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Initiative unterstützt Familien

Wenn Feen Licht ins Dunkel zaubern

RISCHENAU. Sternenzauber und Frühchenwunder – Glück und Leid kann unter Umständen so nah zusammen liegen. In Rischenau kümmert sich eine ehrenamtliche Initiative um betroffene Familien.

veröffentlicht am 18.04.2017 um 13:06 Uhr
aktualisiert am 18.04.2017 um 21:00 Uhr

Ein Set für ein Sternenkind, das sich nach wenigen Schwangerschaftswochen auf die Reise zu den Sternen begeben hat. Foto. sbr
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Autor

Sabine Brakhan Reporterin
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RISCHENAU. Sternenzauber und Frühchenwunder – Glück und Leid können unter Umständen sehr nah beieinanderliegen. Was Menschen in freudiger Erwartung meist ausblenden: Nur 67 Prozent der Schwangerschaften enden mit der Geburt eines voll entwickelten Kindes. Jedes Jahr sterben schätzungsweise 30 000 Kinder, noch bevor oder kurz nachdem sie das Licht der Welt erblicken, geht aus der Broschüre der ehrenamtlichen Initiative „Sternenzauber & Frühchenwunder“ (Hilfe für die Kleinsten und ihre Familien) hervor.

Wenn eine Schwangerschaft nicht 40 Wochen dauert, sondern das kleine Wunder Mensch sich viel zu früh auf die Reise ins Leben begibt, dann beginnt die Arbeit der Initiative. „Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, jedem kleinen Menschlein – Sternenkind oder Frühchen – kostenlos passende Kleidung zur Verfügung zu stellen“, erklärt Nadine Boger aus Rischenau. Sie ist Mitglied der gleichnamigen Facebook-Gruppe. Die Gruppe „Sternenzauber und Frühchenwunder“ hat sich erst Ende letzten Jahres neu aufgestellt. Grund dafür waren nicht vereinbare Ideale wie Transparenz oder eine Vereinsgründung mit der Vorgängergruppe, wie Nadine Boger erklärt.

Mittlerweile ist der Kreis der aktiven Mitglieder auf 883 gewachsen. Die fleißigen „Feen“, wie sich die Social-Media-Gruppenmitglieder selber nennen, nähen nicht nur Frühchenbekleidung in den Baby-Größen 36 bis 44, sondern bringen auch mit bunten Inkubator-Decken Farbe in den sterilen Klinikalltag der kleinen Winzlinge. Auch für „Sternchen“ stellt die Gruppe Bekleidung in Größe 32, Einschlagdeckchen und Mützchen sowie kleine gehäkelte Körbchen her. „Die kleinsten Einschlagdecken messen zehn mal zehn Zentimeter“, berichtet Nadine Boger. Zum „Sternen-Set“ gehören neben der Einschlagdecke ein winziges Mützchen und ein gehäkeltes Körbchen, in das das „Sternenkind“ auf seiner letzten Reise gebettet werden kann. Darüber hinaus enthält das Set Erinnerungsstücke, von denen eines das Kind begleitet und das zweite und dritte bei den Eltern als greifbare Erinnerung verbleibt. Für Taufen oder Segnungen werden aus gereinigten Brautkleidern Taufaufleger gefertigt. Die Ehrenamtlichen stehen in engem Kontakt mit Krankenhäusern und Hebammen, aber auch mit Bestattern. Trotz der nicht unerheblichen Zahl von Sternenkindern sind Fehl- beziehungsweise Totgeburten nach wie vor ein Tabuthema, dass eher selten zur Sprache kommt – auch das möchte „Sternenzauber & Frühchenwunder“ ändern. So mussten Betroffene Eltern in Deutschland lange dafür kämpfen, dass tot zur Welt gekommene Kinder mit einem Geburtsgewicht von weniger als 500 Gramm seit Mai 2013 als Menschen gelten, beim Standesamt mit einem offiziellen Vornamen und Geburtsdatum erfasst und auf Elternwunsch auch beerdigt werden können.

Alexandra Müller, Kerstin Goebbelet, Sara Moritz und Nadine Boger mit Amalia (v. li.) möchten mit ihrem ehrenamtlichen Engagement für Sternenzauber und Frühchenwunder ein wenig Licht in das Dunkel anderer Familien bringen. Foto: sbr
  • Alexandra Müller, Kerstin Goebbelet, Sara Moritz und Nadine Boger mit Amalia (v. li.) möchten mit ihrem ehrenamtlichen Engagement für Sternenzauber und Frühchenwunder ein wenig Licht in das Dunkel anderer Familien bringen. Foto: sbr
Mittlerweile ist aus Nadine Bogers Gästezimmer ein Stofflager für die Kreativideen von „Sternenzauber & Frühchenwunder“ geworden. Foto: sbr
  • Mittlerweile ist aus Nadine Bogers Gästezimmer ein Stofflager für die Kreativideen von „Sternenzauber & Frühchenwunder“ geworden. Foto: sbr

