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Arzt soll Seniorin Formblatt für AfD-Unterstützungsunterschrift untergejubelt haben

Arglistige Täuschung in Arztpraxis?

HAMELN-PYRMONT. Der Fall, der sich in einer Arztpraxis in Bad Pyrmont zugetragen haben soll, schlägt bereits hohe Wellen, bevor Details an die Öffentlichkeit gelangt sind – mit dem „delikaten politischen Sachverhalt“ beschäftigen sich der Staatsschutz und das Büro der niedersächsischen Landeswahlleiterin in Hannover. Ein Arzt soll einer Seniorin das Formblatt für eine AfD-Unterstützungsschrift untergejubelt haben.

veröffentlicht am 07.09.2017 um 20:30 Uhr

Der AfD-Kreistagsabgeordnete Dr. Eckhard Reichenbach soll einer Seniorin dieses Formblatt untergejubelt haben – zu einem Zeitpunkt, als die Frau nicht lesen konnte. Foto: wal
Ulrich Behmann

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Ulrich Behmann Chefreporter zur Autorenseite
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Eine heimische Seniorin fühlt sich von ihrem Augenarzt, der für die AfD im Kreistag Hameln-Pyrmont sitzt, arglistig getäuscht. Sie ist empört und vertritt die Auffassung, dass das Verhalten des Mannes, dem sie vertraut hat, eines Arztes nicht würdig ist. Fachlich sei der Mann zwar äußerst kompetent und auch sehr nett. Aber er vermische wohl seine politischen Interessen mit ärztlicher Kunst, glaubt die 78-Jährige.

Sie selbst hat den Vorfall nicht „an die große Glocke gehängt“. Es war vielmehr Heidemarie H. (Name geändert), die das, was ihr ihre Schwiegermutter erzählt hat, zur Weißglut gebracht und zum Handeln gezwungen hat, wie sie sagt. Die Berufsschullehrerin und CDU-Ratsfrau war empört – sie informierte das Polizeikommissariat Bad Pyrmont und die Geschäftsstelle der Landeswahlleiterin Ulrike Sachs. Der Mediziner, den die Dewezet um Stellungnahme gebeten hat, trägt nicht wirklich zur Aufklärung des schweren Vorwurfes bei. Der AfD-Kreistagsabgeordnete Dr. Eckhard Reichenbach, der sowohl im Jugendhilfe- als auch im Schulausschuss sitzt, will sich gegenüber der Presse zur Sache nicht äußern. „Ich sehe mich als ersten Ansprechpartner. Wenn jemand etwas an mir oder an meiner Arbeit auszusetzen hat, dann soll er sich doch bitte zuerst an mich wenden. Erst wenn es nicht gelingt, das Problem im Gespräch zu lösen, kann man ja Dritte einschalten.“ Der Kommunalpolitiker spricht „von einem Versuch, eine Kampagne loszutreten“. Unserer Zeitung will er zum Vorwurf der arglistigen Täuschung „nichts sagen“.

Ganz anders verhält sich die Schwiegertochter der Betroffenen – sie möchte reden. Heidemarie H. erzählt, die alte Dame sei zur Behandlung bei Dr. Reichenbach gewesen. Der Arzt habe ihr Tropfen in die Augen gegeben. „Dadurch konnte meine Schwiegermutter nur noch alles ganz verschwommen sehen. Aber das ist bei diesem Mittel normal.“ Unverschämt sei jedoch, was kurz danach passiert sein soll: „Als sie am Tresen stand, um eine Überweisung abzuholen, kam Dr. Reichenbach zu ihr und sagte, sie müsse noch kurz ein Formular unterschreiben. Sie dachte, auf dem Bogen ginge es um etwas Medizinisches. Dennoch hat sie das DIN-A4-Blatt nicht unterzeichnet, weil sie nicht lesen konnte, was dort geschrieben stand.“ Der Augenarzt soll gesagt haben: „Unterschreiben Sie einfach. Den Rest fülle ich schon aus.“ Die Seniorin ließ sich nicht beirren. Sie steckte das Papier ein und schaute es sich später daheim an. „Als sie wieder lesen konnte, war meine Schwiegermutter verstört, denn sie hielt ein Formblatt für eine Unterstützungsunterschrift der AfD Niedersachsen, also einen Landeswahlvorschlag, in den Händen.“

Heidemarie H. ist überzeugt davon, dass der Arzt die Arg- und Hilflosigkeit ihrer Schwiegermutter für seine politischen Zwecke ausnutzen wollte. Beweisen kann sie das nicht. Möglich wäre immerhin, dass Dr. Reichenbach in die falsche Ablage gegriffen hat. Wer weiß? Bis zur endgültigen Klärung gilt die Unschuldsvermutung.

Aus der Geschäftsstelle der Landeswahlleiterin ist zu hören, dass man „die Sache ernst nimmt“. Die AfD sei bereits informiert worden, denn sie müsse die Chance haben, die Vorwürfe parteiintern zu klären. Die Landeswahlleitung sei „bestrebt, Aufklärung zu betreiben“. Über das weitere Vorgehen werde zeitnah beraten, hieß es.

Die Polizei in Bad Pyrmont hat den Sachverhalt, so wie er von Heidemarie H. geschildert wurde, protokolliert. Der Leiter des Kriminal- und Ermittlungsdienstes, Kriminalhauptkommissar Andreas Zoch, hat den Vorgang bereits „zur rechtlichen Würdigung“ an das Staatsschutz-Kommissariat in Hameln geschickt und die Kollegen gebeten, die Sache zu prüfen und die Bearbeitung des Falls zu übernehmen.

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