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Wie elf Senioren sich in ihrer WG auf Silvester vorbereiten / Feier zwischen Kaffee und Abendbrot

Zum Feuerwerk sind sie längst im Bett

Hessisch Oldendorf (ah). Seit einigen Monaten teilen sie sich eine große Wohnung, verbringen viel Zeit miteinander, reden, lachen, spielen, essen und feiern gemeinsam. Erstmals werden sie heute den Jahreswechsel zusammen begehen: Hildegard und Karl, Heide, die beiden Margarethes, Fritz, Friedrich, Irmtraud, Christina, Elfriede und Ilse. Die elf haben sich zu einer Wohngemeinschaft, kurz WG, zusammengefunden. Ihre Silvesterfeier wird anders ausfallen als in vielen anderen WGs, denn die WGler sind alle weit über 60 Jahre.

veröffentlicht am 30.12.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 09.11.2016 um 23:41 Uhr

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Gemeinsam wird geklärt, was gegessen wird, was erledigt werden muss, wie Feiertage gestaltet werden. „Silvester – darüber haben wir uns noch gar keine Gedanken gemacht“, antworten einige von ihnen drei Tage vor dem letzten Abend im Jahr. „Das werden sie recht spontan entscheiden – je nach Verfassung“, sagt Helga Schulte vom Pflegedienst des DRK, das in der WG als Dienstleister vertreten ist, und Nicole Kroh ergänzt: „Weihnachten hat für sie eine größere Bedeutung.“ Die WG-Bewohner planen nicht mehr langfristig, sie sind durchschnittlich fast 80 Jahre alt.

Vorstellungen und Wünsche gibt es aber doch: Natürlich soll die Wohnküche geschmückt werden, versichern sie. „Vielleicht mit kleinen Glücksschweinen“, schlägt eine vor, „… und Luftschlangen und Wunderkerzen“, eine andere. Zum Essen an Silvester soll es diesmal etwas Besonderes sein. Lachs und Forelle wird es geben, anschließend kommen Knabbersachen auf den Tisch. „Bei mir zu Hause in Großenwieden gab es immer Heringssalat“, erinnert sich Margarethe Bierwirth. Der kommt heute nicht infrage, die WGler aßen ihn bereits an Heiligabend. „Vielleicht werden sie Gesellschaftsspiele wie ,Mensch ärgere dich nicht’ spielen, alte Schlager hören, dazu singen und eventuell auch tanzen“, überlegen zwei DRK-Mitarbeiterinnen laut. „Tanzen können wir doch alle gar nicht mehr!“, wirft Ilse Sempf ein. „Doch, Herr Bekedorf ist ein guter Tänzer“, erwidern die beiden und erzählen von manch hingebungsvollem Tänzchen des Seniors. Sie mutmaßen, dass sich die Silvesterfeier in der WG zwischen Kaffee und Abendbrot abspielen wird. Alkoholfreier Sekt dürfe dabei nicht fehlen. „Und für mich bitte ein Dunkelbier, das ist festlich“, fügt Ilse Sempf hinzu. Nur etwa die Hälfte der Bewohner wird sich am Abend noch eine Silvestersendung im Fernsehen anschauen. „Wenn das Feuerwerk beginnt, sind wir bestimmt alle schon im Bett“, erklärt Hildegard Tute. Früher, da gab es für die Hessisch Oldendorferin einen festen Ablauf am letzten Abend des Jahres: Nach dem Kirchgang sah sie sich „Dinner for one“ und eine Silvesterparty im Fernsehen an, „aber in den vergangenen Jahren bin ich immer schon vor Mitternacht eingeschlafen“, gesteht die rüstige Seniorin, die das Feuerwerk immer sehr gern betrachtet hatte.

Heute geht der Schlaf vor. Ihre Enkelin Gina Grundmann erzählt, was die Großmutter auch ausstrahlt: „Sie fühlt sich richtig wohl hier.“ Das Leben in der WG habe sie munterer gemacht, rege würde sie am Gemeinschaftsleben teilnehmen. Auch ihre Mahlzeiten würden nun viel ausgewogener sein. „Heute hat meine Großmutter Kartoffeln für das Mittagessen geschält“, berichtet Gina Grundmann, und ihr Mann wirft ein: „Früher hat sie sich zu Mittag zwei Kroketten in den Backofen geschoben.“

Christina Eßer ist die einzige, die mit ihrem Mann in der Senioren-WG wohnt. Das Ehepaar zog im Januar von Düsseldorf in die Kernstadt, weil es in der Nähe seiner Tochter sein wollte, sie lebt in Schaumburg. Christina Eßer genießt es, sich umgeben von ihren eigenen Möbeln in Bücher zu vertiefen und an guten Tagen auch an kulturellen Ereignissen teilzunehmen. Begeistert berichtet sie von einem Orgelkonzert in der Stiftskirche, das sie mit ihrer Tochter besucht hat. Im Rückblick meint sie: „Ich bin froh, dass dieses Jahr um ist.“ Gesundheitliche Probleme, mehrere Krankenhausaufenthalte, die fortschreitende Demenz ihres Mannes, der sie oft nicht erkenne – das sei bitter gewesen. Für das neue Jahr hofft sie, dass alles so bleibt, wie es jetzt gerade ist – und dass sie wieder häufiger nach draußen in die Natur kommt. Früher hätten ihr Mann und sie mit Freunden den Jahreswechsel gefeiert, auch immer „Dinner for one“ gesehen und sich dabei fast totgelacht. Und heute? „Ich gehe ins Bett“, lautet die knappe Antwort der 79-Jährigen. Beim Schmücken der Küche ist sie allerdings mit Eifer dabei. Geduldig erklärt sie Margarethe Bierwirth, wie man am besten Luftschlangen pustet. „Der Zippel muss nach vorne“, sagt sie und hilft ihrer Mitbewohnerin, bis diese mit der richtigen Technik auch eine lange Papierschlange für den Tischschmuck pustet. Glücksschweine und kleine Glückskleetöpfe mit Schornsteinfegern stehen mittlerweile zwischen Adventsgestecken.

Was sich die Mitbewohner für das neue Jahr erhoffen, klingt wie abgesprochen, ist es aber nicht. Unabhängig voneinander wünschen sie sich „Gesundheit – und hier in der WG zu bleiben…“

Hilde Tute (li.) und Gretel Büttner haben sich in der Senioren-WG kennengelernt und haben sich angefreundet. Ihre Aufgabe ist es, die Deko zu machen – für die richtige Silvesteratmosphäre.

„Der Zippel muss nach vorne“, erklärt Christina Eßer (re.) und bringt Margarethe Bierwirth die richtige Luftschlangenpustetechnik bei.



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