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Am Freitag ist „Tag der Tiefkühlkost“ / Stefan Bohrer startet Experiment – Ausgang ungewiss

Zum Frühstück Müsli aus der Truhe

Hessisch Oldendorf. Siegrid Wiggert ist schon lange tot. Ach, Sie wissen gar nicht, wer Siegrid Wiggert ist? Sie war meine Kochlehrerin, die mich ab der 8. Klasse in die hohe Kunst der kulinarischen Genüsse eingewiesen hat. Ist halt so, wenn man unbedingt auf einer progressiven Schule sein Abitur ablegen möchte. Dann hat man auch so nützliche Fächer wie Stenografie, Schreibmaschineschreiben und eben Kochen.

veröffentlicht am 03.03.2014 um 20:00 Uhr
aktualisiert am 29.10.2016 um 03:21 Uhr

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Autor:

VON STEFAN BOHRER
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Das erste Gericht, das ich jemals mit meinen Schulfreunden Harald und zweimal Bernd in den schuleigenen Kochtöpfen zubereitete – wir waren in unserem Kurs die einzige rein männliche Vierergruppe, die den Herd bediente –, war Reissuppe. Frau Wiggert legte stets Wert auf frische Zutaten. Sie brachte uns bei, wie eine Brühe hergestellt wird und wie die Fettaugen in die Suppe kommen. War mal kein Markknochen zur Hand, den man auskochen konnte, kein Problem. Gewürzt wurde, wie in den späten 1970er Jahren üblich, mit Pfeffer, Salz und dem berühmten gestrichenen Esslöffel „Mariahilf“, also gekörnter Brühe. Manchmal durften wir auch einen Brühwürfel benutzen. Dabei gab die Schulspeisekammer an Gewürzen und Kräutern einiges her.

Im Laufe der Zeit lernten Harald, zweimal Bernd und ich, dass es noch mehr Gewürze gibt, als die von Frau Wiggert bevorzugten. Sie probierte an jedem der sechs Herde während des Unterrichts ausgiebig die Speisen. Bei uns sagte sie stets: „Jungs, ich weiß, dass ihr nie so würzt, wie ich es Euch beibringe. Ich will auch gar nicht wissen, was alles drin ist. Aber es schmeckt hervorragend.“ Was sie uns außerdem jeden Dienstag predigte: Immer frische Zutaten benutzen. Tiefkühlware war bei ihr verpönt. Und ist es bei mir auch heute noch.

Gut, ich gebe es zu: Fischstäbchen kann man auch frisch zubereiten, nur ist es sehr aufwendig. Ein werbewirksamer Kapitän bewirbt bekanntlich diese kleinen fiesen Dinger, bei denen man eigentlich nicht weiß, was sich unter der Panade tatsächlich verbirgt. Und ich lese mir nun wirklich nicht das Kleingedruckte auf der Verpackung durch. Zumal Fischstäbchen gut schmecken. Ein Lachsschnitzel zu panieren, hätte natürlich genau dieselbe Wirkung, dauert aber eben länger. Jetzt sei endlich auch verraten, dass ich generell – Frau Wiggert sei Dank – außer bei Fischstäbchen nur frische Zutaten verwende. Aber manchmal muss man auch seinen inneren Schweinehund überwinden. Denn wussten Sie schon, dass am 6. März „Tag der Tiefkühlkost“ ist? In Deutschland wird bekanntlich alles gefeiert, warum nicht auch die Tiefkühlkost? Grund genug für mich, mal einen Selbstversuch zu starten. Der will allerdings gut vorbereitet sein.

