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Großartige Kleinkunst: die feisten

Ovationen für herrlichen Hintersinn im Klostersaal

LÜGDE. Der Klostersaal tobt, dabei ist noch gar nichts passiert. Also komplett gar nichts. Das Duo „die feisten“ ist gerade erst auf dem Weg zur Bühne.Was dann kommt, werden die Zuschauer nicht so schnell vergessen.

veröffentlicht am 12.11.2017 um 20:01 Uhr

C. (li., Matthias Zeh) und Rainer (Rainer Schacht) alias „die feisten“ erweisen sich im Lügder Klostersaal sowohl musikalisch als auch textlich als absolute Hochkaräter. Foto: yt
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Autor

Carlhermann Schmitt Reporter
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Carsten Hormes vom Kulturbüro OWL kündigt die Künstler an, als wären nur die glühendsten Verehrer aus der gesamten deutschsprachigen Fangemeinde auserkoren, diesem Auftritt im Lügder Klostersaal beizuwohnen. Für derart viele Vorschusslorbeeren müssten eigentlich ganze Haine gerodet werden.

Immerhin weist Hormes in seiner Begrüßung darauf hin, dass das Duo den Mainzer Kleinkunstpreis 2017 gewonnen hat. In der Sparte Chanson/Lied/Musik, also genau in der, in der Hormes selbst gemeinsam mit Matthias Brodowy und Wolfgang Stute vor vier Jahren erfolgreich war.

Dass Mathias Zeh und Rainer Schacht durchaus würdige Nachfolger sind, stellen sie mit ihren musikalisch hochkarätigen Liedern und völlig absurden Texten geradezu glanzvoll unter Beweis. Wobei – eigentlich sind es gar nicht die Liedtexte, die absurd sind, selbst wenn sie auf Udo Jürgens‘ Hitmelodie statt „Griechischer Wein“ „Kriech nicht hinein“ singen. Es ist der Alltagswahnsinn, den sie mit ihren pointierten Texten brandmarken. Und das mit einer musikalischen Virtuosität, die auf sinnhafte Texte durchaus verzichten könnte. Wenn die beiden grooven, bedarf es nicht einmal eines Begleitinstruments, um den Besuchern den Blues zu vermitteln.

Da reicht Mathias‘ schmalzige Stimme und Rainers volltönende Bassuntermalung völlig, um die Gäste beinahe wie in Trance verharren zu lassen. Wenn die beiden dann noch zu Cajon oder einem der vielfältigen Saiteninstrumente von Bass bis zu Mandoline greifen, könnten sie glatt eine komplette Band an die Wand spielen.

Und dennoch – die absolute Krönung sind die Texte. Zunächst kommen ihre Lieder atmosphärisch schwofig daher, vielleicht mit einem Hauch Schwermut. Passend zur melancholischen Stimmung, wie wenn warmes Kerzenlicht den nebligen Novemberabend nur ein wenig erhellt. Doch, weit gefehlt! Aus der Perspektive eines Stephen King betrachtet, ist es im Handumdrehen vorbei mit der vermeintlichen Gemütlichkeit.

Der „Nussschüsselblues“ erinnert an ein im warmes Zwielicht getauchtes Pub. Nette Gespräche an runden, dunklen Tischen bei Pils oder Guinnness und eine Schale Nüsschen in der Mitte. Schöne Szenerie, um das Wochenende einzuläuten oder den Samstagabend angenehm zu verbringen. Bis „die feisten“ in ihrem Song nachhaken: Haben sich alle die Hände gewaschen, nachdem sie auf der Toilette waren und bevor sie in das Schüsselchen griffen? Was liegt sonst noch darinnen? Haare, Hornhaut? Irgendwelche Kokken?

Die harmonisch plätschernden Melodien sollen die Gäste nur einlullen, um sie dann mit ätzenden Texten aus ihrer Wohlfühlzone zu reißen. Es hat schon fast etwas Masochistisches, wie die Gäste die beiden Künstler genau dafür mit tosendem Applaus und letztlich Ovationen für diese Leistung feiern.

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