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So haben sich Märkte in früheren Jahrzehnten präsentiert

Budenzauber vergangener Zeiten

Bis in die 1950er Jahre finden in Hameln viermal im Jahr Krammärkte statt. Zu Ostern, im Sommer, im Herbst und zu Weihnachten kommen Händler in die Stadt und bauen für einen Tag ihre Buden auf. Sie ergänzen das Angebot der örtlichen Geschäfte mit günstiger Ware, Neuheiten und langen Öffnungszeiten. Viele Menschen strömen mit Fuhrwerken – später mit dem Bus – oder zu Fuß aus dem Landkreis in die Stadt. Sie wollen dann aber auch abends etwas erleben. Gaststätten und Hotels bieten daher Tanz und andere Belustigungen an.

veröffentlicht am 25.12.2015 um 11:27 Uhr
aktualisiert am 27.10.2016 um 13:48 Uhr

Budenzauber Hameln

Autor:

Gesa Snell
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Bis in die 1950er Jahre finden in Hameln viermal im Jahr Krammärkte statt. Zu Ostern, im Sommer, im Herbst und zu Weihnachten kommen Händler in die Stadt und bauen für einen Tag ihre Buden auf. Sie ergänzen das Angebot der örtlichen Geschäfte mit günstiger Ware, Neuheiten und langen Öffnungszeiten. Viele Menschen strömen mit Fuhrwerken – später mit dem Bus – oder zu Fuß aus dem Landkreis in die Stadt. Sie wollen dann aber auch abends etwas erleben. Gaststätten und Hotels bieten daher Tanz und andere Belustigungen an.
Die Krammarkttage sind also regelrechte Stadtfeste, die den Alltag ein bisschen aufbrechen und eine Art Ausnahmezustand herstellen.
Früher Nachkriegsstart: Auch im Dezember 1946 und damit in einer von Not und tiefen Sorgen geprägten Zeit wird wieder ein „großer Weihnachtsmarkt“ aufgebaut. Ware gibt es kaum, die Hamelner Läden können nicht viel anbieten. Da kommen die ambulanten Händler mit ihren Kleinigkeiten gerade recht. Neben ihren Verkaufsständen bieten sie an drei Tagen aber auch verschiedene Vergnügungen an. Vermutlich handelt es sich dabei um schlichte Schieß- und Spielbuden sowie Verlosungshütten. Diese Mischung zwischen Rummel und Verkaufsständen ist offenbar erfolgreich. Sie prägt den Weihnachtsmarkt in den nächsten Jahren.
1949 ist zum Beispiel der Braunbär Ulli die große Attraktion. Er balanciert auf einer Tonne und führt andere Kunststücke vor. Mit seinem Halter wurde er über die grüne Grenze zwischen Ost- und Westzone geschmuggelt, wird berichtet. Es ist die Zeit der Grenzgänger und sogenannten Ostzonenflüchtlinge, die Grenze bittere Realität.
 Die lebhafte Szenerie des Weihnachtsmarktes wird 1951 in der Dewezet so beschrieben: „Strahlende Lichter, buntes Glitzerzeug, Bratwürstchendüfte und Würfelgeklapper – ja, es ist wieder Weihnachtsmarkt! Lebkuchen konkurrieren mit Bücklingen und Schinkenbrötchen, süß und sauer lösen einander ab. Beim Astrologen lassen wir uns ein langes Leben verkünden und beim Nachbarstand lernen wir, wie man Töpfe wieder aufpoliert.“ Ein Stelzenläufer macht Werbung für frische Würstchen, während mehrere Weihnachtsmänner die Aufgabe haben, Passanten auf stationäre Geschäfte aufmerksam zu machen.
Rummel und Verkauf getrennt: 1952 werden Verkaufsstände und Rummel an verschiedenen Orten untergebracht: Fahrgeschäfte und andere Belustigungen finden sich nun auf dem Sedanplatz, die Buden auf dem Kastanienwall vor dem Grünen Reiter. Die Gäste müssen sich also entscheiden, ob sie einkaufen oder sich amüsieren lassen wollen. „Natürlich gibt es auch ‚Sensationen‘, und mancher lässt sich gern mit einem Eisbären fotografieren. So etwas muss man eben mitgemacht haben“, schreibt der Journalist.
