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Die meisten Anlieger sind Rentner

Rischenau: Straßenbau ohne Rücksicht auf Betroffene?

RISCHENAU. „Wir sind hier wunschlos glücklich“, sagt Heinz Deppenmeier. Damit meint der 85-Jährige das Leben am Teichweg in Rischenau. „Es gibt keine Schlaglöcher, und genug Lampen haben wir auch. Alles in Ordnung.“ Wäre da nicht der Plan der Stadt: Sie will die Straße ausbauen. Maßgeblich auf Kosten der Anlieger.

veröffentlicht am 05.09.2017 um 22:57 Uhr

„Den Regenwasserkanal hier haben wir auf eigene Kosten verlegt“ – Willi Eggert (69, li.) und Bernd Kretschmann (75) vor ihren Häusern am Teichweg in Rischenau. Ein Stück Asphalt, das für die Verlegung von Eggerts Gasanschluss entfernt wurde, will die
Juliane Lehmann

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Juliane Lehmann Reporterin zur Autorenseite
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Für die täglich etwa 15 hier entlangfahrenden Autos, ein paar Radfahrer und Fußgänger mit Hund reicht der vor Jahrzehnten zur Straße umgewidmete Wirtschaftsweg locker. „Das größte Auto ist hier die Müllabfuhr“, sagt Willi Eggert (69).

Doch jetzt sind er und die anderen Anwohner richtig sauer. Denn die Stadt will an ihren Weg ran: „Fahrbahn, Entwässerung und Beleuchtung sind bisher nur als Provisorien vorhanden“, erklärte Bauamtsleiter Gregor Günnewich am Montagabend im Bauausschuss. Der Endausbau und die Verbreiterung des Weges auf minimal 4,5 Meter plus ein Stück Schotterrasen daneben sollen mindestens 150 000 Euro kosten. 90 Prozent davon will die Stadt sich von den wenigen Anliegern der bis auf ein Wohnhaus und das Schützenhaus einseitig bebauten Straße holen. Günnewich rechnet mit durchschnittlich 15 000 Euro pro Grundstück, je nach Größte. „Das ist der übliche Rahmen.“

Dass kein Anwohner den Ausbau will, weiß er wohl. Das haben sie ihm bei einem Ortstermin vor einer Woche deutlich gesagt. Aber das kümmert die Stadt nicht. Sie müsse ein funktionsfähiges Straßennetz erstellen, sagt der Verwaltungsmann. Der Gedanke dahinter: Die Straßen zählen zum städtischen Vermögen. Je besser ihr Zustand, desto besser für die Stadt. Und, umso besser, wenn 90 Prozent der Kosten andere tragen. Auch wenn die die Situation überhaupt nicht verbesserungsbedürftig finden.

„Da muss man die Bürger doch mitnehmen.“ Friedrich Brand (li., 82) und Heinz Deppenmeier (85) nach der Sitzung im Rathaus. Foto: jl
  • „Da muss man die Bürger doch mitnehmen.“ Friedrich Brand (li., 82) und Heinz Deppenmeier (85) nach der Sitzung im Rathaus. Foto: jl

„Fünf Leute, die hier leben, sind Rentner. In einem vermieteten Haus wohnen zwei Rentnerinnen“, sagt Friedrich Brand (82), dem ein Haus am Teichweg gehört. „Nur in einem Haus wohnt ein Berufstätiger mit Familie.“

Woher sie das Geld für den ungewollten Ausbau nehmen sollen, wissen die Rentner nicht, wie sie sagen. „Herr Günnewich hat uns beim Ortstermin gesagt, wir hätten genug Zeit gehabt, um Geld für den Ausbau zu sparen“, sagt Willi Eggert. „Welche Bank gibt uns denn noch einen Kredit?“, fragt Heinz Deppenmeier. Wer noch ein paar Ersparnisse habe, wolle sie auch nicht in der Straße versenken. Vor 85 Jahren ist er in dem Haus geboren, in dem er heute noch lebt – „und jetzt kommen sie plötzlich mit einem Erstausbau der Straße“, sagt Willi Eggert kopfschüttelnd. Dem ehemaligen Bankangestellten fällt ein Spruch seines Lehrherrn ein: „Geh mit Deinem eigenen Geld vorsichtig um – und mit dem Geld anderer Leute noch vorsichtiger...“ Abgesehen davon: Den Regenwasserkanal haben er und die anderen Anlieger in Eigenregie verlegt, erzählt er. Und die städtischen Flächen vor ihren Grundstücken pflegen sie auch.

Was die Stadt plant, haben die Anlieger zufällig erfahren, als kürzlich ein Vermessungsingenieur am Teichweg zugange war. Der habe auf Nachfrage erklärt, dass bald ausgebaut werde. So fühlten sich die Betroffenen vor vollendete Tatsachen gestellt, wie Deppenmeier sagt. Der 85-Jährige findet: „Da muss man die Bürger doch mitnehmen.“

Der einzige Politiker, der sich am Montag auf die Seite der Anlieger stellte, war Rüdiger Bode (SPD). Er fand: „Es hat ein Geschmäckle, wenn der Ausbau gegen den Willen der Anlieger realisiert wird.“ Für den Ausschussvorsitzenden Thomas Blum (CDU) kein Argument: „Wir haben in den letzten Jahren alle Maßnahmen gegen die Bedenken der Anlieger durchgesetzt“, erinnerte er. Zudem rüffelte er den 82 Jahre alten Friedrich Brand für dessen E-Mail an die Stadt. Das Schreiben nannte er „ein bisschen unterirdisch“. Es sei „nicht der Stil, in dem man hier kommuniziert“. Als Brand, der offenbar 25 000 Euro für den Ausbau zahlen soll, um das Verlesen seiner E-Mail bitten wollte, verwies Blum auf die Geschäftsordnung. Sie gestattet Bürgern keine Wortbeiträge in der Sitzung.

Rischenaus Ortsbürgermeister Dieter Diekmeier (SPD) fragte zwar nach, ob der Weg nicht schmaler (und damit günstiger) werden könne. Doch das verhindern laut Gregor Günnewich „technische Ausbauvorschriften“. Die Bau-Notwendigkeit bezweifelte Diekmeier nicht. Das Lügder Straßenbauprogramm, dem er und die anderen Politiker zugestimmt haben, stellt die Verwaltung jedes Jahr vor. Meistens im Schnelldurchlauf in einer sehr klein geschriebenen Excel-Tabelle.

Beschlossen wurde der Ausbau noch nicht. Auf Vorschlag von Thomas Blum soll es in der nächsten Bauausschusssitzung einen Ortstermin geben.

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