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Zurück ins Leben

Von Johanna Landeck

Hessisch Oldendorf. Blass und weich ruhen die Hände in ihrem Schoß. Reglos. Der kurz geschorene Kopf liegt zur Seite geneigt auf der Halsstütze ihres Rollstuhls. Die Augen geschlossen – wie jeden Tag. Es begann mit starken Kopfschmerzen. Diagnose Hirnblutung. Nun liegt sie im Wachkoma.

veröffentlicht am 09.10.2009 um 18:09 Uhr
aktualisiert am 10.11.2016 um 03:21 Uhr

Wachkoma
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Von Johanna Landeck

Hessisch Oldendorf. Blass und weich ruhen die Hände in ihrem Schoß. Reglos. Der kurz geschorene Kopf liegt zur Seite geneigt auf der Halsstütze ihres Rollstuhls. Die Augen geschlossen – wie jeden Tag. Es begann mit starken Kopfschmerzen. Diagnose Hirnblutung. Nun liegt sie im Wachkoma. Anna Taube (Namen der Patienten von der Redaktion geändert) ist Patientin in der Neurologischen Klinik in Hessisch Oldendorf. Die BDH-Klinik ist eine Rehabilitations- und Akutklinik und Lehrkrankenhaus der MHH in Hannover. 150 Pflegekräfte arbeiten gemeinsam mit Ärzten, Therapeuten und Sozialarbeitern in dem großen Klinikkomplex, jeden Tag mit dem Ziel, die Patienten nach ihren Schicksalsschlägen ein selbst bestimmtes Leben in Familie und Beruf wieder möglich zu machen. Die Pflege kranker Menschen ist ein 24-Stunden-Job. Jede Kleinigkeit wird penibel dokumentiert. Alle Patienten erhalten bei ihrer Einlieferung einen individuellen Therapieplan. Je nach Krankheitsgrad werden sie unter anderem in der Ergotherapie, kognitiven Frührehabilitation und in der Physiotherapie betreut. Bei der Körperpflege werden die eigenen Hautcremes benutzt, das eigene Parfüm aufgetragen. Früh sollen sie kleine Aufgaben selbst erledigen, wie einen Rasierapparat aus eigener Kraft halten.
 Anna Taube ist seit sechs Wochen auf der Überwachungsstation. Weil sie kreislaufstabil ist, kann sie im Rollstuhl herumgefahren werden. „Von morgens bis nachmittags haben die Patienten ihre Therapiesitzungen“, erklärt Schwester Viola, Stationsleitung. „Das ist natürlich sehr anstrengend für sie.“
 Die Ü2, ein weiter weißer Raum, mittendrin ein großer Schreibtisch. Bunte Hefter und Ordner reihen sich auf den Regalen; die Patientenakten. Es riecht nach Kunststoff und Desinfektionsmittel. Ein älterer Herr sitzt im Rollstuhl an der gegenüberliegenden Wand. Sein Blick ist an die Decke gerichtet, der Mund halb offen. Ob er seine Umgebung wahrnimmt? „Ganz bestimmt“, meint Schwester Viola, „es gibt die landläufige Meinung, dass Menschen im Wachkoma nichts mitbekommen. Aber so ist es nicht. Viele Patienten hören schon nach kurzer Zeit wieder und es regt sich was. Das ist dann ganz großartig.“
 Es herrscht geschäftiges Treiben. Pfleger und Schwestern in grünen Kitteln und weißen Latschen eilen umher, über ihnen das Neonlicht. Trotz der Hektik ist Zeit für ein kleines Späßchen hier, ein liebevolles Wort zu einer Patientin dort. 9.30 Uhr, Therapiebeginn für Anne Taube. Schwester Viola schiebt den schweren Rollstuhl durch die breiten Gänge des Klinikums. Langsam sinkt der kleine Kopf zur Seite. Durch die fast durchsichtige Haut schimmern die bläulichen Adern der Schläfen. Sacht schiebt ihn die Schwester wieder zurück. Die Ergotherapie erinnert an den Raum in einer Vorschule. Grüne Topfpflanzen stehen auf den breiten Bänken der Fenster, durch die sich langsam die Sonne schiebt. Auf Holzregalen sammeln sich bunte Gummiringe und Boxen mit allerlei Kleinigkeiten wie Pinsel und Werkzeuge. Auch hier sind die Wände weiß, doch dazwischen hängen bunte Bilder. Die Therapeutinnen tragen keine Kittel. Bis zu 30 Patienten am Tag werden hier halbstündig betreut.
 Vor einem der Patienten steht ein halb fertiger Strohkorb auf dem Tisch. Er soll ihn weiter flechten. Eine einfache Motorikübung. Es klappt schon ganz gut, dann ein Fehler. Veronika Scharte, stellvertretende Abteilungsleiterin der Ergotherapie, hilft nach und beginnt dann die Sitzung mit Anna Taube. Ihre Augen sind noch immer geschlossen. Veronika beginnt mit leiser, deutlicher Stimme zu sprechen. Anna Taube soll versuchen, die Therapeutin anzusehen. Lange geschieht nichts.
Viel Lob und
aufmunternde Worte