Aber auch Schießbuden sind noch zu finden – nun allerdings mit veränderter Ausstattung: „Während man früher unter der Devise ‚Üb Aug‘ und ,Hand fürs Vaterland‘ um die Wette schoss, lässt man heute Bomben aus Flugzeugen fallen. Wer gut trifft, bekommt eine Tafel Schokolade.“
 Ein Jahr später muss der Rummel zum Frettholz umziehen. Wichtiger Grund für diese Entscheidung dürfte die „Lärmwolke“ gewesen sein. Ihr zu folgen, führe unfehlbar dorthin, berichtet die Zeitung. Nicht mehr der Leierkastenmann bestimmt nämlich die Geräuschkulisse, sondern die Fahrgeschäfte bewerben ihre Attraktionen mit lauter Musik. Lärm kommt aber auch aus ganz altmodischer Richtung, denn „da schreien sich die Losverkäufer vor den Glücksbuden schon am Tage heiser“. Auch die Anpreiser versuchen mit lauter Stimme, die Vorbeigehenden zum Eintritt in ihr Zelt zu verlocken.
Heimatlose Buden? Aber der Weihnachtsmarkt kommt nicht zur Ruhe. Die Stadt entwickelt sich so rasant, dass die im Vorjahr genutzten Flächen oft schon wieder bebaut sind. Der Sedanplatz wird außerdem als Parkfläche gebraucht. Der Autoverkehr nimmt schnell zu und so können die Straßenränder von Deisterallee und Kastanienwall auch nicht mehr recht für das Aufstellen von Buden genutzt werden.
 1955 wird die Weihnachtsverkaufswoche daher – entgegen dem Wunsch der sogenannten ambulanten Händler – in die Mühlenstraße plaziert. Die Buden stehen dort aber nicht nur am Rand der Innenstadt, sondern auch an der dunklen Zuchthausmauer. Hier gibt es nicht einmal Lichterketten.
 Die mehrfache Verlegung des Weihnachtsmarktes wirkt sich langsam aus, die Zahl der Buden hat erneut abgenommen. Da das Interesse der Händler und Schausteller – vermutlich aufgrund geringen Besuchs – weiter schwindet, muss der Weihnachtsmarkt im Jahre 1957 ausfallen. Es haben sich nur noch zwei Händler gemeldet, die ihre Ware anbieten wollen.
Aus für den Weihnachtsmarkt? Warum stellt sich kein Gefühl von Weihnachtszauber mehr ein? Warum besuchen ihn weniger Menschen als früher, obwohl die Stadt so stark gewachsen ist? Was fehlt? „Freilich war früher alles noch gemächlicher, friedsamer, gelöster“ heißt es in einem langen Text, der nach den Ursachen der Veränderungen forscht. Aber auch die Kaufgewohnheiten haben sich geändert: „Was die Händler anzubieten haben, gibt es vielfach auch in den ortsansässigen Geschäften. So ging eine Besonderheit nach der anderen verloren. Entstand doch der Weihnachtsmarkt zu Zeiten, als es noch weniger Geschäfte gab und die Kunst der Werbung in den Anfängen steckte. Unsere Großeltern warteten noch mit dem Einkauf auf den fliegenden Händler, der sich den noch selteneren Kaufbedürfnissen angepaßt hatte.“
