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2007 fegte Orkan „Kyrill“ über das Weserbergland, entwurzelte Millionen Bäume – und veränderte unsere Wälder

Alles auf Anfang

Weserbergland. An den 19. Januar 2007 erinnert sich Förster Christian Weigel noch genau: In der Nacht zuvor war Orkan „Kyrill“ mit mehr als 200 Kilometern pro Stunde über Westeuropa hinweggefegt und hatte allein zwischen Rinteln im Norden und Polle im Süden fast 200 000 Festmeter Holz umgelegt. Heute, acht Jahre nach der Katastrophe, ist der Wald stärker, stabiler – und für die Zukunft gerüstet.

veröffentlicht am 12.05.2015 um 16:16 Uhr
aktualisiert am 28.10.2016 um 00:21 Uhr

Mit Böen von bis zu 202 Kilometern pro Stunde fegte Orkan „Kyrill“ in der Nacht vom 18. auf den 19. Januar 2007 über das Weserbergland hinweg – und hinterließ ein Trümmerfeld. dpa
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Jetzt fahren wir zur schönen Else“, sagt Christian Weigel fröhlich, fast singend, während er am Steuer seines grünen Kombis sitzt. Weigel leitet das Forstamt Oldendorf, 8200 Hektar Landes- und 11 000 Hektar Genossenschaftswald betreut er, ein Waldgebiet, das sich von Rinteln im Norden bis Polle im Süden erstreckt. 19 000 Hektar, knapp 27 000 Fußballfelder – dem Volvo sieht man die Touren an, die sein Fahrer mit ihm unternimmt, die Kilometer über Waldboden, durch Matsch und über Stock und Stein.
 Die schöne Else, die Weigel so zum Strahlen bringt, ist nicht etwa eine Frau – sie ist ein Baum: Auf einer Fläche, halb so groß wie ein Fußballfeld, die Orkan „Kyrill“ vor acht Jahren dem Erdboden gleichgemacht hat, haben der Forstamtsleiter und seine Mitarbeiter rund 6000 Elsbeeren gepflanzt, eine seltene Laubbaumart.
 In der Nacht vom 18. auf den 19. Januar 2007 hatte „Kyrill“ in weiten Teilen Europas ein Trümmerfeld hinterlassen: Mit Böen von bis zu 202 Kilometern pro Stunde zerlegte der Orkan mehr als 50 Millionen Bäume, deckte Dächer ab, knickte Strommasten um wie Streichhölzer. Im Landeswald des Forstamtes Oldendorf fällten Windhosen mehr als 80 000 Festmeter Holz, in den Genossenschaftswäldern weitere 100 000 Festmeter – ein Ausmaß, das erst fassbar wird, wenn man die übliche jährliche Ernte dagegenhält: „Rechnet man die Privatwälder hinzu, lag hier nach dem Sturm die Einschlagmenge von zwei Jahren im Wald“, erinnert sich Weigel. Etwa 90 Prozent des Sturmschadens gingen auf Kosten der Fichte: „Auf den Waldwegen lagen dicke Fichtenstämme, kreuz und quer wie Mikado-Stäbchen.“ Der Nadelbaum braucht viel Wasser, in heißen und regenarmen Sommern trocknet er aus, wird brüchig. Da in den meisten deutschen Wäldern jahrzehntelang mit Vorliebe Reinkulturen angelegt wurden, waren die Sturmschäden auf jenen Flächen, auf denen ausschließlich Fichte wuchs, verheerend.
 Als das Chaos, das der Sturm hinterlassen hatte, ein Jahr später aufgeräumt war, entschied man sich im Forstamt Oldendorf, die Katastrophe als Chance zu sehen, dem Klimawandel zu begegnen – für einen stabileren, stärkeren Wald. Durch „Kyrill“ änderte sich der Baumbestand in den 13 Revierförstereien des Forstamtes Oldendorf grundlegend: Nicht eine einzige Fichte pflanzte Weigel neu, heute dominiert die Buche mit 62 Prozent den Wald, die Fichte macht nur noch zwölf Prozent aus. Viele Windwurfflächen überließ man erst einmal dem Lauf der Dinge: „Alle wollten zu dieser Zeit Pflanzen kaufen“, der Saatgut- und Jungpflanzen-Markt war völlig erschöpft, sagt Weigel.
 Natürlich nicht überall: Eine sechs Hektar große Fläche in der Nähe der Paschenburg wurde mit Buche und Bergahorn aufgeforstet, „eine Mischung, von der man annehmen darf, dass sie robust ist“, sagt der Förster. Der Bergahorn ist heute bereits acht Meter hoch. Ein Stück weiter wurde vor drei Jahren eine Lärchen-Kultur angelegt, einen halben Hektar ist die Fläche groß, im Hintergrund sieht man den Bückeberg und die A 2. „In 30 Jahren sieht man davon nichts mehr“, rechnet Weigel vor. 120 bis 140 Jahre werden diese Bäume brauchen, bis sie ausgewachsen sind – dann wird ein Nachfolger Weigels auf seine Arbeit blicken und beurteilen müssen, ob sie gut war. Forstwirtschaft habe immer auch etwas mit Optimismus zu tun, sagt der Förster: „Wir können antizipieren, wie sich das Klima ändert, aber wir wissen nicht, wie künftige Generationen den Wald nutzen. Vielleicht wird es in der Zukunft möglich sein, Medikamente, Kunststoffe aus Holz herzustellen. Vor 150 Jahren wäre schließlich auch niemand auf die Idee gekommen, den Wald als Erholungsgebiet zu nutzen.“
 Und hier kommt sie wieder ins Spiel, die schöne Else: „Das hier ist meine große Chance zur Selbstverwirklichung“, sagt Weigel. „Weigels Spezial“, so nennt der Förster die Mischung aus Elsbeeren und Eiben, die hier wächst, „ist mir nachts mal eingefallen.“ Die Eiben, sagt Weigel, sollen die Elsbeeren beschatten, damit diese sich geschützt und stabil entwickeln können. „Ich weiß aber überhaupt nicht, ob das klappt.“ Im letzten Jahr seien die Jungbäume gewachsen wie verrückt. „Wenn das so weitergeht, dann hat die Elsbeere das Potenzial für sehr wertvolles Holz, mehrere Tausend Euro pro Festmeter“, sagt Weigel. Dann könnten sich diese 0,4 Hektar als wahre Goldgrube erweisen. „Leider lebe ich nicht lange genug, um das zu erleben.“

Von: Wiebke Westphal

Auf einer relativ kleinen Fläche, die „Kyrill“ dem Erdboden gleichgemacht hatte, wurden im Forstamt Oldendorf 6000 Elsbeeren gepflanzt – um dem Klimawandel zu begegnen und den Wald vielfältiger zu machen.  Foto: ww
  • Auf einer relativ kleinen Fläche, die „Kyrill“ dem Erdboden gleichgemacht hatte, wurden im Forstamt Oldendorf 6000 Elsbeeren gepflanzt – um dem Klimawandel zu begegnen und den Wald vielfältiger zu machen. Foto: ww
Förster Christian Weigel vor dem neu bepflanzten Elsbeeren-Feld. Foto: ww
  • Förster Christian Weigel vor dem neu bepflanzten Elsbeeren-Feld. Foto: ww


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