Für Nadine Bogers drittgeborenes Kind kam diese Entscheidung zu spät. Das Schicksal, keine greifbare Erinnerung an das viel zu früh geborene Kind zu haben, teilt die Mutter aus Rischenau mit unzähligen anderen Eltern. „Ich weiß nicht einmal, ob mein Kind vielleicht sogar einfach mit dem Klinikmüll entsorgt wurde“, sagt die 34-Jährige, und Tränen steigen ihr in die Augen. Aber die inzwischen vierfache Mutter aus dem Lügder Ortsteil durfte auch erfahren, wie viel Kraft ein ganz kleiner, viel zu früh geborener Mensch entwickeln kann, um zu überleben.

Am 4. April 2016 wurde Tochter Amalia mit nur 850 Gramm Geburtsgewicht und einer Größe von lediglich 35 Zentimetern mit einem Notkaiserschnitt auf die Welt geholt. Selbst nach Wochen, als die kleine Frühstarterin aus dem Gröbsten heraus und den Eltern die Last der anfänglichen Sorgen zumindest in Teilen genommen war, gab es noch keine passende Babykleidung für das kleine Mädchen. „Der Einzelhandel bietet Bekleidung für Babys meist erst ab Größe 50 an“, musste Nadine Boger erfahren. Wie gut, dass sie bereits während ihrer Schwangerschaft im Internet auf die Initiative „Sternenzauber & Frühchenwunder“ aufmerksam geworden war. „Die Gruppe hat mich aufgefangen, sonst wäre ich wohl beim Psychiater gelandet“, sagt Nadine Boger rückblickend. Denn nicht nur funktionell gestaltete und sorgfältig genähte Bodys sowie Pullover, Hosen und Mützen aus Jerseystoffen gab’s als Erstlingsausstattung von der Ehrenamtsinitiative.

Die überwiegend weiblichen Gruppenmitglieder haben auch stets ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte von Sternen- und Frühchenmüttern.

Mittlerweile passt Amalia in Babykleidergröße 68 von der Stange und beobachtet aus ihrem Kinderstühlchen heraus neugierig das bunte Treiben am Küchentisch. Dort haben sich Alexandra Müller (43) aus Hummersen, Kerstin Goebbelet (30) aus Sabbenhausen und die Bielefelderin Sara Moritz (25) eingefunden. Alle vier Frauen verbindet das Engagement für „Sternenzauber & Frühchenwunder“ und ein ähnliches Schicksal. Sie alle haben selbst oder in der Familie Sternenkinder betrauert und möchten nun mit ihrem ehrenamtlichen Engagement ein wenig Licht is Dunkel anderer Familien bringen, wie sie sagen. Arbeitsteilung ist die Devise der Gruppe. Während einige „Feen“ Materialspenden einwerben und Kontakte knüpfen, schneiden andere zu. Wieder andere nähen, stricken, häkeln oder basteln, und noch andere sind mit der Lagerlogistik oder der Social-Media-Präsenz betraut. Am Ende werden alle Einzelteile zu liebevoll zusammengestellten Sets zusammengefügt und nach Bedarf von den Ansprechpartnerinnen vor Ort in den Krankenhäusern weitergegeben. Regelmäßig deutschlandweit stattfindende Kreativtreffen dienen den „Feen“ zum Austausch. Ansonsten wird der Postweg gewählt – der Einsatz des Zauberstabs will noch nicht so recht klappen.

„Seit Mitte Dezember habe ich bereits 300 Pakete und Briefumschläge mit bei mir eingegangenen Materialien versandt“, berichtet Nadine Boger, die ihr Gästezimmer mittlerweile in ein Stofflager und Handarbeitszimmer umgewandelt hat, während Alexandra Müller aus ihrem Laden „Stoffträume“ in der Bad Pyrmonter Wandelhalle gespendeten Stoff-Nachschub für weitere Frühchen- und Sternen-Sets auf dem Küchentisch ausbreitet. Der wird dann später bei den anderen Frauen zu Hause nach speziellen Schnittmustern zugeschnitten und genäht. Eigentlich sind es die Feen, die in der Regel Wünsche erfüllen.

Nadine Boger hat aber auch einen Herzenswunsch: Damit die Feen von „Sternenzauber & Frühchenwunder“ mit ihrer Arbeit weitermachen können, benötigen sie Unterstützung, schließlich lautet ihr Motto: Gemeinsam Gutes tun.

Die öffentliche Seite der Ehrenamtlichen-Gruppe bei Facebook hält viele Informationen für Interessierte und Unterstützer bereit.

Die Gruppe hat mich aufgefangen, sonst wäre ich beim Psychiater gelandet.

Nadine Boger, Vierfache Mutter
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