So war es früher: Ein Hauptgrund für das Nachlassen des Interesses wird aber darin gesehen, dass der Markt nicht mehr im Zentrum Hamelns stattfinden darf. Seit der Jahrhundertwende hatten sich hier Gewohnheiten und Traditionen gebildet. Die Stände der Händler hatten feste Plätze. Vor der Hauptpost standen die Böttcher, gegenüber die Anbieter von Holzgeschirr und Steinzeug. Vor dem Hochzeitshaus verkauften die Pfeffernussbuden. Hier roch es besonders gut, denn auch Honigkuchen wurde angeboten. Am Markt waren die Schuhstände, die vor allem selbstgefertigte „Puschen“ aus Wolle präsentierten. Die Hutmacher fand man an der Ecke zwischen Rathaus und Pferdemarkt, „hier holten sich die Knechte aus Tündern, Lachem und Ohr ihre Mützen fürs ganze Jahr“. Die Juweliere hatten ihre Tische im Rathausgang. Als jedoch der Glasschmuck aus Gablonz aufkam, lohnte es sich für sie nicht mehr.
 Neue Anbieter kamen und verkauften „Bude an Bude, Rücken an Rücken“ auf dem Pferdemarkt. Daneben standen die Spitzentische, zu denen auch der „Billige Jakob“ gehörte. „Vom Lütjen Markt her kam der Geruch der Räucherfischstände, wo die Landbewohner den ungewohnten Räucheraal und Lachshering in jeder Menge gleich aus der Hand schmausten. Warme Würstchen waren auf dem Weihnachtsmarkt unbekannt, alles kaute Printen, Pflastersteine und – Schibeletten.“ Darunter verstand man ein einfaches, ringförmiges Gebäck, das, auf einen Faden gezogen, verkauft wurde.
 „Fahnen, Girlanden und Illumination gab es nicht, doch die damaligen Umsätze würden den Neid der heutigen Händler hervorrufen.“ Manchmal seien mehr Landbewohner als Hamelner in der Stadt gewesen, wird berichtet. Der große Weihnachtsball begann mittags und ging bis in die Nacht. Der Weihnachtsmarkt als ein einziges großes Fest?
Zurück in die Vergangenheit: Die Schilderungen klingen verlockend. Lassen sich diese Zeiten zurückholen? Der Weihnachtsmarkt wird nun immer stärker als Ereignis betrachtet, das gelingt, wenn nostalgische Erinnerungen hervorgerufen werden.
 Der erste große Schritt in diese Richtung erfolgt 1963: Der Weihnachtsmarkt darf wieder mitten in der Stadt veranstaltet werden. Vor der Kulisse der „zauberhaften Altstadt“ bemüht man sich, den Markt zu einem stimmungsvollen Erlebnis werden zu lassen.
 1965 heißt es z. B. im Vorfeld: „Es sollte auch mehr darauf geachtet werden, daß die Stände bzw. die angebotenen Waren mehr mit der Weihnachtszeit in Zusammenhang stehen.“ Und wenig später wird beruhigt berichtet, dass „nur Stände mit Honigkuchen und Süßigkeiten, Bratwürstchen, Textilien usw. zugelassen sind, die mit dem bevorstehenden Fest eine Beziehung haben, dagegen keine Fahrgeschäfte“.
 Noch oft veränderte der Weihnachtsmarkt sein Gesicht, noch immer ist er da. Die Sehnsucht, dort schöne, ruhige und gemütliche Zeiten wiederzufinden, gehört bis heute dazu.

Budenzauber Hameln
  • Zu Füßen der alten Marktkirche drängten sich früher die Buden, in denen es Lebkuchen, „Schibeletten“ und hundert andere Wunderdinge zu kaufen gab. Bild: red
Budenzauber Hameln
  • Als Silberner Sonntag wurde in Deutschland im Einzelhandel Anfang bis etwa Mitte des 20. Jahrhunderts der vorletzte verkaufsoffene Sonntag vor Weihnachten bezeichnet. Unser Zeichner hat damals die Szenerie eingefangen.
Budenzauber Weihnachtsmarkt Hameln
  • Bis heute hat der Weihnachtsmarkt in Hameln nichts von seiner Anziehungskraft verloren. Tausende Besucher von nah und fern werden angelockt von gebratenen Würstchen, Glühwein und Gebackenem. Auch Gebasteltes und Süßigkeiten für die kleinen, aber auch großen Besucher werden in den stimmungsvoll beleuchteten Hütten angeboten. Foto: Dana


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