 Die Hände liegen schlaff auf dem Kissen in ihrem Schoß. Schläft sie? Die Therapeutin streicht ihr mit etwas Druck über die Oberarme. Immer wieder animiert sie sie dazu, die Augen zu öffnen. Endlich ein Erfolg. Es folgen Lob und aufmunternde Worte. Nun soll die Patientin ihr rechtes Bein zeigen, ihren Bauch, ihren linken Arm. Ein Zittern läuft durch die hellen Fingerkuppen. Dann schiebt sich langsam die rechte Hand zu den richtigen Gliedmaßen. Anstrengung. Die schweren Lider senken sich erneut. Wieder wird sie ermutigt, die Augen zu öffnen. Doch sie bleibt still sitzen, den Kopf zur Seite gedreht. Nach einer halben Stunde wird Anna Taube von Schwester Viola abgeholt.
 Eine kurze Besprechung mit der Therapeutin: „Ja, es ist nicht einfach, aber sie kämpft. Anfangs konnte sie sich überhaupt nicht regen.“ Die Schwester schiebt den Rollstuhl in das Zimmer von Karin Scheunemann, Therapeutin für die Kognitive Frührehabilitation. Auch in diesem Raum gibt es eine Kiste mit allerlei Utensilien. Massagebälle und Rasseln. Karin lächelt und begrüßt die Patientin mit einer freundlichen Stimme, schiebt sich den langen, grauen Zopf über die Schulter. Noch jemand ist im Raum. Eduard Klinge, ein älterer Herr und weiterer Komapatient, wird mit dem Rollstuhl an den hohen Holztisch gefahren. Als Karin von seiner Entlassung im Mai spricht, öffnet er plötzlich die Augen. Die Therapeutin lacht und freut sich über seine schnelle Reaktion, dann beginnen die Übungen. Er soll ihre Hand halten und zugreifen. Es stellt sich kein richtiger Erfolg ein. Geduld ist gefragt. Lange hält sie seine Hand und spricht mit ihm. „Manche sagen schon nach einigen Sekunden, die Patienten reagieren einfach nicht. Aber da muss man eben warten und es weiterversuchen. Viele Reaktionen erfolgen wegen der Hirnverletzung stark verzögert.“ Statt Tadel gibt es Ermutigungen, Lob wenn etwas klappt
 „Einmal habe ich ihm ein Bild von einer Baustelle gezeigt. Darauf waren Bagger und Maschinen. Auf dieses Foto hat Eduard Klinge sehr gut reagiert. Seine Frau erzählte mir später, dass das früher sein Beruf gewesen sei. Darum lassen wir die Angehörigen zu Beginn einen Bogen ausfüllen mit Informationen über das Leben vor dem Wachkoma.“ Auch Anna Taube macht nun kleine Übungen. Die Therapeutin bittet sie, ihre rechte Hand zu heben. Leicht zittern ihre Finger wie die durchsichtigen Flügel einer Libelle, dann hebt sie die Hand. Kleine Zeichen, für Außenstehende möglicherweise nichtssagend und dennoch ein Zeichen, dass sie versteht. „Ich stelle Ihnen nun einige Fragen und gebe Ihnen zwei Antwortmöglichkeiten. Wenn sie ‚ja‘ meinen, dann halten sie ihren Daumen hoch, in Ordnung?“ Anna Taube bleibt reglos, gesenkte Augenlider. „Wir suchen zusammen die Hauptstadt von Deutschland. Meinen Sie, dass das Dresden ist? Oder ist die Hauptstadt Berlin?“ Anna Taube hebt ihren Daumen. Die Bewegung ist kaum mehr als eine zarte flatternde Geste. Es folgt eine halbe Stunde Gymnastik. Dann wird sie zurück in ihr Krankenbett gebracht. Zum Ausruhen. Mit viel Durchhaltekraft wird Anna Taube vielleicht irgendwann wieder für sich selbst sorgen können. Der Kampf um das Leben der Menschen in der BDH-Klinik geht weiter. Jeden Tag. Denn „nur durch die Hoffnung bleibt alles bereit, immer wieder neu zu beginnen“ (Charles Péguy).

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