zu den Ideenskizzen zur 3-D-Konstruktion zum Funktionsmuster, das ist schon ein langer Weg. Und wenn man dann feststellt ‚Das sieht gut aus, aber es kann nichts‘, dann wird alles wieder auf den Kopf gestellt und neu gedacht und neu entwickelt – bis alles gut ist. Wenn dann aber das Muster aller Muster steht, dann beginnt das Feintuning und die Optimierungsschleifen laufen an.“ Heute winkt die Serienproduktion – inklusive einer Tischecke als Schalter fürs Auf und fürs Ab, die man rein intuitiv nutzen können soll und inklusive eines Kabelkanals, der allein durch den Tischplattenauszug hochgezogen wird und so auch noch die IT-Mitarbeiter glücklich macht.

Der Knackpunkt in dem gesamten Projekt war der Antrieb fürs Schnellsein. „Schneller werden durch einen größeren Motor, das wäre zu leicht gedacht“, sagt Entwicklungschef Möckel. „Die Spindel, der Motor, die Lautstärke und die Steuerung mussten aufeinander abgestimmt werden. Und eine höhere Geschwindigkeit erfordert auch neue Lösungen in puncto Sicherheit.“ Neben den eigenen Experten in Marienau und diversen Zulieferern in halb Europa – Möckel: „Wir haben zu 99 Prozent europäische Zulieferer“ – hat vor allem auch ein dänischer Spezialist für Linear-Antriebe geholfen, dass „Winea Flow“ nun der schnellste Motortisch der Welt ist, dabei sicher und nicht zu laut. Ein bisschen mehr als nur ein Tisch also.

Information

Wer hat Anspruch auf höhenverstellbare Schreibtische?

Immer nur sitzen, ist ungesund. Wie gut, wenn man zwischendurch die Position verändern kann: Also einfach den Tisch hochfahren und im Stehen weiterarbeiten. Doch haben Arbeitnehmer Anspruch auf einen entsprechend höhenverstellbaren Schreibtisch? „Arbeitnehmer haben zwar Anspruch darauf, dass ihr Arbeitsplatz ergonomisch gestaltet ist. In der Praxis meint dies aber, dass sie einen Tisch und einen Stuhl erhalten, der sich an die individuelle Größe anpassen lässt“, erklärt Jürgen Markowski, Fachanwalt für Arbeitsrecht und Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Arbeitsrecht im Deutschen Anwaltverein. Ein Schreibtisch, bei dem man die Höhe automatisch verstellen und so im Sitzen sowie im Stehen arbeiten kann, ist damit nicht gemeint. Auch die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin bestätigt diese Auffassung. In der Regel kann man einen solchen Schreibtisch nicht fordern. „Auch wenn ein Attest belegt, dass dies gesundheitlich nötig ist, muss der Arbeitgeber so einen Tisch nicht zur Verfügung stellen und die Anschaffung zahlen“, erklärt Markowski. Die Deutsche Rentenversicherung (DRV) verweist allerdings auf das Arbeitsschutzgesetz und die Arbeitsstättenverordnung. Demnach müsse der Arbeitgeber an Bildschirmarbeitsplätzen ausreichend Raum für wechselnde Arbeitshaltungen und Bewegungen vorsehen. Dieser Pflicht könne er durch organisatorische Maßnahmen oder geeignete Arbeitsmittel nachkommen. So ermögliche zum Beispiel die Ausstattung des Arbeitsplatzes mit Tisch und Stehpult einen Haltungswechsel. Als Alternative seien aber eben auch elektrisch höhenverstellbare Schreibtische denkbar. Einen generellen Anspruch gegen den Arbeitgeber auf einen höhenverstellbaren Schreibtisch sieht auch die Rentenversicherung nicht. Eine Leistungsverpflichtung seitens der Rentenversicherung bestehe dagegen nicht. Anträge auf eine Kostenübernahme für einen elektrisch höhenverstellbaren Schreibtisch würden seit Anfang 2018 auf einer neuen Grundlage beurteilt. In den meisten Fällen könne die Rentenversicherung keine Kosten übernehmen, da so ein Tisch nach ihrer Rechtsauffassung einer zeitgemäßen ergonomischen Arbeitsplatzausstattung zuzuordnen sei. „Eine Ausnahme kann lediglich für Bürostühle in Betracht kommen, wenn aufgrund spezifischer Erkrankungen die medizinische Notwendigkeit zum Beispiel für einen speziellen Bürostuhl besteht“, sagt Dirk von der Heide, Pressesprecher der Deutschen Rentenversicherung Bund. In einem Fall sieht Markowski den Arbeitgeber aber durchaus in der Pflicht: wenn der Mitarbeiter mehr als 42 Kalendertage in den vergangenen zwölf Kalendermonaten wegen der Beschwerden arbeitsunfähig war. Dann müssen im Rahmen eines betrieblichen Eingliederungsmanagements Betriebsarzt, Vorgesetzter, Betriebsrat und der Betroffene gemeinsam über Lösungen diskutieren. „Kommen sie zu dem Schluss, dass ein automatisch verstellbarer Schreibtisch eine sinnvolle Maßnahme ist, muss der Arbeitgeber den Tisch bezahlen“, sagt Markowski.dpa



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