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Sondersitzung des Kreis-Jugendhilfeausschusses

Aufklärung für Politiker im Missbrauchsfall Lügde

HAMELN-PYRMONT / LÜGDE. Mehr als dreieinhalb Stunden dauerte am Mittwoch die Sondersitzung des Jugendhilfeausschusses im Kreishaus in Hameln. Beantragt hatte sie die CDU-Fraktion im Hameln-Pyrmonter Kreistag. Die Politiker hatten sich vorher durch den Landrat nicht ausreichend über den Anteil des Kreis-Jugendamtes an der Dimension und Dauer des Lügde-Elbrinxer Missbrauchsfalls informiert gefühlt.

veröffentlicht am 04.04.2019 um 08:00 Uhr
aktualisiert am 04.04.2019 um 11:10 Uhr

Tjark Bartels (SPD) im Gespräch mit der Ausschussvorsitzenden Kerstin Achilles (SPD). Am Mittwoch berichtete der Landrat über die Ergebnisse der Kreis-internen Untersuchung zum Tun und Lassen von Mitarbeitern des Jugendamts im Missbrauchsfall Lügde.
Juliane Lehmann

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Juliane Lehmann Reporterin zur Autorenseite
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Woran inzwischen wohl niemand mehr zweifelt: Hätten die behördlichen Kinderschutz-Profis die drei bereits 2016 eingegangenen Hinweise eines Pyrmonter Vaters, einer Psychologin und einer Blomberger Jobcenter-Mitarbeiterin auf eine mögliche Pädophilie des Elbrinxer Dauercampers Andreas V. (56) damals richtig gedeutet, dann wäre der alleinstehende Mann Anfang 2017 wohl kaum als Pflegevater für ein kleines Mädchen aus seinem Bekanntenkreis eingesetzt worden. Und: Der heutige Hauptverdächtige sowie sein mutmaßlicher Mittäter Mario S. (34) hätten sich zwei Jahre lang an deutlich weniger Kindern vergreifen können. Bisher sind der Polizei 35 mutmaßliche Opfer namentlich bekannt. Weitere 16 Betroffene sind noch nicht identifiziert. Die Auswertung von mehr als drei Millionen sichergestellten Fotos und fast 96 300 Videos läuft noch. Die Anzahl der Opfer könnte also weiter steigen. Allerdings zeigen viele Aufnahmen auch Taten, die die Verdächtigen nicht selbst begingen. Sie dürften auch Fotos und Videos mit anderen Männern getauscht haben. Den Hauptverdächtigen werden rund 1000 Taten zugeordnet.

In Hameln ging es am Mittwoch schwerpunktmäßig um die bisherigen Erkenntnisse aus der Kreis-internen Aufarbeitung des mutmaßlichen Versagens von Mitarbeitern im Jugendamt. Zunächst brachte Tjark Bartels (SPD) die Politiker auf den aktuellen Stand. Das heißt: In Teilen wiederholte er seinen relativ ausführlichen Bericht aus der Pressekonferenz vom 19. März, angereichert um die bisherigen Schritte auf dem Weg zu einem Konzept zur Vorbeugung sexualisierter Gewalt.

Im Kreis der Teilnehmer lag allerdings ein Problem der Sitzung: Auf der einen Seite saßen die Politiker. Vor allem die Opposition wollte ihre grundsätzlichen Fragen platzieren, die sie zur Ursachenforschung, aber auch auf der Suche nach den oder dem Verantwortlichen für unerlässlich hielten. Erklärungsversuche des Landrats wie die „kollegiale Bestätigungstendenz“ im Jugendamt als eine mögliche Ursache für die fatalen Fehleinschätzungen zu Andreas V. schienen sie nicht allzu sehr zu interessieren. Sie pochen auf die Einsetzung eines Sonderermittlers, der die Arbeit des Jugendamts auf den Prüfstand stellen soll.

Auf der anderen Seite saßen diverse Fachleute. Die hatten sich bereits am vergangenen Donnerstag bei der Auftaktveranstaltung zur Gründung einer Projektgruppe mit den Ansätzen für ein Präventionskonzept beschäftigt. So regte der Sozialarbeiter und -pädagoge Michael Frey vom Kreisjugendring an: „Wir müssen Betroffene fragen, warum wir nicht auf sie gehört haben.“

Nicht nur die Pyrmonterin Kiriakoula Koussataloglou-Mund forderte „keine politische Diskussion auf dem Rücken der Kinder“. Auch die DRK-Fachberaterin für Kindertagesstätten, Lieselotte Sievert, zeigte sich betroffen vom Umgang mit dem Thema im Ausschuss. Und Grundschulleiterin Monika Rehberger aus Hessisch Oldendorf hätte sich aus der Politik Anregungen für Lösungsansätze gewünscht. Zudem wies sie darauf hin, dass Kinderschutz auch eine Frage der Ausstattung sei. Sie forderte von der Politik, Geld an den richtigen Stellen zur Verfügung zu stellen, etwa für Fachkräfte beim Kinderschutzbund.

Zu einem kurzzeitigen Eklat kam es, als Ursula Körtner (CDU) wissen wollte, ob Andreas V. der biologische Vater seiner Pflegetochter sei. Hier verweigerte der Landrat die Antwort unter Hinweis auf die Persönlichkeitsrechte von Mutter und Kind. Und sowohl er als auch Ulrich Watermann (SPD) warfen Körtner vor, mit solchen Fragen das betroffene Kind das zweite Mal zu missbrauchen.

Zum Abschluss kündigte die CDU-Politikerin Körtner an, bei Bedarf weitere Sitzungen des Ausschusses einzufordern.



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