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Musical „Lilienthal“ im Kloster

Falkenhagen: Weg mit dem Schleier, Schwester!

FALKENHAGEN. Fulminant. Manchmal muss es ein Superlativ sein, wie in diesem Fall: Das Musical „Lilienthal“ ist förmlich eingeschlagen beim Publikum im Kloster Falkenhagen, das nach der Premiere am Samstag stehend lang anhaltenden Applaus spendete.

veröffentlicht am 16.10.2017 um 18:41 Uhr
aktualisiert am 16.10.2017 um 19:54 Uhr

Furioses Finale: Die Nonnen werfen ihre Schleier ab – wohl als Zeichen gegen die Gewaltmission, aber auch gegen die Verhüllung.Foto: yt
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Carlhermann Schmitt Reporter
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Es blieb mucksmäuschenstill im Kirchenschiff, während die Mitglieder des Gospelchors „Open my LIPs“ entweder im Chor sangen oder als Solistinnen wie Mona Stecker, Carolin Stecker und Ramona Wolf. Unterstützt wurden sie von den hochkarätigen Musikern Andre Enthöfer (Saxophon, Klarinette), Henning Fahß (Percussion), Anja Buick (Keyboard) und von Kantor Christoph Burkhardt (Keyboard), der mit sparsamen Einsatzzeichen souverän für einen reibungslosen Ablauf sorgte.

In dem von Burkhard geschaffenen Musical „Lilienthal“ geht es um ein Kloster, das im 13. Jahrhundert in Falkenhagen stand und dem Zisterzienserorden angehörte. Es war eine Zeit, in der zwar viele Frauenklöster gegründet wurden, die Frauen aber noch ganz als „das andere Geschlecht“ angesehen wurden. Den Männern waren sie suspekt. Die Szenen spielten in den dunklen und von Fackeln und Kerzenschein nur spärlich erhellten Gemäuern des Klosters, in denen die Äbtissin (Heike Kreienmeier) den vom Paderborner Erzbischof entsandten Legaten (Holger Nolte-Guenther) empfing, um mit ihm über die feinen Unterschiede zwischen liturgischer Notwendigkeit und lediglich kultureller Tradition zu diskutieren und in Folge zu entscheiden, ob Tanz verwerflich sei. Mit viel Amüsement nahmen die Gäste in der vollbesetzten Klosterkirche zur Kenntnis, dass der erzkatholische Würdenträger den Pragmatismus schätzte und weder in der Arznei, die ihm von dem im Kloster praktizierenden persischen Arzt übergeben wurde, Hexenwerk erkennen mochte (zumal sie ihm Linderung verschaffte), noch in dem von irischen Nonnen gepflegten Tanz eine satanische Ausdrucksform sah. Die konnten auch die Gäste nicht erkennen und spendeten Szenenapplaus.

Mit den „Nachtmusiken“ zeigte das Musical aber auch auf, dass das Kloster Lilienthal durchaus kein Partykeller war. Die Nonnen lebten nach den Grundsätzen der Armut und Askese. In Christoph Burkhardts Geschichte hält sie das aber nicht davon ab, eine jüdische Magd, den persischen Mediziner und die irischen Nonnen aufzunehmen und ihnen ebenso wie den Männern in der Klosterschänke ihre Überzeugungen und Kultur zu lassen.

Der vom Erzbischof entsandte Legat (Holger Nolte-Guenther, re.) macht die Bekanntschaft des persischen Klosterarztes (Yadollah Jamali). Der Effekt: eine Arznei für den Kirchenmann. Foto: yt
  • Der vom Erzbischof entsandte Legat (Holger Nolte-Guenther, re.) macht die Bekanntschaft des persischen Klosterarztes (Yadollah Jamali). Der Effekt: eine Arznei für den Kirchenmann. Foto: yt

Der Zisterzienser-Orden wurde zwar nicht von Bernhard von Clairvaux gegründet, aber entscheidend geprägt von dem später heiliggesprochenen Mönch, den Martin Luther als den frommsten Gottesmann schlechthin schätzte.

Dass die Zisterzienserinnen zum Schluss des Stückes ihre Schleier wegwerfen, darf wohl als Ausdruck dafür gelten, dass sie die Überzeugungen St. Bernhards, der sich für Gewaltmission aussprach und den zweiten Kreuzzug maßgeblich initiierte, als überholt betrachten. Ebenso wie die Idee aus dem Korintherbrief, dass die Frau ihr Haupt zu verhüllen habe, da sie kein Abglanz Gottes, sondern nur des Mannes sei.

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