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Forschungsinstitut zeichnet Talfahrt der letzten 15 Jahre nach – und prognostiziert zunehmenden Fachkräftemangel

Abgehängt: Weserbergland fällt wirtschaftlich zurück

Weserbergland. Ein Satz, den niemand zweimal lesen möchte: „Die Region Weserbergland gehört zu den entwicklungsschwächsten Räumen Westdeutschlands.“ So und nicht anders schreibt es Professor Hans-Ulrich Jung vom Niedersächsischen Institut für Wirtschaftsforschung (NIW) den Landkreisen der Weserregion ins Stammbuch. Nicht weniger brisant ist die Schlussfolgerung, die Jung daraus zieht: Der zögerliche Strukturwandel lasse überdurchschnittliche Nachholbedürfnisse bei der Qualifikation von Arbeitskräften erwarten. Im Klartext: Der Fachkräftemangel könnte die in Rückstand geratene Region in Zukunft besonders empfindlich treffen.

veröffentlicht am 13.09.2012 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 03:21 Uhr

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Autor:

Frank Werner
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Bereits im Mai 2010 hat das NIW die Studie zum Fachkräftebedarf erstellt. Auftraggeber war die Weserbergland AG als operativer Arm der „Regionalen Entwicklungskooperation“ (REK) der Landkreise Nienburg, Schaumburg, Hameln-Pyrmont und Holzminden. Die vier Weser-Anrainer waren gerade dabei, ein Konzept zur Förderung des Fachkräfteangebots zu entwickeln, das empirischer Grundlagen bedurfte. Herausgekommen ist eine Bestandsaufnahme der Wirtschafts- und Beschäftigungsentwicklung der vergangenen 20 Jahre und ein Ausblick auf die kommenden 15 Jahre. Mit zum Teil so besorgniserregenden Ergebnissen, dass sie lieber nur im internen Kreis bekannt gemacht wurden. Die Studie passte nicht in die Landschaft, die sich gerade anschickte, als aufstrebender, märchenhafter Wirtschaftsraum vermarktet zu werden.

Quintessenz der gutachterlichen Rückschau: Bis 1995 lag die Weser-Region im Vergleich zum niedersächsischen und westdeutschen Trend noch gut im Rennen, ab 1995 aber ist sie ins Hintertreffen geraten.

Jung spricht von einer „anhaltenden Entwicklungsschwäche“, sichtbar an den Beschäftigtenzahlen: Während die Beschäftigung von 1989 bis 2009 in Westdeutschland um sechs und in Niedersachsen um zehn Prozent gestiegen ist, betrug der Zuwachs in Nienburg nur drei Prozent; Schaumburg verzeichnete ein Minus von drei Prozent, Hameln-Pyrmont ein Minus von fünf Prozent und Holzminden sogar ein Minus von zwölf Prozent (siehe Grafik). Die Region schrumpfte, während der Rest der alten Republik wuchs.

Ein Grund dafür ist die vergleichsweise starke Ausrichtung auf das produzierende Gewerbe mit traditionellen Branchen und die geringe Ausprägung des Dienstleistungssektors (mit Ausnahme Hameln-Pyrmonts). Im generell schrumpfenden produzierenden Sektor hat die Region überdurchschnittlich stark an Beschäftigung verloren, bei den tendenziell wachsenden Dienstleistungen hat sie unterschnittlich hinzugewonnen oder stagniert sogar. Im Saldo schafft der Strukturwandel so keinen Stellenzuwachs, sondern vernichtet Jobs. Doch der Strukturwandel von der industriellen zur post-industriellen Wirtschaft stottert noch an anderer Stelle. Nicht nur beim Übergang von manuellen zu geistigen, sondern auch von einfachen zu qualifizierten Tätigkeiten hinkt das Weserbergland hinterher.

Und Qualifizierungsdefizite von gestern, daran lässt das NIW kaum Zweifel, wachsen sich zu einem Fachkräftemangel von morgen aus. Schon 2009 gab es laut Studie vor allem bei Ärzten, aber auch bei Bank- und Versicherungskaufleuten sowie Ingenieuren regionale Engpässe bei der Besetzung offener Stellen. Vor allem junge Ingenieure seien rar gesät. „Um zu verhindern, dass ein Ingenieurmangel die Entwicklung der Unternehmen bremst, muss sich die Region in diesem Wettbewerb gut positionieren“, warnt das NIW.

Hinzu kommt die demografische Entwicklung. Das Weserbergland zählt in Westdeutschland schon jetzt zu den Regionen mit dem höchsten Anteil von älteren Beschäftigten, was in Zukunft vor allem in Wachstumsbranchen gesteigerten Ersatzbedarf auslösen wird. Und das bei einem insgesamt schrumpfenden Angebot an Arbeitskräften. Negative Wanderungsbilanzen sowie überdurchschnittliche Bevölkerungsverluste (von Nienburg mit kalkulierten 8,9 Prozent Schwund bis Holzminden mit 20,6 Prozent) sorgen dafür, dass sich das Arbeitskräftepotenzial laut NIW-Prognose im Weserbergland bis 2025 um 13,9 Prozent verringert, während es in Niedersachsen „nur“ um 8,2 Prozent zurückgeht. Nach Auffassung des Instituts ist es folgerichtig, aus all diesen Symptomen auf einen „zunehmenden Fachkräftemangel“ in der Region zu schließen.

So mündet die Analyse am Ende in einen mahnenden Appell: „Der Wettbewerb um qualifizierte Fachkräfte wird sich zunehmend verschärfen. Das Weserbergland muss dafür Sorge tragen, alle verfügbaren Qualifikationspotenziale zu mobilisieren und gegenüber anderen Regionen als Arbeits- und Lebensstandort attraktiv zu sein, um Fachkräfte anzuziehen und in der Region zu binden.“



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