Die Redaktion meinte zwar, ich solle mal eine Woche nur von Frostware leben, ich konnte sie aber nach zähem Ringen auf drei Tage herunterhandeln. Ehe ich starte, steht jedoch ausgiebige Recherche an. Wie gut, dass einer meiner besten Freunde in der Werbebranche tätig ist. Markus Wetschewald hat eine Zeit lang Werbespots für eine Tiefkühlfirma gedreht. Darin telefonierte der Koch namens Peter mit Indien oder anderen asiatischen Ländern, um plötzlich auf dem Bildschirm zwei Schritte nach links zu machen und in eben jenen Garküchen zu stehen, in denen deutsche Produkte tiefgekühlt aus der Tüte gern mal in die Pfanne oder den Wok gehauen werden. „Lieber Markus“, winsele ich am Telefon, „kannst Du mir mal die Telefonnummer von Peter geben, der in Deinen Werbespots immer mit Gott und der Welt telefoniert?“ Ob ich jetzt wahnsinnig geworden wäre, fragt mich Markus. „Peter ist doch nur ein Schauspieler und tut nur so als ob.“

Ich berichte ihm von meinem Selbstversuch. Markus bekommt einen Lachanfall am Telefon. „Hast Du keinen Bock mehr, selbst zu kochen?“ Nein, drei Tage lang nicht. Also nächster Versuch. Manchmal sehe ich Lieferwagen in Hessisch Oldendorf, die Tiefkühlwaren direkt an der Haustür abgeben. Rufe ich doch einfach mal bei denen in Bad Salzuflen an. Der netten Dame in der Telefonzentrale ist nicht bekannt, dass es einen „Tag der Tiefkühlkost“ gibt. Gut, man kann nicht alles wissen. Aber Christoph Wietfeld, der Leiter der Marketingabteilung, kann mir doch vielleicht weiterhelfen? „Der ist gerade in einem Gespräch.“ Klar, denke ich, die sind ja immer im Gespräch, besonders, wenn so eine journalistische Nervensäge wie ich anrufe, die sich nicht gleich abwimmeln lässt. Ich hinterlasse meine Telefonnummer. Die Firma wirbt mit dem Slogan „Frische und Genuss – tiefgekühlt direkt ins Haus“. Mal sehen, ob ich bei denen drei Tage lang ein ausgewogenes Frühstück bekomme. Zum Mittagessen könnte ich mir ja Pizza in den Ofen schieben, abends dann was „Leckeres“ aus der Truhe wie griechisches Fertiggericht.

Mein Telefon klingelt. Wietfeld ist in Schwätzchenlaune, doch auch er weiß nichts von diesem besonderen Feiertag. „Sie scherzen“, sagt er. Mein „Mitnichten“ ignorierend bietet er mir für die erste Mahlzeit des Tages verschiedene Brotsorten an, ebenso Bircher Müsli, Milchshakes und Heidelbeerpfannkuchen. „Früher hatten wir auch Rührei im Sortiment. Jetzt leider nicht mehr.“ Genau das hätte ich bei Wietfeld bestellt. So werden wir leider keine Geschäftspartner.

„Und was ist mit Käse, Wurst und Marmelade?“, frage ich. Gibt’s leider nicht, wäre auch schwer einzufrieren. Aber ein englisches Frühstück mit Bratwürstchen, Croissants und Chlorophyll-Erbsen wäre ja eine Alternative, empfiehlt er. Aber drei Tage lang? Ich winke ab und beschließe, in Hessisch Oldendorf dahin zu gehen, wo sie werbewirksam behaupten: „Wir lieben Lebensmittel.“ Ich mache einen Kopfsprung in das Tiefkühlsortiment. Nach wenigen Minuten habe ich klamme Finger. Wahllos packe ich alles in meinen Einkaufskorb. Um eine Tiefkühlerfahrung reicher und diverse Euro ärmer verlasse ich den Laden. Jetzt auf kürzestem Weg nach Haus. Die Kühlkette soll möglichst nicht unterbrochen werden.

Von seinem Selbstversuch, drei Tage lang ausschließlich von Tiefkühlkost zu (über-)leben, berichtet Stefan Bohrer täglich in seinem Blog auf dewezet.de. Den kompletten Erfahrungsbericht gibt es dann am Donnerstag, 6. März, pünktlich zum „Tag der Tiefkühlkost“.



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