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Nachteinsatz: Mehr als 300 Freiwillige aus 37 Orten kämpfen bis zum Umfallen gegen die Flut

Alarm an der Emmer – Deich droht zu brechen

Emmern/Fischbeck. Die Füße sind kalt, die Gesichter rot, die Rücken schmerzen, doch die Stimmung ist gut – erschöpft kehren die Freiwilligen am frühen Montagmorgen zurück. „Jetzt erst mal eine heiße Dusche und dann ins Bett“, sagt eine Feuerwehrfrau. Ihre Haare sind nass geschwitzt, Wasserdampf steigt von ihrem Kopf auf. Es ist kalt, der Boden gefroren. Eiskristalle glitzern im Licht der Scheinwerfer. Gemeinsam mit 314 anderen Frauen und Männern hat die junge Helferin bis zum Umfallen gekämpft gegen die Emmer-Flut. „Wir haben den Deich gehalten“, sagt Emmerthals Gemeindebrandmeister Willi Pflughaupt.

veröffentlicht am 10.01.2011 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 06:41 Uhr

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Autor:

Ulrich Behmann
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Aufgeweicht ist der Damm. An acht Stellen sickert Wasser durch. Der Druck, der auf ihm lastet, ist groß. Sehr groß. Rinnsale haben sich gebildet. Sie laufen über einen Acker, werden zu kleinen Bächen. Bereits am Sonntagnachmittag hatten Feuerwehrleute aus Emmern und Kirchohsen die Deichkrone erhöht. „Der Pegel fällt zwar, aber das Wasser der Emmer staut sich zurück, weil die Weser immer noch steigt“, erklärt Pflughaupt.

Am Sonntagabend fordert er THW-Fachberater Tobias Tasler aus Hameln an. Der Gemeindebrandmeister weiß: Das Technische Hilfswerk hat Spezialisten – auch für die Deichverteidigung. Michael Wiedemann aus Springe ist so ein Mann. Er untersucht den Damm – und entscheidet: „Hier muss schnell etwas geschehen.“ Um den Deich sei es „miserabel bestellt“, sagt der Fachmann. „Der Deichfuß wurde weggepflügt, Zaunpfähle stecken im Schutzwall, und der Maulwurf hat auch schon größere Schäden angerichtet.“

Um 22.03 Uhr fordert Pflughaupt die Kreisbereitschaft „Ost“ an. Das ist eine von zwei Großeinheiten der Kreisfeuerwehr, die für gewöhnlich in Katastrophenfällen hilft. Meist in der Ferne, um dort örtliche Kräfte abzulösen. Heute müssen die Ehrenamtlichen in der Heimat ran. „Schaufeln mitbringen!“, steht auf ihren Funkpiepern. 130 Helfer aus 18 Orten setzen sich kurz darauf in Bewegung. Sie sammeln sich auf dem Gelände des Bauhofes an der Industriestraße.

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Säcke abladen – das geht in die Arme und auf den Rücken.

THW-Helfer aus Hameln verlegen lange Kabel auf dem Deich und stellen künstliche Monde auf – das sind Spezialscheinwerfer, die für blendfreies Licht sorgen. Aggregate laufen, es riecht nach Dieselabgasen. Lastzüge der Stadt Hameln und der Firma Wessel aus Marienau bringen 120 Tonnen Sand, kippen ihn ab. Ein Zug der Feuerwehrbereitschaft beginnt damit, Sandsäcke, die Helfer des ABC-Zuges und der Feuerwehr Hameln gebracht haben, zu füllen.

Das THW aus Springe hat nicht nur seinen Fachberater für Deichverteidigung, sondern auch zwei Lastwagen und Ehrenamtliche nach Emmern geschickt. Alles läuft reibungslos. Gesprochen wird nicht viel, dafür schwer geschuftet.

Arbeitsteilung: Feuerwehrleute wuchten die kiloschweren Sandsäcke auf Holzpaletten, THW-Helfer verladen sie mit Frontladern und bringen sie zum maroden Deich. 15 Sanis der DRK-Bereitschaft Marienau verpflegen die Kräfte.

Um 1.39 Uhr sind die Deichschützer erschöpft, sie müssen abgelöst werden. Die Kreisfeuerwehrbereitschaft „West“ (17 Ortswehren) rückt mit 140 Helfern an. Vier Konvois nähern sich mit Blaulicht dem Einsatzort.

„Ist ja schön, dass wir mal wieder einen echten Einsatz haben. Nicht nur ’ne Ölspur. Aber meine Füße tun vielleicht weh“, sagt ein Feuerwehrmann.

THW-Helfer kippen Diesel nach, damit die Stromaggregate weiterlaufen. Michael Wiedemann, der Spezialist für Deichverteidigung, beobachtet konzentriert die Arbeiten der Feuerwehrleute und gibt wertvolle Tipps. „Dort, wo Sickerstellen sind, bauen wir sogenannte Quellkaden“, sagt er – und erklärt, was das ist: „Wir errichten immer dort, wo Wasser durchsickert, eine Art Sandsackturm, der genau so hoch ist wie der Deich. Darin sammelt sich das austretende Wasser und erzeugt auf der Binnenseite einen Gegendruck. Der Durchfluss stagniert, Sedimentausspülungen werden verhindert.“

Um 6.38 Uhr verlassen die letzten Helfer den Deich. Sie sind müde, kaputt, aber glücklich, weil sie eine Katastrophe verhindert haben. „Hätte es an dieser Stelle einen Dammbruch gegeben“, sagt Bürgermeister Andreas Grossmann, „wären die Wassermassen bis nach Emmern geströmt.“

Auch in Fischbeck ist die Gefahr gebannt. Am Sonntag hat sie für Unruhe und Nervosität gesorgt. „Zeigt der offizielle Pegel an der Talsperre 6,20 Meter an, sind Evakuierungsmaßnahmen vorzubereiten“, sagt Hartmut Büttner von der Stadt Hessisch Oldendorf. Ab 7,70 Meter würden Bewohner in Sicherheit gebracht. „An der Talsperre gibt es zwei Anzeigen – eine meldete etwas mehr als 6 Meter, die andere 6,16 Meter“, sagt Büttner. Eine städtische Delegation mit Bürgermeister Harald Krüger an der Spitze habe sich bereits mit Ortsbürger- und Ortsbrandmeister getroffen, sagt Büttner. „Gott sei Dank ist das Wasser dann gefallen.“

Einen Videobericht sehen Sie auf www.dewezet.de



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