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Seelsorger des Taubblindenwerks geht in den Ruhstand / 15 Jahre brachte er den Bewohnern Glauben nahe

„Wir sehen Gott doch auch nicht“

FISCHBECK. „Wir sehen Gott doch auch nicht“, ist die Antwort des Pastors Klaus Sander auf die Aussage, dass taubblinde und hörsehbehinderte Menschen doch „gar nicht glauben könnten“. 15 Jahre lang hat er den Bewohnern des Taubblindenwerks auf verschiedene Weisen den Glauben nahegebracht. Nun geht er in den Ruhestand.

veröffentlicht am 17.12.2017 um 15:23 Uhr

Gemeinsam mit seiner Handpuppe Pico, die er als „Brücke zu den Bewohnern“ sieht, wird Pastor Klaus Sander in den Vorruhestand gehen. Foto: ah
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Annette Hensel Reporterin
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„Abends mit Sabine aus Haus 15, die im Rollstuhl sitzt und mit den Ohren fernsieht, Champions League schauen“. Das kommt Klaus Sander zuallererst in den Sinn, als er nach besonders eindrucksvollen, schönen Erlebnissen in den letzten Jahren gefragt wird. „Sabine ist blind, spastisch sehr eingeschränkt und dennoch so voll im Hier und Jetzt“, erzählt er und sagt: „Man darf Behinderung nicht beschönigen, das ist ein Kreuz – aber in allem gibt es ganz viel Lebensqualität und Lebensfreude, die einen gesunden Menschen manchmal beschämt.“

Wer im Deutschen Taubblindenwerk arbeite, müsse die Grundbereitschaft mitbringen die Bewohner so anzunehmen, wie sie sind, sie als Menschen Wert zu schätzen, betont Sander, der im Mai 2001 seine Tätigkeit als Seelsorger in Fischbeck aufgenommen hat. „Damals gab ich mir zwei Jahre Zeit ehrenvoll zu scheitern“, verrät er – und hat noch 15 Jahre angehängt.

37 der 127 Bewohner sind je nach Wochenplan regelmäßig bei ihm. „Sie sitzen dann auf dem Sofa oder in ihrem Rollstuhl, ich singe mit ihnen, erzähle eine Geschichte, spreche ein Gebet und segne sie“, so Sander, an dessen Seite immer die Handpuppe Pico ist. „Pico ist die Brücke zu den Bewohnern, ein Freudenmacher, mit dem ich beispielsweise Dialogpredigten halte“, fügt er hinzu.

Unabhängig von der Religion sind bei Sander alle eingeladen. „Ein Bewohner hat einen muslimischen Hintergrund, aber seine Mutter hat eingewilligt, dass er hier dabei ist – wenn Weihnachtslieder gesungen werden, wippt er immer mit.“ Der evangelische Pastor musste aber auch feststellen, dass es Bewohner gibt, deren Familien den Kontakt komplett abgebrochen haben. „Mein Anliegen ist es sie mitzunehmen in das Geheimnis Gottes“, erklärt er und erinnert sich an den Besuch eines FAZ-Teams und dessen Einwand: „Aber die können doch gar nicht glauben...“

„Wir sehen doch Gott auch nicht“, lautete Sanders Antwort, der für sich erkannt hat: „Nicht nur Worte, auch viele Symbole vermitteln die Botschaft Gottes und die Menschen hier spüren, dass sie in einer anderen Atmosphäre sind.“ Manche Trauerfeier hat der Theologe geleitet, erst vor wenigen Monaten für eine jüngere Bewohnerin, deren Lebensstationen in Form von Steinen abgelegt wurden. „Die Eltern waren dankbar, dass wir ihre Tochter in dieser Form gewürdigt haben“, erzählt Sander.

Mit Bewohnerin Steffi L. geht er regelmäßig den „Trauerweg“ zum Friedhof, besucht mit ihr drei Grabstätten der in der Einrichtung Verstorbenen. „Dort sprechen wir ein Gebet, dann singe ich mit Steffi von einer Eisengittertüre aus ein Lied in die hallende Turmhalle der Stiftskirche hinein und zum Abschluss gibt’s in meinem Büro Tee und Kekse – die Zuwendung ist eben ganzheitlich.“ Damit alle Sinne angesprochen werden, setzt er auch Räucherkerzen und Klangschalen ein und segnet mit Duftöl. Das nötige Handwerkszeug wie Lormen und Gebärdensprache hat sich Sander „nach einer Anschub-Einführung“ selbst beigebracht. „Ohne das geht es nicht“, betont er und erklärt.

Für die Mitarbeiter hat der Theologe einen Kurs „Ermutigung zur Sterbebegleitung“ angeboten – sei es den Tod eines der Bewohner oder von Eltern betreffend. Die Krankenbesuche, der Nikolaus-Gottesdienst mit der Apfelpyramide oder ein Rundfunkgottesdienst gehören ebenfalls zu den Erinnerungen, die ihn mit einem lachenden und einem weinenden Auge in den Vorruhestand gehen lassen.

Viele Abschiedstränen sind in den letzten Tagen im Deutschen Taubblindenwerk geflossen. „Klaus hat mit seiner sehr zugewandten, wertschätzenden und humorvollen Art intensive Beziehungen zu unseren taubblinden Menschen aufgebaut. Aber auch im Mitarbeiterkreis ist er sehr beliebt und anerkannt“, sagt Betreuungsdienstleiterin Jutta Hennies und ergänzt: „Er hat die Atmosphäre in unserer Einrichtung intensiv mitgeprägt. Wir werden ihn sehr vermissen!“

Am Montag, 18. Dezember, findet im Saal der Einrichtung im Pötzer Kirchweg um 16 Uhr der traditionelle Weihnachts- oder Jahresabschlussgottesdienst mit ‚Wanderung‘ zur Krippe statt. Anschließend wird Klaus Sander im Rahmen einer Feierstunde entpflichtet.



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